Von Michael Hanfeld
16. Dezember 2007 Es ist schon paradox. Da kommt ein junger Mann, an dessen Schicksal die ganze Nation Anteil genommen hat, nach acht Monaten Haft in der Türkei endlich frei, und kaum ist er in seiner Heimat gelandet, verschwindet er schon wieder. Er zieht sich zurück aus sehr nachvollziehbaren Gründen: Um bei seiner Familie zu sein; und sicherlich auch weil es juristisch heikel ist, zu einem noch laufenden Verfahren etwas zu sagen. Doch einen ganz profanen Grund gibt es auch: Die Eltern von Marco W. haben einen Exklusivvertrag über die Geschichte ihres Sohnes mit dem Fernsehsender RTL geschlossen. Also sollte es ein ausführliches Interview nur an diesem Sonntagabend bei RTL geben. Für die anderen Medien gab es auszugsweise Zitate und ein paar Bilder des von der langen Haft mitgenommenen Jungen.
Das ist ein Verfahren, wie es in den Boulevardmedien bei jeder schicksalsträchtigen Geschichte inzwischen Usus ist. Es ist weder neu - ähnliche Exklusivvereinbarungen gab es schon in den sechziger und siebziger Jahren - noch in diesem Fall besonders kritikwürdig, geht es doch um eine Familie, die auf diese Weise versucht, das Medieninteresse zu kanalisieren. Dass sie davon finanziell profitiert, sollte einen nicht stören, schließlich sind mit dem langen Gerichtsverfahren Kosten verbunden, die zu decken einem so schnell niemand hilft. Bei Verbrechen oder Katastrophen treten zahlungswillige Medien schnell auf den Plan, dabei können sie als ehrliche Makler erscheinen, aber auch als Seelenverkäufer, je nachdem, was sie mit dem Exklusivrecht an ihrer Geschichte verbinden.
Was eine solche Geschichte wert ist? Die Schätzungen variieren
In diesem Fall und im Fall von RTL ist es so, dass der Sender schon seit zwei Monaten mit den Eltern von Marco W. in Kontakt stand, um einen Exklusivvertrag auszuhandeln. Ein Reporter des Senders hielt sich immer wieder in Antalya auf, wo gegen Marco W. verhandelt wird. Der Junge wird verdächtigt, ein damals dreizehn Jahre altes britisches Mädchen, das sich für fünfzehn ausgegeben haben soll, sexuell genötigt zu haben. Die Anklage spricht von Vergewaltigung, die Verteidigung spricht davon, dass es nur zu sexuellen Handlungen gekommen sei, über die Einvernehmen bestanden habe.
Man habe gute und vertrauensvolle Gespräche mit der Familie von Marco W. geführt, hieß es auf Anfrage bei RTL. Was sich der Sender das Recht kosten lässt, als einziger den jungen Mann zu befragen, wird natürlich nicht verraten. Nur soviel: Man sei nicht der einzige Interessent gewesen. Fragt man Experten, die bei den Sendern für derlei Geschichten zuständig sind, was eine solche Geschichte wert sei, gehen die Schätzungen auseinander: Sie liegen zwischen fünfundzwanzigtausend und einhunderttausend Euro.
Problematisch sind solche Vereinbarungen immer
Eine Höchstmarke auf dem Markt exklusiver Senderechte wie dieser stellte die Geschichte von Natascha Kampusch dar. Als sie nach ihrer jahrelangen Verschleppung freikam und sich in Österreich der ORF und in Deutschland wiederum RTL die Rechte sicherten, munkelte man in der Branche von Summen, die bis zu einer halben Millionen Euro betragen haben sollen. Es gibt nicht viele Sender und Zeitschriften, die in Deutschland in einen solchen Wettbewerb eintreten können und wollen. Im Fernsehen ist RTL in der Pole-Position, die Konkurrenz von ProSieben Sat.1 scheint nicht nur im Augenblick für so etwas nicht aufgestellt zu sein. Und ARD und ZDF sind - zumindest moralisch - die Hände gebunden. Denn bei fünfstelligen Honoraren dürfte es bei ihnen sehr schnell eng werden, bei sechsstelligen erst recht. Doch kann man, wenn es nötig, ist, für einen Exklusivauftritt auf Umwegen bezahlen, etwa indem man die Kosten für Anwälte oder sonstige Spesen übernimmt.
Problematisch sind solche Vereinbarungen immer: Alle diejenigen, die nicht von dem Grundsatz abrücken wollen, dass unabhängiger und guter Journalismus aufhört, sobald Honorare gezahlt werden, die etwas anderes darstellen als kleine Aufwandsentschädigungen, schauen schlicht in die Röhre. Die Vertragspartner wiederum liefern sich mit ihrer Geschichte einander aus. Die Familie von Marco W. hat es in den kommenden Tagen vielleicht nur mit einem Sender zu tun, aber dem wird viel daran gelegen sein, ihr so nahe wie möglich zu kommen und die Geschichte so direkt wie möglich aus ihrer Perspektive zu erzählen. Der Sender wiederum muss in diesem Fall - wie die Anwälte von Marco W. - darauf achten, dass der junge Mann zu dem vertagten Gerichtsverfahren nur sagt, was er preisgeben darf.
So wurde die Geschichte zum Politikum, mit allen Vor- und Nachteilen
Dass Marco W. jetzt von einem Medium - und vielleicht bald von einem zweiten, dritten, wir werden sehen, welche Zeitschriften sich ihn exklusiv gesichert haben - vor den anderen bewahrt wird, ist insofern nicht ohne Ironie, als seine Geschichte ohne die Aufmerksamkeit der Medien wahrscheinlich ganz anders wäre - aber vielleicht nicht besser. Zwei Monate saß er schon in Haft, ohne dass sich etwas für ihn tat, als sein Vater sich an den Spiegel wandte. Alsbald wurde die Geschichte zum Politikum, mit allen Vor- und Nachteilen.
Von Ferne erinnert das doppelte Verschwinden des Marco W. - erst in türkischer Haft, dann im Gewahrsam von RTL - an die Geschichte von Hermann Josef Flade. Er war in der damaligen DDR wegen Boykotthetze und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Im Jahr 1960 traf er in der Bundesrepublik ein, dass heißt, auch er verschwand gleich wieder, weil der Stern einen Exklusivvertrag mit ihm geschlossen hatte: Wir nahmen ihn im Interzonenzug in unsere Mitte, erinnerte sich der Stern-Chef Henri Nannen später, und für zwei Wochen war der Heimgekehrte vom Erdboden verschwunden. Als Marco W. von Antalya aus Richtung Heimat flog, saß ein Reporter von RTL neben ihm.
Text: F.A.Z., 17.12.2007, Nr. 293 / Seite 38
Bildmaterial: AP/"RTL Explosiv", AP/"RTL-Explosiv"
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