04. September 2004 Die Geiselnahme in einer Schule in Beslan in Nordossetien ist offenbar beendet. Dies teilte das Krisenzentrum der russischen Sicherheitskräfte bereits am Freitag abend mit - über zehn Stunden nach Beginn der Geiselbefreiung. Zuletzt hatten sich nach Informationen der Agentur Interfax noch drei der Terroristen im Keller der Schule verschanzt, darunter ihr Anführer. Der Widerstand der Geiselnehmer in der Schule sei endgültig gebrochen, sagte ein Sprecher des Operativen Stabs in Beslan. In der Stadt werde aber noch nach vier geflohenen Terroristen gefahndet.
In anderen Teilen der Stadt lieferten sich geflohene Geiselnehmer Gefechte mit den russischen Sicherheitskräften. Ob auch diese Gefechte nun beendet sind, war zunächst unklar. Auch Frauen mit Sprengstoffgürteln sollen zusammen mit einigen Geiseln das Schulgebäude verlassen haben. Laut einem Bericht im Fernsehsender Channel One wurden drei Geiselnehmer festgenommen, als sie versuchten, in Zivilkleidung zu entkommen.
Putin nach Kurzbesuch in Beslan wieder in Moskau
Die Behörden kommen offenbar bei der Bergung der Leichen nur langsam voran. Die Turnhalle der Schule in Beslan sei noch immer so stark vermint, daß die Rettungskräfte nicht an die Opfer herankämen, meldete die Nachrichtenagentur ITAR-TASS am Samstag unter Berufung auf das örtliche Innenministerium. Die russischen Medien berichteten, die Leichen in der Turnhalle seien in den bisherigen Behördenangaben zu den Todesopfern noch nicht berücksichtigt.
Der russische Präsident Wladimir Putin kehrte unterdessen nach seinem Besuch in Beslan nach Moskau zurück. Vor seiner Abreise besuchte der Staatschef für eine knappe halbe Stunde das Krankenhaus der Stadt, in dem Hunderte Opfer des Geiseldramas behandelt werden. Der Kremlchef ordnete die Abriegelung der betroffenen Teilrepublik Nordossetien an. Die Sicherheitskräfte sollten gezielt nach Terroristen fahnden, forderte Putin. Der Präsident warnte seine Landsleute davor, mit den Geiselnehmern zu sympathisieren. Wer sich von den Provokationen der Terroristen beeinflussen läßt, wird als ein Helfershelfer von uns betrachtet, drohte der Kremlchef in Beslan.
Mehr als 200 Tote?
Die Zahl der Todesopfer liege weit über 150, sagte Aslanbek Aslachanow, der Berater von Präsident Wladimir Putin für Tschetschenien, laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Interfax. Dieselbe Agentur meldete später am Abend, das Gesundheitsministerium der Regionalregierung von Nordossetien habe von mehr als 200 Opfern gesprochen. Mehr als 200 Menschen starben durch Schüsse oder an Verletzungen durch Explosionen, die von den Banditen ausgelöst worden waren, zitierte Interfax einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Ministeriums. Medien berichten darüber hinaus von etwa 700 Verletzten.
Araber unter den Geiselnehmern
Insgesamt hätten die Militanten 1.200 Geiseln genommen, ergänzte Aslachanow - bislang hatten die Behörden nur von rund 350 Geiseln gesprochen. Zehn Extremisten seien getötet worden, neun von ihnen seien arabische Söldner, fuhr der Berater fort. FSB-Offizier Andrejew sprach im Fernsehen sogar von 20 getöteten Extremisten, zehn davon seien Araber.
Die Terroristen hatten sich aufgeteilt, so daß es bei dem Versuch, sie festzunehmen, zu Schußwechseln an verschiedenen Stellen in Beslan kam. Es sei nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne Terroristen unter die Geiseln gemischt und so das Schulgebäude verlassen hätten, teilten die Behörden mit. Nach unbestätigten Berichten sollen sich einige der Geiselnehmer selbst in die Luft gesprengt haben. Das Terrorkommando hatte ein Ende des Kriegs in Tschetschenien, den Abzug der russischen Truppen aus der Kaukasusrepublik und die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen gefordert.
