Von Peer Schader
13. März 2007 Jetzt mal ehrlich, Herr Grönemeyer, hätte Beckmann fragen können. Haben Sie überhaupt Lust, hier anderthalb Stunden mit mir in Ihrem Privatleben zu wühlen, oder hat Ihnen bloß die Plattenfirma gesagt, dass das einen guten Eindruck macht, wenn man gerade ein neues Album veröffentlicht hat?
Und Grönemeyer hätte vielleicht geantwortet: Ach, lieber Herr Beckmann. Sie wissen doch selbst am besten, dass ich Ihnen hier unmöglich erzählen kann, was mich wirklich tief im Innern bewegt. Natürlich will ich, dass meine Platte gekauft wird. Aber ich erzähle Ihnen auch gerne ein bisschen was. Also machen wir doch beide das Beste daraus.
So entspannt hätte es losgehen können, am Montag Abend bei Beckmann, mit dem Gast Herbert Grönemeyer, der gerade sein neuestes Album 12 vorgestellt hat, mit dem sich jetzt wieder alle Rekorde brechen lassen. Aber dann ist es doch so geworden, wie man sich das vorher gedacht hat: Beckmann hat versucht, ein paar tiefgründige Fragen zu stellen, und Grönemeyer hat lässig geantwortet, ohne dabei zuviel über sich zu verraten.
Das gute Gewissen der Popmusik
Grönemeyer, das weiß jedes Kind, ist sowas wie das gute Gewissen der deutschen Popmusik: Er ist engagiert, verletzlich, nah dran an den Menschen, eine ganz ehrliche Haut, einfach jemand, dem es sich problemlos zujubeln lässt. Grönemeyer ist ein Reflektor der Gesellschaft. Ihm würde die Mehrheit der Deutschen zutrauen, die ganz großen Probleme zu lösen. Klimawandel? Hunger in der Dritten Welt? Der Herbert wird's schon richten, so wie der sich immer für die gute Sache engagiert.
Und er hat kein Probleme damit zuzugeben, seine neuen Lieder erst einmal in Kauderwelschenglisch zu singen, bevor er sich nachher daran macht, Texte dazu zu schreiben, die auch Sinn ergeben. Und Sinn ergeben sie nachher immer, darin besteht im Land Einigkeit.
Nur manchmal interpretieren die Leute zuviel in sie hinein. Einmal habe er sich mit einem Journalisten getroffen hat, kurz nachdem seine Eifersuchtshymne Was soll das? veröffentlicht worden war, und der Mann von der Presse habe gesagt: Es geht Ihnen ja nicht so gut, Herr Grönemeyer, wegen dem anderen Mann, der sich da in Ihre Beziehung drängt, wie Sie in ihrem Lied singen. Der hat das wirklich Wort für Wort ernst genommen, wunderte sich Grönemyer, dem es bestens ging. Natürlich stecke viel eigene Erfahrung in den Texten, aber eben auch nicht immer.
Als er Kinder an die Macht gesungen habe, sei er in einer Show von Kinderpsychologen auseinander genommen worden, die ihn gefragt hätten, wie er denn nur so positiv über diese kleinen Biester singen könne. Er habe ja noch nicht einmal selber welche. Die haben mich in Grund und Boden argumentiert. Heute hat Grönemeyer einen Sohn und eine Tochter, mit denen er in Großbritannien lebt. Weil es sich so ergeben hat.
Die WM-Hymne - längst verziehen
Man hört ihm gerne zu, dem Herbert, den in Deutschland jeder kennt und jeder mag, auch wenn keiner so richtig weiß, was er mit seiner merkwürdigen WM-Hymne im vergangenen Jahr bezwecken wollte, die vermutlich öfter persifliert als mitgesungen wurde. Wird Zeit, dass sich was dreht -- längst verziehen. Was Grönemeyer erreicht hat, ist unbestritten. Neulich hat er ein besonders schönes Kompliment bekommen: Eine Frau hat erzählt, sie habe immer das Gefühl, jemanden anrufen zu wollen, nachdem sie seine Songs gehört habe. Das hat ihm gefallen.
Wenn man Reinhold Beckmann so zuhört, hat man das Gefühl, ebenfalls anrufen zu wollen, und zwar bei der ARD. Den Programmverantwortlichen würde man dann empfehlen, Beckmann schleunigst zu verbieten, jedes Gespräch so zu führen, als säße er mit einem Kumpel in einer Hafenkneipe und plaudere über die vergangenen Jahrzehnte, in denen man sich nicht gesehen hat.
Beckmann kramt alte Fotos und Filmchen hervor: Grönemeyer in der Badewanne, Grönemeyer, wie er mit dem Fahrrad zum Konzert in Hamburg fährt, weil die Straßen verstopft sind, und dann fragt er: Wie war das? Wie fühlt sich das an? Und was denkt man dabei?
Mut zur Entspannung
Man kann ja auch über alles mit ihm reden! Politik, Gesellschaft, Religion, Musik, Fußball - Grönemeyer hat eine Meinung. Die drängt er niemandem auf, aber wenn er gefragt wird, antwortet er. Dass er glaubt, die Menschen müssten enger zusammenrücken, um Probleme zu lösen. Dass man Politiker manchmal daran erinnern müsse, beobachtet zu werden, um ihre Arbeit beeinflussen zu können. Dass es überhaupt Sinn mache, sein Leben entspannt zu führen und sich nicht wie die Deutschen ständig über Kleinigkeiten aufzuregen.
Ausgerechnet als er Konzertausschnitte seiner Mensch-Tour von vor ein paar Jahren vorgespielt bekommt und sich selbst dabei zusehen muss, wie er hüpft, rockt, singt und springt, wirkt der Popstar plötzlich verunsichert und beginnt zu stottern. Ich kann mich selbst nicht sehen - wie ich mich bewege, wie ich aussehe, was ich anhabe, gesteht Grönemyer da und wirkt zum ersten Mal an diesem Abend - nun ja: schüchtern. Ich höre mir ja auch meine Platten nicht mehr an, wenn ich sie fertig habe.
Erzwungen originelle Ideen
Ob sich Reinhold Beckmann wohl am nächsten Tag noch einmal seine Sendungen ansieht? Manchmal wäre ihm das ja zu wünschen. Bloß damit er merkt, dass sein Montagabend-Talk weitaus angenehmer sein könnte, wenn er sich in seiner Art ein wenig zurücknehmen würde und nicht immer im selben Tonfall dieselben Themengebiete abarbeiten würde. Oder erwzungen originelle Ideen einbauen.
Am Montag haben Moderator und Gast zum Schluss gemeinsam alte Lieblingsplatten aufgelegt: Joni Mitchell, The Doors, Small Faces. Als Zuschauer wusste man nicht so genau: Ist das nun ein Versehen, dass die Kamera noch weiterläuft? Hat die ARD einfach vergessen, auf's Nachtmagazin umzuschalten -- oder gehört das noch zur Sendung? Irgendwann hat Grönemeyer gesagt: Wir müssen das den Zuschauern ja jetzt nicht ewig antun. Da hat Beckmann brav den Gast der nächsten Woche angekündigt.
Manchmal wünscht man sich Beckmann als wöchentliches Audio-Podcast. Das ließe sich bequem downloaden, zu jeder Tageszeit anhören - und beliebig vorspulen. Was wäre das für ein Genuss!
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa