Cannes 1968

Seher in der Stadt der Blinden

Von Verena Lueken, Cannes

14. Mai 2008 Vom Winde verweht – es muss eine ungeheure Provokation gewesen sein, mit diesem Oldie der amerikanischen Traumfabrik, aufgemotzt auf Superbreitwand und stereophonisch bearbeitet, im Mai 1968 das Filmfestival in Cannes zu eröffnen. In Paris gingen zur gleichen Zeit Zehntausende Menschen auf die Straßen, um gegen die Regierung von Charles de Gaulle zu demonstrieren, der Protest gegen den Vietnam-Krieg näherte sich seinem Höhepunkt, in den Fabriken legten die Arbeiter die Maschinen lahm, der Generalstreik stand bevor.

Aber in Cannes tat man erstmal so, als sei alles ganz normal – obwohl viele der für diesen Eindruck so wichtigen Stars gar nicht anreisen konnten, weil die Flüge gestrichen waren und die Züge stillstanden. Ein paar Tage ging das, wenn auch begleitet von Protesten, einigermaßen gut. Dann war Schluss.

An Rande einer Saalschlacht

Etwa vierhundert Filmemacher – so beschreiben es übereinstimmend die Kollegen, die damals dabei waren – besetzen den großenVorführungssaal und die Bühne. François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Lelouch und Claude Berri verlesen ein Manifest und fordern aus Solidarität mit den Streikenden den unverzüglichen Abbruch des Festivals. Michel Piccoli ruft: „Schluss mit dem Gerede – auf zur Tat!“, die Jurymitglieder Roman Polanski, Louis Malle und Monica Vitti treten zurück. Noch wird versucht, den spanischen Wettbewerbsbeitrag „Peppermint Frappé“ von Carlos Saura vorzuführen, aber der Tumult spitzt sich fast zur Saalschlacht zu, Menschen springen vor der Leinwand auf und ab, einige hängen sich an den Vorhang, damit er nicht hochgeht. Das Festival wird abgebrochen.

Ganz überraschend kommt das nicht, im Gegenteil. Wenige Monate zuvor war der Gründer und Leiter der Cinémathèque in Paris, Henri Langlois, von André Malraux gefeuert worden. Langlois war der Ziehvater der Regisseure der Nouvelle Vague, er teilte ihre Ablehnung des französischen Qualitätskinos, und er konnte auf ihre Unterstützung zählen. Die Demonstrationen, die seine Wiedereinsetzung forderten (und, mit eingeschränkten Vollmachten, auch erreichten), bestätigten die politische Mobilisierung einer in die Hunderte gehenden Zahl von Filmemachern, die sich in Protesten gegen die Zensur einiger Filme von Godard und von Jacques Rivettes „La Religieuse“ bereits manifestiert hatte. Truffaut nannte die Affäre Langlois den Vorspann für die Ereignisse in Cannes, den Hinweis auf „coming attractions“.

Jetzt werden die Filme von damals gezeigt

Das ist vierzig Jahre her und wird, anders als das sechzigjährige Jubiläum der Filmfestspiele im vergangenen Jahr, in Cannes vermutlich nicht gefeiert werden. Außer in der „Quinzaine des réalisatuers“, die damals als Gegenfestival zum offiziellen Programm gegründet wurde. Bis heute seien die Filme dort radikaler, sagt ihr Leiter, Olivier Père. Zum vierzigjährige Bestehen werden 22 lange Filme gezeigt, darunter eine Reihe aus Lateinamerika und, nach siebzehn Jahren Schweigen, endlich wieder ein Film des Polen Jerzy Skolimowski. Seine „Vier Nächte mit Anna“ werden die Quinzaine eröffnen. Im Hauptprogramm gibt es als Erinnerung an '68 einzig: die Filme, die damals wegen des Abbruchs nicht gezeigt werden konnten, als Teil der „Klassiker“-Sektion.

Kaum ein französischer Filmemacher, kürzlich befragt vom britischen Filmmagazin „Sight and Sound“, sieht irgendwelche weiterreichenden Folgen der Ereignisse des Mai '68 fürs französische Kino. Das mag zum Teil daran liegen, das ein großes Stück des Erbes, nämlich die Produktion der zahlreichen Filmkollektive, die damals entstanden, nicht präsent ist, weil sich offenbar niemand dafür interessiert. Vielleicht ist 1968 aber auch einfach zu lange her – denn kann man sich heute wirklich noch einen französischen Präsidenten vorstellen, der Filme verbietet, wie de Gaulle es tat? Oder ein Festival, wie Hilmar Hoffmann Cannes damals in „Christ und Welt“ beschrieb, auf der Seite von „Papas Kino“ – das inzwischen ja verstorben ist –, einzig und allein ein „Katapult für kommerziellen Erfolg“?

