Serie

Sex and Marzahn

Von Sascha Lehnartz, Berlin

06. November 2005 Eine Rolltreppe in einem Einkaufszentrum in Berlin-Marzahn so hinunterzugehen als sei es eine Showtreppe im Kodak Theatre zu Los Angeles, ist eine Kunst. Kim Cattrall beherrscht sie.

Strahlend lächelnd gleitet sie aus der Ebene Null - vor der Thalia Buchhandlung - in die Ebene Minus Eins hinab. Sie kommt heraus zwischen Peek & Cloppenburg und Schuh Leiser, der Manolo Blahnik nicht führt. Sie winkt trotzdem freundlich, aber fern wie ein Filmstar den erwartungsfrohen Fans zu, welche die Galerien des „Eastgate“ über drei Etagen säumen.

Cattrall, über Marzahn hinaus bekannt als Darstellerin der dominant-hypersexuellen Samantha Jones in der Fernsehserie „Sex and the City“, beweist in diesem Moment, daß es möglich ist, eine Shopping Mall in einer anerkannt deprimierenden vorsibirischen Plattenbausiedlung für einen Augenblick mit Glamour zu veredeln. Und sie zeigt auch, daß es Menschen, welche die Kunst des Auftritts beherrschen, gleichgültig sein kann, wo sie sich dem Publikum zeigen müssen.

Kim Cattrall wie man sie kennt: nackt

Die Marzahner Mallrats sind bewaffnet mit Foto-Handys und Ausgaben des neuen Buches von Kim Cattrall: „Sexual Intelligence“ heißt es (Schwarzkopf & Schwarzkopf), auf dem Cover posiert Kim Cattrall so, wie man sie kennt: nackt. In einer langen Schlange, die bis um die Ecke zum Minimal-Markt reicht, haben sich die Fans aufgereiht, um sich das Sexualkundebuch von der prominenten Lehrkraft signieren zu lassen. Es ist Cattralls zweites Sexbuch.

Vor drei Jahren erschien ihr Standardwerk „Satisfaction“, das Wege zum weiblichen Orgasmus beschrieb. Wie man hört, waren diese Wegbeschreibungen zielführend, zumindest Britney Spears (deren Mutter Cattrall in dem Film „Crossroads“ spielte), soll sich ausdrücklich bei der Autorin für deren fachkundige Ratschläge bedankt haben. In ihrem neuen Werk geht Cattrall der Frage nach, ob es möglich sei, „eine Art sexueller Intelligenz zu entwickeln, die unsere Lust steigern und uns ein größeres Bewußtsein unserer selbst verleihen kann“. Cattralls Antwort lautet: ja, wenn man mein Buch liest.

In Marzahn begrüßt sie das Publikum merklich akzentarm auf deutsch: „Guten Abend, fangen wir an.“ Einer ihrer drei Ex-Ehemänner ist Deutscher, eine Weile hat sie sogar in Frankfurt gelebt. Nachdem das vierte Buch signiert ist, legt der Star die schwarze Kostümjacke ab. Darunter trägt sie ein schulterfreies Top, das Applaus und „We love you, Kim“-Schreie provoziert.

Ihre sexuellen Phantasien

Wenige Stunden zuvor hatte sie sich bei der Buchvorstellung vor der Berliner Weltpresse und einem Rudel rüpelig rempelnder Fotografen im Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz noch in einem cremefarbenen Ensemble gezeigt. Auch das stand ihr ausgezeichnet. Kim Cattrall, das darf man festhalten, sieht im Gegensatz zu manch bekannter Leinwandgröße auch in echt ziemlich gut und eigenartig alterslos aus. Sie ist gerade 49 geworden. Sie kann nicht nur ein glanzloses Einkaufszentrum zum Leuchten bringen, sie kann auch ein aufdringlich aufgeplustertes Hotel-Interieur neutralisieren, ein Designdebakel (außen Cash-and-Carry-Art-deco, innen korinthische Marmorblechsäulen), zu dem einem nur noch der Satz einfällt: „Geld schießt keine Tore.“

Aber all das Triste verschwindet aus dem Blickfeld, solange man sich auf Frau Cattrall konzentrieren darf. Im Gespräch ist sie in beruhigender Weise zurückhaltender als die Figur, die sie zur Ikone gemacht hat. Wohlerzogen, freundlich. „Nein“, sagt sie, es sei nichts dabei, wenn ein wildfremder Reporter nach dem anderen sie nach ihren sexuellen Phantasien fragt. Inzwischen sei die Thematik für sie eher sachlich-pragmatisch als persönlich-intim.

