Mongolei

Verzeiht uns, Völker dieser Erde!

Von Galsan Tschinag

10. Juli 2008 Am 1. Juli 2008 geschieht in der mongolischen Hauptstadt Ulan-Bator etwas, das nachträglich und einhellig von allen politischen Kräften als ein schwarzer Fleck in der Geschichte des Landes bezeichnet wird. Zur Mittagsstunde strömen einige hundert Menschen mit Fahnen und Transparenten auf das Parteigebäude der mongolischen Kommunisten zu. Die Demonstration wird von zwei bekannten Oppositionellen, Jargalsaikhan und Magnai, geleitet und soll im Namen des Volks gegen den Wahlbetrug protestieren und Neuwahlen fordern. Einige Dutzend Polizisten mit Schutzhelmen und Schlagstöcken versperren den Eingang. Sprechchöre ertönen: Der Parteichef und Ministerpräsident Bajar soll sich der Demonstration stellen.

Wird irgendeiner in der Menge erwartet haben, dass der Gerufene tatsächlich erscheinen würde? Nein. Denn dafür kennt man die Kommunisten zu gut. Sie stehen seit nunmehr siebenundachtzig Jahren mit einer winzigen Unterbrechung nach dem Zusammenbruch des Weltkommunismus an der Macht. Der Westen hat sich schnell dafür entschieden, beide Augen zuzudrücken und die blutverschmierte und tränengetränkte kommunistische Vergangenheit in den Weiten des Ostens ruhen zu lassen. Die gefügigen Diener der Sieger, bereit, gegen Krümel für die eigenen Taschen große Batzen aus der Schatztruhe des Landes herauszugeben, haben am Vortag, bevor die offiziellen Wahlergebnisse vorlagen, ihren Sieg unter Hurrarufen bekanntgegeben. Kann man von solchen Siegesberauschten erwarten, mit protestierenden Wahlverlierern zu sprechen? Nein.

Die Macht fühlt sich zu sicher

Jetzt, nachdem sechs Menschenleben ausgelöscht, Hunderte von Menschen verletzt, zwei der wenigen Prachtbauten im Stadtkern zertrümmert sind samt Milliardenwerten und dem guten Ruf der achtzehnjährigen – endlich als volljährig geglaubten! – mongolischen Demokratie, sieht man überall entsetzte Gesichter und hört bekümmerte Stimmen: Immer wieder wird dieselbe Frage gestellt: „Hätte der Gerufene sich nicht wenigstens für fünf Minuten zeigen können?“

Denn dann, so glaubt man, hätte sich die Demonstration nach ein, zwei Stunden aufgelöst, wie es in den zurückliegenden Jahren Hunderte von Malen geschehen ist, ohne das ein Tropfen Blut floss. Aber statt einer Geste des Entgegenkommens greifen zusätzliche Polizeieinheiten ein, die Staatsgewalt zeigt sich. Auch hier, in der Wetterecke der Weltpolitik, wird die fette Selbstgefälligkeit der Machthaber sichtbar, sie fühlen sich zu sicher. Aber bald stellt sich heraus, dass die Polizei nicht in der Lage ist, sie zu beschützen.

Quellender Rauch, lodernde Flammen

Denn die ersten Steine fliegen, die dicke Glasscheibe der Eingangstür wird samt den Scheiben der Fenster der unteren Stockwerke eingeschlagen. Magnai, der jüngere der beiden Organisatoren, scheint zur Besinnung zu kommen. Vielleicht bekommt er auch Angst angesichts der ausbrechenden Massengewalt, jedenfalls brüllt er immer wieder ins Mikrofon: „Mongoltschuud aa!“ Der Ausruf „Mongolen!“ ist das letzte Mittel aus dem Jargon der nationalistisch-demagogischen Ecke. Dann brüllt er: „Die Polizisten sind des Volkes Kinder! Wir sind nicht gekommen, um uns mit ihnen zu schlagen!

Doch es ist bereits zu spät. Die Ausschreitungen folgen dem Gesetz der Gewalt, die Schlacht tobt. Alles gerät außer Kontrolle. Steine fliegen hin und her, Flaschen, Holz- und Eisenteile. Klirrende Glasscherben. Stürzende Pfosten. Blutverschmierte Gesichter. Quellender Rauch. Lodernde Flammen. Das Verbrecherischste inmitten dieses Verbrechens: Mit einem Mal sind die Anführer nicht mehr da! Sind sie vor lauter Angst geflüchtet? Oder haben sie gedacht, es ist nun genug, denn es hat angefangen?

