„Vertraute Angst“ im Ersten

Denn sie wissen nicht, wer er ist

Von Heike Hupertz

07. Mai 2008 Im Licht sind alle Farben enthalten, an diese Binsenweisheit erinnert sich jedes Kind. Und wer sich nicht mehr daran erinnert, braucht nur durch ein Prisma zu schauen. Vielleicht staunt er; vielleicht kommen ihm die Wunder der Lichtbrechung und die zerlegende Technik der Spektralanalyse in hohem Maße wirklich, aber dennoch völlig unbegreiflich vor. Im Vergleich zu den möglichen und tatsächlichen Rätselhaftigkeiten menschlichen Verhaltens aber ist dieses jederzeit nachvollziehbare physikalische Phänomen allenfalls ein Kinderkram.

Zwei Kinder, Lilli (Charlotte Lüder) und David (Sven Gielnik), sitzen am Küchentisch eines gehoben bürgerlichen Einfamilienhauses inmitten eines beruhigend normal erscheinenden Wohnviertels und machen Hausaufgaben. Dass Lichtweiß alle Farben enthält, findet zumindest der ältere David befremdlich, während seine jüngere Schwester ihn anhält, einfach die Augen aufzusperren. Das andere Rätsel, das komische auf zwei Beinen, ist viel schwieriger zu lösen. Nach vier Jahren ist es gerade nach Hause gekommen, gleich nachdem sein behandelnder Klinikarzt (Thomas Thieme) es als geheilt entlassen und in Anja Wegeners (Johanna Gastdorf) Obhut entlassen hat. Es ist den Kindern vertraut, und es macht ihnen Angst, denn es hat ihnen vor vier Jahren nachts das Dach über dem Kopf angezündet.

Alles beim Alten? Eine leere Versprechung

Auch Anja Wegener schwankt zwischen Nähe und Distanz, als ihr Mann Thomas (Matthias Brandt) nach langer Zeit in der Psychiatrie, in der er den Kontakt zur Familie eingestellt hatte, entlassen wird. In den vergangenen Jahren hat sie es geschafft, Thomas' mittelständisches Unternehmen auf Erfolgskurs zu bringen. Gerade hat sie sich auf eine Liaison mit ihrem Anwalt Frank (Andreas Schlager) eingelassen. Die Kinder haben wieder ein Heim und Geborgenheit. Alles ist geregelt. Als sie Thomas abholt, lächelt sie noch. „Alles beim Alten“, beteuert sie, und er versichert: „Ich werde nichts durcheinanderbringen.“ Gutwillige, aber leere Versprechungen.

Zwischen Geborgenheit und Vernichtung: Thomas und Anja Wegener (Johanna Gastd... Auf einmal ist er wieder da: Thomas Wegener zu Hause am Frühstückstisch Nichts durcheinanderbringen: Thomas trifft den neuen Freund (Andreas Schlager... Zweifel an der Heilung: Thomas Wegener wendet sich an Professor Seidl (Thomas...

Wolf Jakobys (Drehbuch) und Christiane Balthasars (Regie) Film „Vertraute Angst“ ist nicht nur ein Film über einen Mann, der durch eine von jetzt auf gleich aufbrechende Psychose nur ein einziges Mal vollkommen außer sich geraten ist und dabei sich selbst und seine Umwelt zutiefst verunsichert hat. Das ist er zwar auch, und Matthias Brandt spielt diesen Mann, Ehemann und Vater zugleich mit verletzlich offener und zutiefst verschlossener Mimik und Körpersprache. Als Zuschauer traut man ihm das Böse zu, das vorgefallen ist und das anfangs in einer Rückblende zu sehen ist, und ebenso traut man ihm nichts davon zu. Brandts Figur Thomas erklärt seiner Familie nur das Nötigste - er habe sich verloren und finden müssen - und hält sich so in der Schwebe einer Unbegreiflichkeit, die den Film über etliche statische Momente hinwegträgt.

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Normalität ist nur eine gesellschaftliche Schimäre

Aber „Vertraute Angst“ ist eben nicht nur die Geschichte einer psychotischen Erkrankung und der Rätselfrage, was eigentlich die Persönlichkeit eines Menschen zusammenhält. Denn obgleich das Fernsehstück vordergründig als Thriller daherkommt, hält es sich mit seinem möglichen Kriminalgeschehen kaum auf. Vielmehr stellt es mit den Mitteln des Spielfilms die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des Vertrauens, mithin nach den Bedingungen der Möglichkeit von Liebe überhaupt.

Denn wenn wir nicht gerade Kinder sind wie Tochter Lilli, die den verloren geglaubten, zurückgekehrten Vater Thomas bedingungslos verteidigt, vertrauen wir wie Johanna Gastdorfs Ehefrau Anja wider bessere Vernunft - denn die bestünde aus Eigenschutz auf Distanz - und suchen Nähe stets wider das Gefühl der Angst. Das vertraute Gefühl der Angst ist dabei genau so rätselhaft wie das Vertrauen beängstigend.

Nicht die Frage, ob der genesene Thomas immer noch psychisch krank sein könnte und eine Gefahr für Leib und Leben anderer Menschen darstellt, steht im Mittelpunkt dieses überaus sehenswerten Fernsehfilms, sondern die Rätselhaftigkeit, die das Paar Anja und Thomas in fabelhaftem Zusammenspiel ihrer Darsteller gleichermaßen Nähe und Distanz, Geborgenheit und symbolische oder tatsächliche Vernichtung des anderen suchen lässt. Normalität ist auch in diesem Fall lediglich eine gesellschaftliche Schimäre. Ein Hilfskonstrukt, das, wie schon im Film „Die Frau am Ende der Straße“, in dem Matthias Brandt den starken Ehemann der sozial auffälligen Maren Eggert spielte und dafür mit die Goldene Kamera bekam, dem reibungslosen Ablauf des gedeihlichen Miteinanders dienen soll. Und das vor allem von der Rätselhaftigkeit dessen, was man gemeinhin Person nennt, ablenken soll. Das Phänomen der Lichtbrechung ist ein Witz dagegen.

Vertraute Angst, um 20.15 Uhr im Ersten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: NDR/Sandra Hoever

 
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