Von Dietmar Dath
18. Oktober 2004 Dagegen, daß nicht nur besonders wertvolle Spielfilme und Dokumentationen über Leguane, Hitler und sonstiges Gekrauche, sondern auch Crockett und Tubbs, Thomas Magnum, J. R. Ewing und die Biene Maja fürs DVD-Format digital neu belebt werden, kann man eigentlich nichts vorbringen.
Abgesehen von der Lust am Komplettieren der selbst aufgenommenen, lückenhaften Videosammlung und der Möglichkeit, Studierenden der Kulturwissenschaften oder Medienkunde mit den Neueditionen so etwas wie historisch-kritische Ausgaben wichtiger Serien an die Hand zu geben, bietet das DVD-Zeitalter der Fernsehzweitverwertung vor allem eine schöne Gelegenheit zum Trostglotzen: Die satten Jahre sind vorbei, aber auf dem Schirm erstehen sie wieder. Verschleißresistenter als die alten labbrigen Bänder sollen die Silberscheiben angeblich auch sein - man wird sehen. Die Anregung, Lieblingsszenen am PC in Einzelbilder zu zerlegen, als Tapete, Bildschirmschoner oder Ausdruck in den Alltag zu importieren oder weiterzubearbeiten, läßt man sich auch gern gefallen.
Das kulturelle Gedächtnis stirbt
Kulturindustriell bediente Nostalgie und ihre oft technikgetriebenen sogenannten "Revivals" haben der alten Idee von "Dauer" und "Kanon" überdies die Maßstabstreue zum individuellen Menschenleben voraus: Wenn die Sachen, die einen kulturell sozialisiert haben, nach zwanzig Jahren auf neuen Trägermedien wiederauftauchen, um auch und gerade in private statt nur in öffentliche oder akademische Archive zu wandern, bleiben sie womöglich eines schönen Tages auf die jeweils betroffenen Generationen beschränkt - das kulturelle Gedächtnis wird, da an die gegenüber dem "ewigen Menschheitsgedächtnis" erheblich kürzere Leine der Warenkonjunktur gelegt, dem Gedächtnis der Individuen ähnlicher und stirbt mit ihnen.
Der Lehrplan der Nachwelt schwillt also nicht über Gebühr an - erfreulich, vorausgesetzt, die Industrie, bei der die Verantwortung liegt, verwaltet die Nostalgie mit dem Minimum an Treue zu ihren Gegenständen, die dabei sachgemäß zu fordern ist.
Weniger fein wird es aber, wenn man beim Ansehen der hübschen Mystery-Soap "Roswell" auf DVD plötzlich die dem Handlungfortgang stellenweise durchaus nicht nur als Beiwerk, sondern als präziser Gefühlskatalysator unterlegte Popmusik nicht wiedererkennt, weil die Plattenfirmen von den Editionsherstellern zu hohe Lizenzgebühren gefordert haben und man diesen Teil der Tonspur deshalb kurzerhand durch andere, billigere Songs ersetzt hat.
Es war doch alles ganz anders
Ganz leidig schließlich wird man finden müssen, daß die seit kurzem erhältliche, sechs Folgen auf zwei DVDs umfassende "Miami Vice"-Auswahl von Universal, die unbescheiden als "definitive Kollektion" beworben wird, schon nach wenigen Minuten das Gefühl vermittelt, man habe das doch alles ganz anders in Erinnerung.
Hat man Anfang der Achtziger leichtlebige Frauen im Partykontext wirklich schon als "Luder" bezeichnet, redeten sich die beiden Helden tatsächlich mit "Alter" an statt mit dem rührend-unbeholfenen "Mann" aller älteren Großstadtkrimiverdeutschungen, und hieß jener Gangster, dessen Verfolgung das Detective-Duo zusammengebracht hat, wirklich "Calderone" mit deutlich ausgesprochenem "e" am Ende, statt lässig hispano-amerikanisch "Calderon", Betonung auf: "-ron", und das "r" bitte fies gerollt?
Und dann diese Stimme, mit der Ricardo Tubbs (Philip Michael Thomas) hier redet! Das kann nicht stimmen; das ist doch entweder wirklich Tommy Piper (wir dauerhaft Achtzigergeschädigten kennen ihn als deutsches Brüllorgan der außerirdischen Mottenfängerpuppe Alf) oder jemand, der erfolgreich versucht, wie Tommy Piper zu klingen, soweit Tommy Piper seinerseits gerade erfolglos versucht, wie der Mann zu klingen, der damals Tubbs synchronisiert hat.
