12. September 2006 Joachim Fest ist tot. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn. Kollegen, Freunde und Bekannte schildern ihre Eindrücke seiner Ansichten über Malerei, Film, Musik und Geschichte.
Stefan Aust: Zweifel am Prinzip
Die religiösen Eiferer und politischen Utopisten, egal ob vom rechten oder linken Wegrand, hatten an ihm einen, auf den sie nicht bauen konnten: Auch wenn alle mitmachen - ich nicht! Das war das Lebensmotto von Joachim Fest, eine biblische Sentenz, die ihm sein Vater, ein erklärter Anti-Nazi, vermittelt und vorgelebt hatte. Fests letztes Buch über seine Jugend holte aus diesem Motto den Titel Ich nicht.
In einem seiner eindrucksvollsten Bücher, den Begegnungen (2004), verriet Fest, der kühle Skeptiker mit dieser paradoxen Vorliebe für großbürgerlichen Stil, wie sehr ihn diese Grundhaltung mit Rudolf Augstein verband: Argwohn nach allen Seiten, Zweifel als Prinzip. Es war die wichtigste Lehre, die diese beiden großen Publizisten aus dem Albtraum namens Hitler gezogen hatten. Ein großer Mann, ein großartiger Autor - unabhängig nach allen Seiten. Er wird fehlen.
Stefan Aust, geboren 1946, ist Chefredakteur des Spiegels.
Bernd Eichinger: Ein Mann von Statur
Das ist eine sehr bittere Nachricht. Ich habe Joachim Fest als ganz großen Historiker kennengelernt, nicht nur durch seine Veröffentlichungen, sondern auch durch unseren persönlichen Umgang, als wir am Untergang gearbeitet haben. Ich habe ihn menschlich sehr geschätzt. Er war ein Mann von Statur. Er hat Geschichte so begriffen, wie sie begriffen werden sollte, nämlich als etwas Lebendiges. Er wußte, daß sich Geschichte über Personen erzählt und nicht über abstrakte Ereignisse.
Joachim Fest ist einer der ganz wichtigen Historiker der Zeitgeschichte, speziell auf seinem Gebiet - Hitler und das Naziregime. Es war für mich ein großes Glück, Joachim Fest kennengelernt zu haben. Er war über die Maßen kompetent und akribisch, hat es dabei aber geschafft, einen nicht mit Details zu überhäufen. Er hat es vermocht, aus seiner Akribie heraus einen klaren Blick auf das Ganze zu vermitteln. Insofern hat er großen Stellenwert für die Geschichtsschreibung. Ich bin sehr betrübt, daß ein solch großer Mann nun nicht mehr da ist. Ich bin persönlich sehr getroffen.
Bernd Eichinger, geboren 1949, ist Filmproduzent. Er hat mit seiner Firma Constantin den Film Der Untergang produziert.
Klaus von Dohnanyi: Wahrhaftig
Wenn ein Freund so schnell geht, eine vertraute Stimme so plötzlich für immer schweigt, möchte man am liebsten selbst verstummen. Noch einmal hätte man es doch sagen wollen, ihn wissen lassen müs-sen, wie sehr sein Gesicht und sein Wort uns fehlen werden. Nun kann ich es ihm nur noch nachrufen. Joachim Fest stand in diesem Land auf einsamem Platz. Ein Ort, der ihm weite Sicht ebenso ermöglichte wie seinen Gegnern rundum die bissigsten Angriffe. Sein kundiges und sorgfältiges Wort suchte eine historische Wahrheit, von der er wußte, daß es sie niemals gibt; daß sie ihre Gestalt wechselt mit dem Blickwinkel der Zeit; aber daß sie zu suchen, immer wieder von neuem, die Aufgabe des Historikers bleibt. Wer so der Wahrheit mutig nachgeht, der wird den Weg auch gelegentlich verfehlen. Aber wer mit dieser Erfahrung dann auch seine Einsichten erneuert, der ist ein Vorbild für historische Ehrlichkeit und literarische Zivilcourage.
