10. August 2006 Also. Entweder wir hängen die Sache hoch, dann müssen wir von dem französischen Poststrukturalisten Michel Foucault reden und von dem, was er Technologien des Selbst nannte. Oder wir hängen die Sache wesentlich niedriger, dann geht es um ein Mädchen und einen Jungen aus Amerika und darum, was die beiden im Zimmer des Mädchens machen. Was darf's sein? - Dachte ich mir.
Bree also, so heißt das Mädchen, meldet sich alle drei, vier Tage. Sie plaudert ein wenig über Hausaufgaben und Bücher, die sie gelesen hat, oder über ihre Stofftiere. Bei anderer Gelegenheit erzählt die Sechzehnjährige, sie sei heute in einer eher melancholischen Stimmung; zuerst will sie nicht so recht mit dem Grund dafür heraus, dann gesteht sie, sie habe Streit mit den Eltern. Die hatten ihr zum Beispiel schon mal verboten, auf einen Ausflug zu gehen mit einem gewissen Daniel, dem bereits erwähnten Jungen; sie hatte sich so darauf gefreut, sogar Eiersalat-Sandwiches vorbereitet, aber für eine Weile sah es so aus, als ob Daniel gar nicht mehr vorbeikommen dürfe.
340.000 Klicks für Bushs Massage
Wenn das nun klingt, als stünden Bree und ich uns nahe: Tun wir nicht. Ihre kleinen, für den Lauf der Welt zumeist irrelevanten Vertraulichkeiten teilt Bree nämlich per Videobotschaft mit bis zu 500.000 weiteren Benutzern der Web-Site YouTube (zu deutsch DuGlotze); dort kennt man sie vor allem unter dem Log-in lonelygirl15. Broadcast Yourself ist das zweideutige Motto dieser sogenannten Video-Community: Mach dein eigenes Programm - und zugleich Mach dich selbst zum Programm. Täglich, so rechnet YouTube vor, stellen User 35.000 neue Video-Clips von höchstens zehn Minuten Dauer auf die im Frühjahr 2005 gestartete Internet-Plattform; zwischen 40 und 100 Millionen Mal werde Tag für Tag eines der Filmchen heruntergeladen.
Es ist ein gigantischer Videoschnipsel-Basar des globalen Dorfes, auf dem sich Nachrichtensendungen ebenso wiederfinden wie experimentelle Heimproduktionen von bisweilen erstaunlicher Qualität, rätselhafte japanische Fernsehshows ebenso wie Stefan Raab und Harald Schmidt, reguläre Musik-Clips ebenso wie deren Parodien. Zwei junge Asiaten in Basketball-Hemden etwa waren mit ihrer extravaganten Playback-Version des Backstreet-Boys-Liedes I Want It That Way, mit einfachsten Mitteln erstellt, wochenlang die Helden des Web. Und die Aufnahmen von der Rückenmassage, mit der George W. Bush Angela Merkel jüngst beim G-8-Treffen überraschte - belästigte, wie manche meinen -, finden sich bei YouTube in fast 50 Versionen; eine davon erreichte mehr als 340.000 Klicks.
Ein bißchen merkwürdig, daß er zusieht
Besonders stimuliert hat die buchstäblich kinderleichte digitale Technik den Bekenntnisdrang der Generation Webcam. lonelygirl15 findet offenbar gar nichts dabei, ein Video ins Netz zu stellen, in dem sie, mit wirkungsvoll niedergeschlagenem Blick aus ihren großen haselnußdunklen Augen, von einem merkwürdigen Moment mit Daniel - als danielbeast übrigens ebenfalls online - berichtet. Er hilft ihr beim Schnitt und war oft zeitschriftenlesend im Hintergrund ihrer Filme zu sehen gewesen; nun hatte er ein Video zusammengestellt, in dem Bree - von der Natur ohnehin mit einer vorteilhaften Knochenstruktur gesegnet - dank zahlreicher Zeitlupenbilder aussah wie die Teenager-Ausgabe von Friends-Star Jennifer Anniston, das kokette Die-Haare-aus-der-Stirn-Streichen eingeschlossen.
