28. Juli 2008 Klaus von Dohnanyi trägt heute eine Smokingjacke in zartestem Rosa. Es ist der dritte Festspieltag, zum drittenmal beginnt die Vorführung um sechzehn Uhr. Entspannt überlässt man sich dem Rhythmus, auf den sich der Körper eingestellt hat. Die eintausendachthundert Gäste gehen vertraut miteinander um, auch wenn sie sich nicht kennen. Es könnte ein Tag im Zeichen der Heiterkeit werden - stünden auf dem Programm nicht Die Meistersinger von Nürnberg in der Inszenierung von Katharina Wagner.
Die Aufführung wird auf einen Geröllplatz im Schatten von Wohnburgen übertragen, auf dem sonst Volksfeste stattfinden. Das public viewing wird als Privatveranstaltung ausgewiesen. Die Besucher, die Klappstühle und Picknickkörbe mitbringen, erfahren, dass sie sich zur Siemens Festspielnacht eingefunden haben. Als Moderator agiert der unvermeidliche Axel Brüggemann. Der örtliche Siemens-Chef verkauft das Sponsoring als gesellschaftliches Engagement. Warum passt Wagner zu Siemens? Weil auch Wagner sich mit dem Verhältnis von Innovation und Tradition beschäftigt hat. Auch der Oberbürgermeister appelliert an seine Kunden. Sie müssen entscheiden, ob Wagner zu Ihnen kommen soll!
Katharina Wagner packt an
Er versichert den Anwesenden, dass er gerne mit ihnen tauschen würden. Aber was hindert ihn daran, seine Ehrenkarte fürs Festspielhaus weiterzugeben und es sich im Staub gemütlich zu machen? Er bedankt sich bei Wolfgang Wagner, beim Medienpartner Bild-Zeitung und bei den städtischen Mitarbeitern, die den Platz hergerichtet haben. Gestern abend hat Katharina Wagner hier mit ihnen eigenhändig Stühle aufgestellt, stellen Sie sich das einmal vor! Es ist nicht allzu schwer, sich das vorzustellen. Zum Möbelpacken hat sie die Statur. Brüggemann will Spannung erzeugen. Um halb vier verkündet er: Man schickt uns noch keine Signale aus dem Festspielhaus. Das ganze Spektakel ist das Signal.
Die Pausengespräche auf dem Hügel beweisen, dass dem Konsens der Politiker zugunsten der Nachfolge der Stammhalterin kein Konsens der Wagnerianer entspricht. Kenner bestreiten dem Regiekonzept die Originalität, anhand einfacher Beobachtungen. Müllsack und Zange hat man im letzten Jahr auch in den Meistersingern an der Semperoper gesehen. Damals riefen Zuschauer, die in Bayreuth gewesen waren: Nicht schon wieder! Und jetzt wieder und wieder! Der ästhetische Sachverstand von Besuchern, die schon ihre fünfundfünzigsten Meistersinger sehen, ist nicht zu unterschätzen. Er nimmt an handwerklichen Mängeln Anstoß, wirft Katharina Wagner vor, dass das Stück unverständlich werde, wenn etwa Beckmesser sein Ständchen an die Lehrbuben im Straßencafé adressiert und nicht an Eva. Auf einer Sitzung der Gesellschaft der Freunde soll Katharina Wagner versprochen haben, ihre Inszenierung zu überarbeiten. Davon ist jetzt nichts zu sehen, man fühlt sich betrogen.
Es war lebhaft
Im Kreis eines Opernsängers, der selbst den Sachs gesungen hat, wird an der geistigen Gesundheit der Regisseurin gezweifelt. Zwanghafte Züge habe es, wie sie alles auf den Kopf stellen müsse. Konnte nur ein Wagner die Meistersinger so frech inszenieren? Die familiendeterministische These wird in einem schwulen Liebhaberzirkel diskutiert. Das Vergnügen daran, dass Vatis Lieblingstochter Vatis Publikum nach Strich und Faden veralbere, ist nicht allgemein. Warum die Requisiten der siebziger Jahre? Welcher Künstler pinsele denn heute noch die Wände voll oder hämmere auf die Schreibmaschine? Die Frechheit als Ideal der regieästhetischen Lebensreform ist sogar noch ein paar Jahre älter. Man muss die Bühnendinge abstrakt betrachten, dann kann man alle Irritationen verrechnen und eine positive Bilanz vorlegen. Man muss sich dran gewöhnen, verkündet Hilmar Kopper nach dem ersten Aufzug, aber es war lebhaft.
Wo die ersten beiden Aufzüge im Auflesen der gewöhnungsbedürftigen Regieabfälle aufgehen, enthüllt der dritte Aufzug eine Verlogenheit, von der man sich keine Vorstellung macht, wenn man die Aufführung nicht erlebt hat. Die Regie denunziert die Wirkungen der Musik, die sie sich zunutze macht. Das Ballett der Klassikerpappköpfe mit umgeschnallten Penisattrappen fällt noch in die Kategorie des Bildermülls, den man im Kopf rückstandslos entsorgen kann. Nicht mehr verweigern kann man die Stellungnahme, wenn statt der Festwiese eine Fernsehbühnenapparatur hochgezogen wird mit dem Chor in Festspielpublikumsuniform, natürlich ohne subtile Valeurs wie Dohnanyis Rosa. Die Probe auf die Wahrhaftigkeit dieser Inszenierung macht man mit einer simplen Überlegung: Wenn die Verschmelzung von Romantik und Regelpoetik, die Sachs in seiner patriotischen Schlussansprache verteidigt, wirklich brutalen Kitsch produziert, dann wird man die darauf zulaufenden Meistersinger nicht mehr auf die Bühne bringen wollen.
Live, live, live
Das Triviale des Gedankens wird nur durch das Grandiose der Musik verdeckt, eben durch genau den positiven, aufbauenden Zug, der entlarvt werden soll. Und die Kritik am angeblich Fernsehförmigen dieser Wagneroper wird durch Liveschaltung und auch noch durch kostenpflichtigen Livestream verbreitet! Dass Katharina Wagner mit der Inszenierung ihr Meisterstück abgeliefert hat, dass sie unter dem Applaus einer Musikkritik, die unbewusst mit dem Zynismus und der Neigung zum Krawall sympathisiert, das Erbe unter Festspieldach und Fach bringen will, ist der Showtreppenwitz der Rezeptionsgeschichte.
Am Ende ein Buhsturm, der gewollt und einkalkuliert ist. Für 22 Uhr 50 war im Programm der Siemens Festspielnacht die Ankunft von Katharina Wagner und dem Regieteam auf dem Festplatz vorgesehen. Das wird sich etwas verzögert haben. Eine Viertelstunde nach Mitternacht erstrahlt die Leinwand auf dem Festplatz, der wegen Überfüllung zwischenzeitlich hatte abgesperrt werden müssen, immer noch in grellstem Weiß.
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