06. September 2004 Je weniger man darauf hoffen kann, daß der Patient genesen kann, desto mehr behandelt man ihn vor allem mit schmerzlindernden Mitteln. Aus der Art, wie die russischen Behörden die Geiseltragödie im nordossetischen Beslan herunterspielten, die Zahl der Geiseln herabsetzten und jetzt Ärzte, die Opfer versorgen, zum Schweigen gegenüber den Medien verpflichten, spricht neben Behördenzynismus auch eine erschütternde Resignation. Als ob für das Krebsgeschwür des Terrors, das in der Kaukasus-Republik Tschetschenien unter den groben "chirurgischen" Eingriffen der russischen Truppen heranwuchs und seine Metastasen immer aggressiver über den Organismus des Landes aussendet, nur noch die Gesundbeterei übriggeblieben ist.
Am späten Abend nach dem blutigen Ende der Geiselnahme lobte im russischen Fernsehen ein eigens ins Studio geladener Diplompsychologe die Moskauer für ihre Ruhe, riet Freunden und Angehörigen von Terroropfern, bei Verwandten oder Psychotherapeuten Beistand zu suchen, und bezeichnete Bemühungen, die allgemeine öffentliche Wachsamkeit zu erhöhen, als sinnlos: Gegen den Terror könne man sich nun mal nicht schützen.
Ergebene Reaktion
In diesen Tagen, da viele zu beobachten meinen, wie das Gesicht des dritten Weltkriegs immer deutlichere Züge annimmt, fällt zugleich auf, daß die russische Gesellschaft passiv, geradezu ergeben reagiert. Wären die jüngsten Terrorakte nicht ausführlich von den Medien geschildert worden, so hätte außer den Angehörigen der Opfer kaum jemand Anteil genommen, stellt der Publizist Vitali Tretjakow fest. Ja, die Russen reagierten nicht panisch, sagt Tretjakow, aber sie seien auch nicht bereit, der Hydra Einhalt zu gebieten. Es scheint, als habe die Gesellschaft akzeptiert, etwa alle drei Monate ein paar hundert Menschen zu opfern.
Die grausame Prüfung des Terroranschlages hat die Fassade der Putinschen Konsolidierung Rußlands einstürzen lassen und ein schwarzes Loch zum Vorschein gebracht. Es spricht für ein zum Verschwinden dünnes soziales Gewebe, wenn der russische Wachmann Valentin sich dafür aussprechen kann, Tschetschenien dem Erdboden gleichzumachen, und fünf Minuten später für die Terroristen Verständnis kundtut: Diese Leute hätten keine Arbeit, keine Zukunftsperspektive außer derjenigen, mit einiger Wahrscheinlichkeit in den Kellern des russischen Geheimdienstes zu Tode gefoltert zu werden. Als Terroristen stürben sie einen relativen Heldentod und könnten sich zuvor noch einmal produzieren.
Eine Medienkampagne
Ein Terroranschlag ist immer auch eine Medienkampagne, stellt die Journalistin Julia Latynina fest. Die Terroristen, die medienwirksam vorgeführt haben, wie man mit verhältnismäßig geringem Aufwand an Personal und Mitteln gewaltigen Schaden anrichtet, streiten nach Frau Latyninas Diagnose gegen die Medienmaschine des Kreml. Diese Maschine hat nicht nur eine Niederlage erlitten, sondern sich als Mittel erwiesen, das die Krankheit verstärkt.
Von der ersten bis zur letzten Minute des Dramas nahmen Russen die mediale Berichterstattung mit der geradezu reflexhaften Überzeugung zur Kenntnis, sie würden belogen. So ist man es gewohnt. Als es am Freitag hieß, die Sondereingreiftruppen seien durch feuernde Terroristen gezwungen worden, die Schule zu erstürmen, gab sich ein angesehener Schriftsteller mit intimer Kaukasus-Erfahrung zweihundertprozentig überzeugt, daß im Gegenteil die Russen angefangen hätten. Normalbürger wie Intellektuelle stimmten ihm zu.
Die Lüge verschärfte die Lage
Die über Tage wiederholte Lüge, in der Hand der Geiselnehmer befänden sich rund dreihundert Personen - statt der mehr als tausend -, scheint überdies die Lage in der besetzten Schule von Beslan verschärft zu haben. Befreite Geiseln berichteten, ihre Peiniger hätten ihnen vorgehalten, welche Geringschätzung der russischen Obrigkeit für ihre Not daraus spreche. Zeugenaussagen lassen zudem darauf schließen, daß von russischer Seite praktisch keine Kontakte zu den Entführern unterhalten worden seien, weshalb diese alle Reste humanen Verhaltens nach zwei Tagen ablegten.
Der für den Nordkaukasus zuständige Sprecher des Sicherheitsdienstes, Andrejew, versicherte, man werde die Wahrheit zutage fördern, so bitter sie auch sei. Doch die offiziellen Meldungen stimmen mit den Aussagen der Betroffenen nicht überein. Die Sicherheitskräfte behaupten, die Terroristen, etliche unter ihnen Araber, seien maskiert gewesen. Die befreiten Geiseln sprechen von nur einem Maskierten und erwähnen arabische Terroristen nicht. Dafür "eigene" Leute, außer Tschetschenen auch Russen und einen Osseten. Die Überlebenden beschreiben das moderne Schlachtfeld: Menschen, die zu "intelligenten" Waffen geworden sind, inmitten der schutzlosen Schafherde von ihresgleichen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2004, Nr. 207 / Seite 33
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