Und weil so viele ihrer Zuschauer sie darauf angesprochen hätten, erzählt lonelygirl15 weiter, habe sie Daniel einfach gefragt, ob er sie vielleicht, na ja, am Ende gern habe; er habe entgegnet, na ja, eigentlich schon und so. Und was auch ein bißchen merkwürdig ist an der Sache: daß Daniel jetzt vermutlich zusieht. Ein leichtes Lächeln in die Linse: Hi, Daniel.
Naivität und Medienkompetenz
Wenig überraschend, daß dieses Video mit gut 568.000 Klicks die höchste Einschaltquote aller bisherigen Episoden um das einsame Mädchen erreichte. Die Fusion aus Naivität und Medienkompetenz, aus Intimität und Zuschauerbeteiligung: einfach unwiderstehlich. (Michel Foucault würde sagen, der Benutzer werde da Zeuge einer jener Praktiken, mit denen die Menschen aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht, aber davon wollten Sie ja nichts hören.)
Selbstredend gibt es neben jenen, die lonelygirl15 niedlich finden und ihre kleinen Fortsetzungsdramen immer wieder aufsuchen, solche, die sie eine weinerliche Kuh und Schlimmeres schimpfen. Auch sie haben es recht einfach: Mit ihrer eigenen Webkamera und ein bißchen Software läßt sich im Handumdrehen ein Videokommentar zu den neuesten Kapriolen von lonelygirl15 erstellen - oder auch eine Satire, wie jene des Benutzers fortey, der sich über ihren Kleinmädchenton lustig machte, inklusive ihrer überdeutlichen traurigen Ausatmer.
Beinahe shakespearehaft
Besonders treffen muß das Webcam-Girl indes ein Verdacht: Sie sei eine Schwindlerin, älter, als sie angebe, keine Amateurin, sondern eine Professionelle, eine Schauspielerin auf der Jagd nach einem Fernsehauftritt womöglich. Sie wäre nicht das erste Talent, das sich bei YouTube für Größeres empfohlen hätte; auch die New York Times mahnte bereits halbironisch: Gibt jemand in Breitband-Hollywood ,lonelygirl15' endlich ihre eigene Sendung?
Einer der lonelygirl15-Kritiker etwa - gohepcat nennt er sich und tritt mit verspiegelter Sonnenbrille und Strohcowboyhut vor die eigene Kamera - empfindet sie denn auch als charmant, aber ein bißchen zu perfekt. Der dramatische Bogen der Geschichte um Bree und Daniel sei beinahe shakespearehaft, ihre angeblich spontanen Kommentare klängen wie nach Drehbuch, sie sei zu gut ausgeleuchtet. Wieso habe, so fragt er zudem, jemand schon einen Monat vor Brees erstem Auftritt bei YouTube die Adresse lonelygirl15.com für eine Fan-Web-Site registrieren lassen? Zusammenfassend findet aber auch gohepcat: Wenn es komplett gefälscht ist, ist es brillant. Ein anderer YouTube-Nutzer kommentierte: Es ist egal, ob es gefälscht ist oder nicht. Es ist Unterhaltung, wie Fernsehen.
Vielleicht ahnen ja auch lonelygirl15 und danielbeast, wie virtuell ihr Ruhm sein könnte. Nachdem sie die erste öffentliche Krise ihrer Beziehung - die im übrigen noch immer nicht eindeutig bestimmt ist - hinter sich gebracht hatten, stellten sie ein Video online, das Bree am Telefon zeigte. Darunter eingeblendet der Wortlaut des Gesprächs, das angeblich die ersehnte Klärung der Lage herbeiführte:
- Was machst du nachher?
- Nix Besonderes.
- Lust, ein Video zu drehen?
- Worüber?
- Weiß nicht. Dieses Telefonat?
- Wäre das nicht langweilig?
- Oh. Ja.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.08.2006, Nr. 31 / Seite 10
Bildmaterial: YouTube - lonelygirl 15 - danielbeast, YouTube - lonelygirl15 - danielbeast, YouTube- lonelygirl15 - danielbeast
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