Jähes Ende der Hoffnungen auf einen friedlichen Ausgang
Am Freitag morgen hatte zunächst wenig auf ein rasches Ende der Geiselnahme hingedeutet. Vertreter des russischen Krisenstabs sprachen von zähen Verhandlungen mit den Geiselnehmern um die Erlaubnis, den Hunderten seit zwei Tagen festgehaltenen Geiseln Wasser und Lebensmitteln zukommen zu lassen.
Gegen Mittag überschlugen sich plötzlich die Ereignisse: Nach Medienangaben stimmten die Geiselnehmer der Bergung der Leichen zu, die seit Beginn des Geiseldramas am Mittwoch morgen auf dem Schulgelände lagen. Bei der Evakuierung der Leichen aber hätten sie plötzlich Sprengsätze gezündet, das Dach des Schulgebäudes brach teilweise ein. Daraufhin gelang es einer Gruppe von Geiseln, aus dem Gebäude zu fliehen. Die Geiselnehmer schossen auf die Flüchtenden und verletzten mehrere von ihnen.
Weiter Schußwechsel
Nach Berichten des amerikanischen Fernsehsenders CNN sollen auch Bewohner von Beslan zu Waffen gegriffen und auf die Geiselnehmer geschossen haben. Die russischen Sondereinsatzkräfte sollen sich offenbar erst aufgrund der dramatischen Ereignisse zum Sturm auf das Gebäude entschlossen haben, wie ein Vertreter des Krisenstabs dem Sender Moskauer Echo sagte. Während die Soldaten die Kontrolle übernahmen, flüchteten immer mehr Geiseln und unter ihnen auch Mitglieder des Terroristenkommandos. Einigen von ihnen entkamen laut dem nordossetischen Innenministerium in Richtung Bahnhof, andere verschanzten sich in einem nahegelegenen Wohnhaus.
Dort waren am frühen Nachmittag weiter heftige Schußwechsel und Explosionen zu hören. Fünf Geiselnehmer wurden nach Angaben des russischen Fernsehsenders NTW getötet. Nach insgesamt 13 weiteren, darunter auch zwei Frauen, wurde laut Polizei gefahndet.
Rund 90 Minuten nach Beginn der Schießereien meldete die Nachrichtenagentur Itar-Tass, daß das Schulgebäude unter Kontrolle sei. Die Turnhalle gehört uns, sagte kurz darauf auch der Chef der russischen Sondereinsatzkräfte auf einer Pressekonferenz in Beslan. Dort hatten die Geiselnehmer zwei Tage lang ihre Geiseln eingepfercht. Die Meldung wurde später wieder dementiert. Nach der Erstürmung der Schule wurden mindestens zehn Leichen aus der Schule gebracht, darunter mehrere Kinder.
Todesfalle Turnhalle
Im Innern der Turnhalle wurden laut Interfax über hundert Leichen entdeckt. Einige Geiseln starben demnach durch den Einsturz des Daches der Halle. Etwa 400 Menschen wurden verletzt, wie das Gesundheitsminsterium laut Interfax mitteilte. Nach Informationen des Radiosenders Moskauer Echo waren unter ihnen 158 Kinder. Fernsehbilder zeigten, wie halbnackte Kinder verzweifelt um ihr Leben rannten.
Verwundete wurden auf Tragen in Krankenwagen gebracht. Unter den Schwerverletzten waren mindestens sechs Kinder, darunter ein kleiner Junge, der ein Bein verloren hatte, sowie ein kleines Mädchen mit einer klaffenden Rückenwunde. Nach dem Ende der Geiselnahme brach in der Schule ein Feuer aus, wie Ria Nowosti meldete.