Blinde Wut

Wer dem Lauf einer Tragödie zuschaut, begreift einiges. Man ist überrascht, was aus einer zur Routine zählenden Protestdemonstration plötzlich entsteht: Alle schlittern hinein in den Schlund des Ungeheuers Gewalt. Der Staat ist nicht so stark, wie er sich gibt. Die Ordnungshüter werden von den Randalierern überwältigt. Soldaten, die ihnen zu Hilfe eilen, ändern daran lange nichts. Die Folgen einer blinden Verherrlichung der eigenen räuberischen Vergangenheit durch die jüngste, von heute auf morgen umgestellte Geschichtsschreibung, Kunst und Kultur zeigen sich – die jungen Menschen spielen ohne jegliche Hemmung die Rollen eines zweifelhaften Heldentums. Endlich dürfen sie sein, wovon sie gehört und gelesen und was sie immer wieder gesehen auf der Leinwand und dem Bildschirm: Helden, die weder Furcht noch Zögern, noch Gnade kennen und dafür wissen, die wunderbar einfache, rohe Muskelkraft aus ihren Körpern ausbrechen zu lassen und auf den plötzlich sichtbaren Gegner loszugehen, zu schlagen und zu treten, um sich in der Siegerpose zeigen zu dürfen.

Was mir besonders auffällt, wenn ich auf die Szenen des blindwütigen Zerstörungsdramas schaue, ist die Furchtlosigkeit der Spieler. Sie sehen doch, dass sie von allen Seiten beobachtet, sogar gefilmt werden! Das scheint ihnen nichts auszumachen; sie zeigen ihre Gesichter nicht nur bedenkenlos, sondern auch, wie mir scheint, stolz und würdevoll. Mit aller Kaltblütigkeit brechen sie die geraubten, hochprozentigen Alkoholflaschen auf, und begießen alles, was brennt.

Die unsichtbaren Mörder

Von Diebstählen in Millionenwerten ist die Rede. Wer wird sie wohl begangen haben? Die Randalierer? Gewiss, aber nicht allein die Steinewerfer, nicht diese Verdreckten und Erschöpften, sondern Sauberbekleidete, vermutlich Seidenbeschlipste und Sonnenbebrillte und vor allem Motorisierte und Ausgerüstete, ja Bewaffnete ganz bestimmt. Anders gesagt, eine organisierte Bande, die womöglich erst während des Krawalls auf die Idee gekommen ist.

Unser Justizminister beteuert jetzt, der Staat würde alle Verbrecher fassen. Es dürfte eigentlich nicht schwer sein, die Schläger und Brandstifter zu identifizieren, es gibt ja viele Videoaufnahmen. Aber die großen, unsichtbaren Diebe und die Mörder – ob man auch an diese herankommen wird und darf? Der primitiv ausgeführte, aber immer noch nicht geklärte Mord an Zorig, dem Führer der Demokratiebewegung, weckt Misstrauen.

Der verkehrte Sieg

Es gibt weitere Fragen. Ob die Aussagen der Verhörten alle stimmen? Sind die Schlüsse, die daraus gezogen werden, frei von politischen Taktiken und Strategien? Die Stimmen, die in diesen Tagen des Ausnahmezustandes hörbar werden, im Schatten des Kriegs und der patrouillierenden Soldaten in den Straßen der Hauptstadt, sind eindeutig: Sie halten die Partei der Kommunisten für das Opfer und die Opposition für die Übeltäter. Mit keinem Wort wollen sie an die Ursache der Unruhe im Volk erinnern. Wird es nun zu einer Verleumdungsaktion gegen alle Andersdenkenden kommen, die den Kommunismus weiter erstarken lässt? Denkt man in diese Richtung weiter, kommt man sogar bis zum Reichstagsbrand in jener fernen Zeit und jenem fernen Land Deutschland. Wird gerade in den Gefängnissen irgendjemand bearbeitet, um einen mongolischen Georgi Dimitroff aus ihm zu machen?

Ohne Zweifel, die Mongolische Revolutionäre Volkspartei hat Verluste erlitten. Ihre materiellen Wunden wird sie mit den Steuergeldern des Volks heilen. Aber der Schlag hat auch andere getroffen. Eigentlich hat er alle getroffen, jene Diebe ausgenommen, an welche die Justiz nicht herankommt. Die schwerste Wunde ist der immer noch zu zarten Demokratie im Land zugefügt worden.

Ein Kampf um Eitelkeiten

Es fing mit den Wahlkämpfen an. Zunächst: Jeder, der eine führende Stellung bekleidete (Abgeordnete, Minister, Chefs von Provinzen, Großbetrieben, Agenturen, Redaktionen und so weiter) und wer Geld genug besaß (Bankiers, Industrielle und sonstige Millionäre und Milliardäre), wollte ins Parlament kommen. Warum begehrt man das denkbar langweilige Amt in dem kitschigen Zwinger mit stickiger Luft? Es gibt schon einige Gründe. Es schmeichelt der Eitelkeit. Dann darf man auf Kosten des Staates die Welt bereisen. Aber das sind Kleinigkeiten. Denn der Abgeordnetensitz macht den, der es noch nicht ist, zum Millionär, und den, der es bereits ist, zum Multimillionär oder gar zum Milliardär. Dafür braucht man selber so gut wie nichts zu unternehmen. Das Geld kommt von selber zu einem. Die Menschen bringen ihre Opfergaben dar, sie überweisen Geld auf verdeckte Konten.