Anders als vor vierzig jahren: Heute ist Cannes ziemlich auf der Höhe der Zeit

Natürlich ist Cannes weiterhin eine kommerzielle Veranstaltung, aber eben nicht nur. Wie sonst ließen sich die spröden Wettbewerbsbeiträge etwa der Dardenne-Brüder aus Belgien erklären, die in diesem Jahr schon zum wiederholten Mal an der Croisette zu Gast sind (und bereits zweimal mit Goldenen Palmen nach Hause zogen), oder von Atom Egoyan, der „Adoration“ zeigt? Wie käme ein animierter Dokumentarfilm über den Libanesischen Bürgerkrieg („Waltz with Bashir“ von Ari Folman) ins Wettbewerbsprogramm, der neue Wim-Wenders-Film oder ein Viereinhalbstundenwerk über Che, auch wenn der Regisseur Steven Soderbergh heißt? Und wie „La frontière de l’aube“ von Philippe Garrel, einem der Wortführer der Neuen Welle im französischen Kino, die Cannes damals überrollte?

Anders, als es der Eindruck im Mai 1968 gewesen muss, wirkt Cannes heute ziemlich auf der Höhe der Zeit. Möglicherweise wird Steven Spielbergs „Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull“ ein bisschen so aussehen wie ein „Vom Winde verweht“ unserer Tage. Wer weiß. Der Film läuft als Sonderspektakel am ersten Sonntag. Zum Auftakt gibt es die José-Saramago-Adaption „Stadt der Blinden“ des Brasilianers Fernando Meirelles. Das könnte, ganz anders als vor vierzig Jahren, ebenfalls ein programmatischer Auftakt werden.

Zweiundzwanzig Produktionen konkurrieren in diesem Jahr um die Goldene Palme:

„Entre les murs“, Laurent Cantet (Frankreich)
„Üç Maymun“ (Die drei Affen), Nuri Bilge Ceylan (Türkei)
„Le silence de Lorna“, Jean-Pierre und Luc Dardenne (Belgien)
„Un conte de Noël“, Arnaud Desplechin (Frankreich)
„Changeling“, Clint Eastwood (Vereinigte Staaten)
„Adoration“, Atom Egoyan (Kanada)
„Waltz with Bashir“, Ari Folman (Israel)
„La Frontière de l'aube“, Philippe Garrel (Frankreich)
„Gomorra“, Matteo Garrone (Italien)
„Two Lovers“, James Gray (Vereinigte Staaten)
„24 City“, Jia Zhang-Ke (China)
„Synecdoche, New York“, Charlie Kaufman (Vereinigte Staaten)
„My Magic“, Eric Khoo (Singapur)
„La mujer sin cabeza“ (Die Frau ohne Kopf), Lucrecia Martel (Argentinien)
„Serbis“, Brillante Mendoza (Philippinen)
„Blindness“ (Die Stadt der Blinden), Fernando Mereilles (Brasilien)
„Delta“, Kornel Mundruczo (Ungarn)
„Linha de Passe“, Walter Salles, Daniela Thomas (Brasilien)
„Che“, Steven Soderbergh (Vereinigte Staaten)
„Il divo“, Paolo Sorrentino (Italien)
„Leonera“, Pablo Trapero (Argentinien)
„The Palermo Shooting“, Wim Wenders (Deutschland)

Eröffnungsfilm:

„Blindness“, Fernando Mereilles (Wettbewerb)

Abschlussfilm:

„What Just Happened“, Barry Levinson (Vereinigte Staaten) (außer Konkurrenz)

Außerdem laufen außer Konkurrenz im Wettbewerb:

„Vicky Cristina Barcelona“, Woody Allen (Vereinigte Staaten)
„The Good, The Bad, The Weird“, Kim Jee-woon (Korea)
„Kung Fu Panda“, Mark Osborne und John Stevenson (Vereinigte Staaten)
„Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, Steven Spielberg (Vereinigte Staaten)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Cannes, CINETEXT, Image.net, picture-alliance/ dpa

 
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