Als ich Joachim Fest 1996 in Frankfurt mit dieser Begründung den Ludwig- Börne-Preis verlieh, zitierte ich für ihn den britischen Historiker Lord Acton mit dem Satz: Historische Studien wollen mit der Keuschheit der Mathematik betrieben werden - Rechenfehler nicht ausgeschlossen! Trotz der bedrängenden politischen Korrektheit öffentlicher Tugendwächter in unserem Land hat Joachim Fest von seinem einsamen Platz eine Sicht auf deutsche Geschichte und Gegenwart ermöglicht, die in den kommenden Jahren unseren Augen immer vertrauter werden wird. Mit gelassener Zivilcourage hat er allen Anfeindungen widerstanden. Er wird Bestand haben.
Klaus von Dohnanyi (SPD), geboren 1928, war unter anderem Bundesbildungsminister und Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg.
Martin Walser: Ganz er selbst
Als wir, Johannes Gross, Wolf Jobst Siedler und Joachim Kaiser, im Hause Fest am Tisch saßen, um Joachim Fests sechzigsten Geburtstag zu feiern, wurden schöne Reden gehalten. Und, wie es sich gehört, ohne Manuskript. Johannes Gross sprach zierlich, geistreich, periodensicher. Er widmete die Rede einer einzigen Tendenz in Joachim Fests Leben: Alles, was Fest angefangen habe, sei ihm gelungen, und zwar vollkommen gelungen. Auch diese Rede war vollkommen gelungen. Ich beneidete Fest sofort um diesen Freund. Nichts kann das Leben eines Intellektuellen schöner zur Erscheinung bringen als die Rede eines Freundes, die nicht vom guten Willen lebt, sondern die durch ihren Glanz und ihre Substanz beweist, daß der Gefeierte ein rühmenswerter Mensch ist. Dann sprach Joachim Fest selbst. Sein schönster Gedanke: Jeden der heute Eingeladenen beneide er um etwas. Er werde sich hüten zu sagen, um was. Kann man schöner freundlich sein? Das war aber nicht nur ein dekorativer Einfall. Ich entdeckte darin den Fest, den ich kennenlernen wollte.
Zurückhaltung gehörte zu seiner Haltung. Und Haltung war überhaupt seine Erscheinungsart. In Sprache und mit Leib und Leben. Seine Lebendigkeit ließ er Haltung werden. Eigentlich hätte er, hat er gesagt, am liebsten Bücher über die italienische Renaissance geschrieben, aber die deutsche Geschichte, die von ihm erlebte, ließ das nicht zu. Er wurde der Historiker der erlebten Geschichte. Er sah sich dieser Geschichte ausgesetzt. So ist er ein großer Erzähler geworden. Daß er vielen unbequem wurde und sich von keinem Meinungsgestöber blenden ließ, zeichnet ihn aus. Er erschrieb sich Unabhängigkeit. Seine Unabhängigkeit sichert ihm Größe. In einem Buch erzählt er, daß ein Kellner in Neapel seinen mitreisenden Freund Dottore, ihn aber Capitano nannte. Diese Charakterisierung fängt viel ein. Ein Capitano nicht durch Auftrumpfen, sondern durch Haltung. Ich habe ihn immer aus der Distanz verehrt, die seine Haltung gebot.
Der Schriftsteller Martin Walser, geboren 1927, veröffentlichte soeben den Roman Angstblüte.
Klaus Fußmann: Von der Malerei
Abstrakte Malerei mochte er schon nicht. Die deutschen Expressionisten standen ihm dagegen nahe. Aber sein Herz ging auf bei den Romantikern, hier vornehmlich bei ihren Zeichnungen, und davon verstand er viel. Es war ganz leicht, sich mit ihm über Malerei zu unterhalten - stundenlang -, man merkte gar nicht, daß er ja eigentlich Historiker war, ein Wortmensch also und, wie behauptet wurde, besonders der Musik zugetan. Er sagte niemals etwas Langweiliges, egal, worum es gerade ging, nur über Essen und Trinken habe ich ihn nie reden hören.
Klaus Fußmann, geboren 1938 in Velbert, ist Maler und emeritierter Professor an der Universität der Künste, Berlin.