Die Rolle der Samantha in „Sex and the City“ sei ein Segen für sie gewesen, als sie sie 1998 bekam - zu einem Zeitpunkt, da sie als 42 Jahre alte Schauspielerin in Los Angeles befürchten mußte, künftig auf Rollen als Tante und Großmutter festgelegt zu werden. Außerdem fiel das Engagement zusammen mit dem Beginn dessen, was Kim Cattrall ihre „persönliche sexuelle Revolution nennt“, zu der sie nun auch ihren Lesern verhelfen will. Glaubt man der Autorin, war die Erlebnisintensität ihres Sexuallebens bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr nämlich eher mau.

Ihr Boyfriend ist 21 Jahre jünger

Von da an jedoch ging es bergauf, nicht zuletzt dank ihres dritten Ehemannes, des Musikers Mark Levinson - mit dem sie nach der Trennung das Orgasmus-Buch schrieb. Ihren ersten Mann hatte Cattrall mit neunzehn geehelicht, und vor dem zweiten, mit dem sie in den Achtzigern kurz in Frankfurt lebte, hatte sie unter anderem eine vielbeachtete Affäre mit dem inzwischen verstorbenen kanadischen Premierminister Pierre Trudeau. Trudeau war 36 Jahre älter als sie. Ihr derzeitiger Boyfriend heißt Alan Wyse, ist ein Spitzenkoch aus Toronto und 21 Jahre jünger.

Richtig schüchtern sei sie nie gewesen, erzählt Kim Cattrall - ihre ältere Schwester habe sich stets hinter Mutters Schürze versteckt. Sie selbst war eigentlich immer recht kontaktfreudig, aber das ausgeprägte Selbstbewußtsein, vor dem Samantha in „Sex and the City“ so strotzt, sei ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Mit sechzehn Jahren verließ sie das beschauliche Vancouver Island, wo sie aufwuchs, um nach New York auf die Schauspielschule zu gehen. Ihr Vater habe sie noch zum Flughafen gebracht, und dann stand sie auf einmal allein in der großen Stadt.

„Ich kam aus einem Ort, in dem 5000 Menschen lebten - und dort waren auf einmal fünf Millionen.“ Die Schauspielschülerin lebte in einem katholischen Mädchenheim für 35 Dollar die Woche. „Dafür gab es ein Zimmer und drei Mahlzeiten am Tag. Furchtbare Mahlzeiten, aber immerhin Mahlzeiten“, erzählt sie. Ihre erste Filmrolle bekam sie 1975, noch im letzten Jahr an der Schauspielschule: In Otto Premingers „Unternehmen Rosebud“ durfte sie mitspielen. Preminger, damals fast siebzig Jahre alt, sei beeindruckend gewesen, aber auch „ein Monster“ am Set. „Nochmal“ habe er meistens gebrüllt, sagt Kim Cattrall auf deutsch.

Weitere Orgasmus-Fragen

Sie selbst habe damals eigentlich von nichts eine Ahnung gehabt, nicht einmal, daß der Filmtitel eine Anspielung auf Orson Welles' „Citizen Cane“ war, sei ihr klar gewesen. Nach Abschluß der Dreharbeiten sehnte sie sich nach Theaterengagements, Film war ihr zu technisch: „Es schien nur um Äußerlichkeiten zu gehen, die Beleuchtung, die Frisuren, die Maske. Es war auch das erste Mal, daß mir jemand sagte, ich müsse mich anders anziehen. Ich sei zu dick und sähe aus wie ein Landei.“ Statt am Theater landete sie jedoch zunächst in Hollywood, als eine der letzten Vertragsschauspielerinnen der Studio-Ära kam sie bei „Universal“ unter.

Ob man sie in Zukunft eher wiederals Schauspielerinoder als Anwärterin auf die Nachfolge der legendären Sex-Therapeutin Dr. Ruth Westheimer wird erleben dürfen, weiß sie selbst noch nicht so genau. „Wir werden sehen“, sagt sie auf deutsch. Die Pressedame des Verlags unterbricht das Gespräch. Der nächste Journalist wartet und möchte Orgasmus-Fragen stellen. Man hätte sich gerne noch eine Weile mit Kim Cattrall unterhalten. Und nicht nur über so langweilige Themen wie Sex.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.11.2005, Nr. 44 / Seite 62
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ihr neues Buch: Sexual Intelligence Immer schön lächeln: Sarah Jessica Parker, Kristin Davis, Cynthia Nixon und K... Cattrall in illustrer Runde: bei der Operngala für die Aids-Stiftung Auch als Tennis-Fan macht sie eine gute Figur Sie mag ihre Männer knackig Ausgelassen und stilbewußt Kontrastreiche Erscheinung Charmiert von Boris Becker Autogrammstunde für die lieben Großen Szene aus dem Film “Die Eisprinzessin“: Kim Cattrall und Michelle Trachtenberg In der Serie spielt sie das Biest Mit knappem Kleid und Diät-Cocktail Ein Hauch von einem Kleid In Pose werfen