Verwirrung herrschte über die genaue Anzahl der Geiseln. Mehrere der elf Frauen, die am Vortag gemeinsam mit 15 Kindern freigelassen worden waren, berichteten in den russischen Zeitungen von bis zu 1.500 Kindern, Eltern und Lehrern, die die Geiselnehmer in der Turnhalle zusammengetrieben hatten. Nach ihren Schilderungen herrschten dort grauenhafte Zustände. Sobald eines der kleineren Kinder zu Weinen angefangen habe, hätten die Geiselnehmer sie mit Schüssen in die Luft zum Schweigen gebracht.
Selbstmordattentat am Mittwoch?
Nach Angaben freigelassener Frauen sollen sich zwei Terroristinnen bereits am ersten Tag mit mehreren gefangenen Männern in die Luft gesprengt haben. Das will die örtliche Presse in der nordossetischen Stadt Beslan erfahren haben. Bei dem Zwischenfall am Mittwoch abend seien bis zu 21 Männer getötet worden, hieß es. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht. Zu der fraglichen Zeit waren aus dem abgeriegelten Schulgebäude starke Explosionen zu hören gewesen. Andere freigelassene Geiseln bestätigten das Selbstmordattentat nicht. Allerdings seien die beiden Terroristinnen am Donnerstag, dem zweiten Tag des Geiseldramas, nicht mehr in der Turnhalle aufgetaucht, hieß es.
Einsatzkräfte hatten am Freitag morgen den Absperring um die Schule von Beslan ausgeweitet. Der Einsatzstab begründete die Maßnahme mit notwendigen Sicherheitsvorkehrungen. Die Terroristen hatten in der Nacht mit Schüssen einen Polizisten verletzt, der sich offenbar zu nah an das Gebäude gewagt hatte. Zudem feuerten die Geiselnehmer mehrfach mit Granatwerfern.
Experten erwarteten gewaltsame Lösung
Trotz der Zusage des russischen Präsidenten Wladimir Putin, alles für die Sicherheit der Kinder und Erwachsenen zu tun, waren Experten von einem gewaltsamen Ende des Geiseldramas ausgegangen. Die Russen werden die Schule zweifellos stürmen, wie sie es auch zuvor immer wieder getan haben, hatte der Sicherheitsexperte Adam Dolnik gesagt, der an einer Studie über die Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater vor zwei Jahren mitgearbeitet hat.
Wenn sich die Lage in einer Weise entwickelt, daß das Leben von Geiseln bedroht ist, ist die Erstürmung die einzige Möglichkeit, sagte auch der Analyst Boris Makarenko vom Zentrum für politische Technologie in Moskau. Die Versuche, mit den mutmaßlich tschetschenischen Geiselnehmern zu verhandeln, muteten wie ein Witz an, wenn man bedenke, daß Putin im Tschetschenien-Konflikt auf eine gewaltsame Lösung setze und Verhandlungen ausschließe.
Neuer Konflikt im Kaukasus?
Nun befürchteten Kenner der Region, daß die gewaltsame Lösung des Geiseldramas in Beslan Konflikte in der gesamten russischen Kaukasus-Region neu anfachen könnte. Ein Konflikt zwischen Nordossetien und dem benachbarten Inguschetien war zu Beginn der 90er Jahre beigelegt worden, könnte aber neu aufflammen, zumal die Geiselnehmer die Freilassung in Inguschetien inhaftierter Kampfgenossen forderten.
Es sind ossetische Kinder (in der Schule von Beslan). Die Reaktion der Osseten könnte extrem gefährlich sein", sagte der Sicherheitsexperte Alexej Malaschenko der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in Moskau. Wir könnten kurz vor einem neuen Krieg stehen.
Die Chronik der Geiselnahme im Kaukasus
Text: FAZ.NET mit Material von mwe./ AFP
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS
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