Christian Herrendoerfer: Filmabenteurer
Ich gehöre zu der Generation, deren Geschichtsunterricht in der Schule mit dem Ersten Weltkrieg endete und dann wieder mit den Etruskern begann. Den Zweiten Weltkrieg, die Nazi-Zeit gab es nicht. Insofern war meine Zusammenarbeit mit Joachim Fest an unserem Dokumentarfilm Hitler, eine Karriere für mich auch ein nachgeholter Geschichtsunterricht. Die Filmarbeit war viel schwieriger als heute, da die Archive, besonders die im Osten, noch nicht allen offenstanden. Bei unserer Arbeit an dem Film haben wir beide handwerklich voneinander gelernt. Und die Faszination geteilt, die jeder Dokumentarist erlebt, wenn es darum geht, Propagandamaterial zu entmanipulieren.
Fest - der Schreiber und große Stilist, dessen Vorbilder Thomas Mann und Jakob Burckhardt waren - mußte nun dem Bild den Vorrang vor dem Wort lassen. Oder er mußte zumindest einräumen, daß das, was als Erscheinung nicht zu übersehen war, nicht der literarischen Verdopplung bedurfte. Das Texten unseres Films war ein großes und zeitraubendes Abenteuer, wir brauchten oft für eine Minute Film eine ganze Stunde Zeit, das haben wir bis in die frühen Morgenstunden betrieben. Joachim Fest hat dem Bild und dem Film als Medium intellektuell nicht die Bedeutung beigemessen, die er der Sprache einräumte. Manchmal fügte er sich regelrecht unter Schmerzen in die Filmarbeit. Oft haben wir uns bei der Arbeit in die ironische Distanz gerettet. Wir waren völlig geschafft von der Mediokrität dieser Leute. Fests Hitler-Buch erschien 1973, unser Film kam 1977 heraus, und es gab einen gewaltigen Aufruhr, als er bei den Filmfestspielen in Berlin uraufgeführt wurde.
Der Aufruhr entstand vor allem, weil Joachim Fest die Figur Hitler nicht dämonisierte oder als teuflische Bestie oder bloßen Psychopathen darstellte. Vielmehr versuchte unser Film, die Beziehung zwischen diesem gescheiterten Künstler, Hitler, und dem deutschen Volk zu schildern, die - auch - eine Liebesbeziehung war. Der Gescheiterte und die deklassierte Nation erkannten sich gegenseitig. Das haben wir als erste in einem Dokumentarfilm geleistet, der in den siebziger Jahren der erfolgreichste an der Kinokasse war. Natürlich nicht, ohne dem Dritten Reich seine abgrundtiefe Niedertracht und antizivilisatorische Destruktivität zu nehmen. Unser Hauptkritiker war damals Sebastian Haffner, der uns zu dem Film zwar gratulierte, aber meinte, wir hätten Hitler zu sehr als den con-man (Verführer) herausgestrichen.
Ich habe Joachim Fest schon 1963 in der Redaktion von Panorama beim NDR kennengelernt. Er war mein Prinzipal und mein Lehrer. Ich habe ihm ungeheuer viel zu verdanken. Im Laufe der Zeit, als wir gemeinsam im Schneideraum arbeiteten und den Film zusammenfügten, hat er mich als gleichwertigen Kollegen und später als Freund akzeptiert. Im letzten Jahr habe ich ihn noch gefragt, ob er nicht Lust hätte, jetzt - da soviel neues Archivmaterial zugänglich ist - noch einmal einen Film über Hitler zu machen. Sein Hauptargument dagegen war, er wolle sich das nicht noch einmal antun, aus Ekel über die Figuren, mit denen man sich zwangsläufig Tag für Tag beschäftigt. Ich hätte mit Joachim Fest gerne noch einen Film über Hitler gemacht.
Christian Herrendoerfer war Korrespondent und Auslandsredakteur beim Norddeutschen Rundfunk. Er hat mit Joachim Fest den Dokumentarfilm Hitler, eine Karriere produziert.
Text: F.A.Z. vom 13. September 2006
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, NDR, privat
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