Eine mehr als dünne Auswahl
Mit Ausnahme des bei so etwas wohl nicht vermeidbaren Pilotfilms ist die Sammlung eine mehr als dünne Auswahl, kein einziger der echten Höhepunkte aus der Serie ist dabei. Wenn man die fraglichen Folgen tatsächlich noch auf Video, sei's vor Urzeiten bei der ARD, etwas später auf einem der dritten Programme oder vor wenigen Jahren bei der Neuausstrahlung auf RTL 2 - "Crockett und Tubbs: Diese Cops sind Kult" - aufgenommen hat, kann man sich im Direktvergleich überzeugen, daß nicht nur die Stimme, sondern auch der gegenüber den markigen Einsilbigkeiten seines Partners als wichtiges Entspannungsmoment in die alten deutschen Synchrontexte integrierte Humor, mit dem Tubbs sich zu äußern pflegte, verschwunden ist: Während er früher bei der Ankunft auf den Bahamas vermeldete, hier gebe es sicherlich "Haie und andere Skurrilitäten", hofft er heute bloß noch, daß das Boot nicht geklaut wird, und wo er einst einem Verhafteten androhte, jener werde "im staatlichen Vogelkäfig als Singdrossel ausgestellt", schüchtert er ihn heute nur damit ein, er müsse womöglich bald "im Knast mit einem Schild ,Polizeispitzel' um den Hals" herumlaufen.
Der zweite Teil von "Calderone's Rückkehr" offenbart auch bei bloß oberflächlichem Parallelsehen den Grund fürs Debakel: Hier fehlte damals die einförmig-öde, aber stimmungsvolle Bootsfahrt, weil man für die deutsche Fernsehausstrahlung auch bei ursprünglich etwas längeren Originalen auf die üblichen fünfundvierzig Minuten kommen mußte, die der Sendeplatz erlaubte, anstatt eine volle Stunde zur Verfügung zu haben, die mit Werbung und zur Not eingespielten Programmhinweisen oder sonstiger Eigenreklame gestopft werden können. Neu synchronisiert wird also, weil die alte deutsche Tonspur einfach lückenhaft ist.
Alte Inhalte in neuen Medien
Der Inhalt neuer Medien sind alte Medien, lehrte McLuhan. Er meinte damit etwa, daß die ersten vom Fernsehen selbst erheischten Produktionen wenig mehr als abgefilmte Theaterstücke waren und die digitalen Speichermedien von heute vor allem viel Vordigitales speichern können und sollen. Wenn die historisch gewordenen Import- und Zeitverhältnisse, unter denen Fernsehserien nach Deutschland kamen, es den Medienkonzernen also nicht erlauben, das Werk den digitalen Transfer unbeschadet überstehen zu lassen, schafft sich das Gesetz McLuhans eben andere Vollstrecker - wie im Fall der einen oder anderen sehr beliebten, sehr viele Folgen umfassenden Serie, die man über treue deutsche Fanclubs zu teilweise stattlichen dreistelligen Europreisen komplett auf DVD-Sammlungen bekommt, als deren Quellenmaterial wiederum umfangreiche, verläßliche private Videosammlungen genutzt werden.
Es steht zu erwarten, daß sich die Lenker von Fox oder Universal so schnell nicht der Meinung des Science-fiction-Autors und Zeitkritikers Bruce Sterling anschließen werden, es wäre wohl das Sinnvollste, digitalisierbare Kulturgüter vom Spielfilm über die Fernsehserie bis zur Musik einfach auf ein paar große Server zu packen und es den aus nostalgischen, wissenschaftlichen oder sonstigen Gründen daran interessierten Leuten zu überlassen, was sie sich runterladen, archivieren und vielleicht wieder löschen wollen - wie ältere schöpferische Zeitzeugnisse ihren Platz in Museen und Bibliotheken haben. Kulturindustrie will Geld verdienen und muß Waren herstellen. Deswegen wohl soll "Miami Vice" ja jetzt auch von Universal neu verfilmt werden.
Aber auf den Gebrauchswert materieller Erinnerungsspuren zu pfeifen und im Handstreich zu fälschen, was die Leute von Wiederveröffentlichungen folgenreicher Fernsehserien bezeugt wissen wollen, nämlich wie es damals eigentlich gewesen ist - das sollte sich nicht bezahlt machen.
"Miami Vice" kommt wieder, weiß das amerikanische Unterhaltungsmagazin "Variety" zu berichten. Die Wiederaufnahme wird wohl keine Reminiszenz werden, sondern eine ziemlich gegenwärtige Veranstaltung, dafür spricht die vorgesehene Besetzung mit den Schauspielern Colin Farrell und Jamie Foxx. Doch werden "Kultserien" wie diese mitunter nicht erst bei der Umwandlung fürs einundzwanzigste Jahrhundert verhunzt. Manchmal reicht - wie hier - eine DVD-Ausgabe, um einem den Spaß an der Nostalgie zu nehmen. Ein typischer Fall.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2004, Nr. 243 / Seite 42
Bildmaterial: AP
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