Darum der erbitterte Kampf, der zuweilen einem Krieg gleicht. Und wie der Krieg haben auch die Wahlkämpfe viel zerstört: Die Schäden betragen umgerechnet 730 Millionen Dollar. Das ist eine unvorstellbare Summe in einem Land, wo der Hälfte aller Familien nicht einmal ein Dollar am Tag zur Vefügung steht. Aber diese Summe beziffert lediglich die materiellen Verluste. Doch der Staat hat außerdem alle Arbeitskräfte in seinen Diensten für den Wahlkampf abgestellt. Zu keiner Stunde war man vor ihnen sicher.

Glatter Wahlbetrug

Bei den letzten Wahlen hatten die Demokraten jedem Kind jeden Monat 10.000 Tugrik versprochen, das wären etwa neun Dollar. Diese armselige Summe hat es vermocht, ihnen die Hälfte der Sitze im Parlament einzubringen. Die Kommunisten, die damals die Demokraten des Betrugs bezichtigten, fragten höhnisch: Wo nehmt ihr das Geld überhaupt her? Es war tatsächlich nicht vorhanden. Dann einigten sich beide Parteien auf einen Kuhhandel, und aus den zehntausend wurden dreitausend für jede Kinderhand. Bei den neuen Wahlen gingen die Demokraten, die nun gesehen hatten, was Geld vermag, sehr viel weiter: Sie versprachen den Wählern das Zehntausendfache von dem, was sie damals versprochen hatten: eine Million! Und zwar sollte jeder Mensch im Land diese Riesensumme, mir nichts, dir nichts, geschenkt bekommen! Was machten die Kommunisten?

Diesmal spotteten sie nicht darüber, sie versprachen prompt anderthalb Millionen für jeden. Und sie gingen noch weiter. Sie machten die Summe, von der jeder wusste, dass glatter Betrug dahintersteckte, zum Kern ihrer Wahlpropaganda und ließen einen Garantieschein drucken, einen vergrößerten Geldschein mit der Zahl 1.500.000, der jedem, der ihnen über den Weg lief, ausgehändigt wurde. Schließlich schreckte der Parteichef nicht davor zurück, im Fernsehen, auf eine Zuschauerfrage antwortend, seelenruhig zu erklären: Natürlich würde jeder Mensch im Land sofort die versprochene Summe erhalten; wahlweise in bar oder in Gestalt von Wertpapieren.

Der Trost in der Niederlage

Es hat viele andere Mogeleien gegeben, aber sie waren vergleichsweise harmlos. Alle mogeln allemal und zu Wahlzeiten erst recht in diesem Land mit einer halbnomadischen und halbstädtischen Gesellschaft in einer nachkommunistischen, vorkapitalistischen Demokratie. Aber dieser Betrug, der die finanziellen Möglichkeiten des Landes um ein Vielfaches überstiegen hätte, der eher in das Guinness-Buch passt als in die ausgemergelte Mongolei, hat es vermocht, das Volk, dessen größere Hälfte in bitterster Armut lebt und daher bereit ist, sein Glück zu suchen, auf welchem Weg auch immer, auf den Leim der Kommunisten zu zwingen.

Sinnlos erscheint jeder Protest, jede Demonstration, wenn gerade dieser größte Betrug von allen außer Acht gelassen wird. Aber jeder Niederlage, auch der schändlichsten und sinnlosesten, wohnt ein Sinn inne. Man sollte nur danach suchen. Ich habe es getan und glaube, einen kleinen Sinn gefunden zu haben, kein Trost, aber doch besser als gar nichts: Was geschehen ist, Blut, Tränen, Asche und Schutt, ist unser Lehrgeld auf dem Weg zu der so unvollkommenen wie notwendigen Demokratie. Wir haben für die einfach anmutenden, kleinen Erkenntnisse sehr teuer bezahlen müssen. Aber nun sind wir um diese Erkenntnisse reicher und reifer.

Verletzbarkeit des Glücks

Zum Schluss zwingen mich die bis jetzt zurückgehaltenen Tränen in meinen Augen und die nicht weichende Trauer aus meinem Herzen zu einigen Worten, gerichtet an die Menschen, die durch die Ereignisse in den letzten Tagen bei uns beunruhigt waren und uns ihr Mitgefühl geschenkt haben: Verzeiht uns, Völker dieser Erde, die ihr auf dem Weg weiter seid als wir, diesen schändlichen, bitteren Fehler. Wisst aber, wir bereuen das Verpasste und bedauern das Geschehene sehr und werden ernsthaft versuchen, von nun an wacher und weiser zu sein. Und wisst dabei auch, vieles, was zu dem Unglück geführt, haben unsere Menschen von dem, was bei euch zu Hause geschieht, abgeschaut und sich zugelegt. Lasst uns daher alle gemeinsam nach besseren Vorbildern suchen. Denn ich sehe, ihr seht, wir alle sehen: Unsere menschliche Ordnung auf Erden ist noch sehr unvollkommen! Und gerade darum ist das menschliche Glück, dieses zarte und zerbrechliche Kindlein unseres Seelentraumes, so schlecht behütet und bleibt so leicht verletzbar.

Galsan Tschinag, 1944 als Sohn einer tuwinischen Schamanin im Hohen Altai geboren, veröffentlichte zuletzt die Erzählung „Das Menschenwild“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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