Mozarts Geburtstag

Unser Kalbskotelett ist heuer auch vom Wolfgang

Von Eleonore Büning, Salzburg

27. Januar 2006 Mozart haßte Salzburg. Aus München schreibt er dem Vater: „Ich schwöre ihnen bey meiner Ehre daß ich Salzburg und die ihnwonner, ich rede von gebohrnen Salzburgern, nicht leiden kann; - mir ist ihre sprache, ihre lebensart ganz unerträglich.“ Es blieb nicht das einzige Zeugnis einer aufrichtigen Abneigung. Die miserable Ausstattung der fürsterzbischöflichen Hofkapelle, der enge Wirkungskreis waren Grund genug, zu erkennen, daß dies nicht „der rechte Ort“ für ihn war.

Erst spätere Generationen bemerkten einen Zusammenhang zwischen der lichten Schönheit der Barockstadt und dem als apollinisch empfundenen Natur-Schönen der Mozartschen Werke, vor allem bei denen, die er nicht mehr in Salzburg geschrieben hatte. „Hic habitat felicitas“: Hier wohnt das Glück. Diese Inschrift soll auf einem römischen Mosaikfußboden gestanden haben, den man in Salzburg fand bei der Grundsteinlegung für das Mozartdenkmal, wie Erich Kästner in seiner Novelle „Der kleine Grenzverkehr“ behauptet hat. Aber selbst Kästner lobt sein Salzburg aus der Ferne. Er berichtet, wie er im Hotel Axelmannstein in Reichenhall wohnen mußte, um in Salzburg seiner Konstanze zu begegnen und zu lernen, daß an diesem gesegneten Ort sogar Mäuse Engelsflügel tragen.

Reich mir die Hand, mein Leben

Die Salzburger sind großzügig, sie haben ihren Mozart trotzdem zum Fressen gern. „Unser Kalbskotelett ist heuer auch vom Wolfgang“, sagt der Ober im Restaurant. Heute abend um Punkt acht Uhr werden in der Altstadt alle Glocken geläutet werden von Sankt Peter bis zum Dom, denn das Geburtsstündlein hat geschlagen. Salzburgs Konditoren buken eine Riesengeburtstagstorte, „auch vom Wolfgang“, die auf dem Kapitelplatz von den Bürgern der Stadt verzehrt werden soll. Zur selben Zeit dirigiert Riccardo Muti im Festspielhaus für zugereiste Gäste aus Politik und Wirtschaft die Wiener Philharmoniker, und Cecilia Bartoli wird mit Thomas Hampson das Duett „Reich mir die Hand, mein Leben“ singen.

„Don Giovanni“ wurde in Prag uraufgeführt, wo 1837 das erste Mozarteum der Welt gegründet worden ist: „Mozartuv pamatnik“ - das war vier Jahre vor dem Mozarteum in Salzburg. Heute liegen in Prag immer noch 109 Bände Handschriften, 81 Drucke und unter anderen vier autographe Briefe der Familie Mozart. Man würde so etwas am liebsten unterschlagen in diesem Salzburger Jubeljahr. Mozart hat zwar mehr als die Hälfte seiner Werke in seiner Vaterstadt verfaßt: „the largest part of his intensive oeuvre“. Doch sein Abschied von Salzburg kam einer Flucht gleich, und danach blieben ihm nur noch zehn Jahre.

Die Bartoli war noch frei

Die Bartoli, darüber wundern sich alle, hatte tatsächlich am 27.Januar abends um acht Uhr noch nichts Besonderes vor. So konnte sie einspringen für Renee Fleming, die sich aus künstlerischen Gründen kurzfristig geweigert hatte, Rezitativ und Rondo KV505 zu singen. In diesem Stück geht der obligate Klavierpart - den Mozart für sich selbst schrieb - mit dem Sopran, bestimmt für die geliebte Stimme der Nancy Storace, eine intime Verbindung ein. „Mir stockt das Herz“, singt sie. Und der chromatisch abwärts stolpernden Klaviermelodielinie bleibt gleich zweimal pro Takt der Atem stehen. Die Stiftung Mozarteum läßt freilich über ihr historisch getreu nach Art eines bunten „Vocal- und Instrumentalconcerts“ der Mozartzeit zusammengestelltes Programm nicht mit sich handeln. Sie hat Fleming kurzerhand ausgeladen.

Außer Hampson und Bartoli treten nun im offiziellen Festkonzert, das zeitversetzt vom ORF übertragen wird, auch noch Mitsuko Uchida, Gidon Kremer und Yuri Bashmet in Erscheinung. Weitere Höhepunkte der Salzburger Mozartwoche, die seit 1956 alle Jahre rund um Mozarts Geburtstag herum stattfindet und in diesem Jahr auf zwei Wochen ausgedehnt worden ist: Schiff dirigiert seine „Cappella Andrea Barca“, Harding das Mahler Chamber Orchestra, und Thomas Quasthoff singt überraschend als Zugabe die Hallenarie des Sarastro. Man hätte nie geglaubt, daß diese starke, helle Bariton-Stimme so tief hinuntersteigen kann und dabei immer noch schwärzer wird.

Er reitet grundsätzlich allein

Im Foyer des Mozarteums an der Schwarzstraße steht die lebensgroße Statue des Komponisten in Bronze, eingeweiht 1914. Nackt wie ein Griechengott, die Gesichtszüge eine Kreuzung aus Friedrich Schiller und Oskar Werner, der vielleicht gerade eben wegen dieses Denkmals für den Mozartfilm 1955 typengerecht besetzt worden war. Die Lyra, die Bronzemozart in Händen hält, hat keine Saiten. Über dem Geschlechtssteil flattert ein feigenblattartiges Band. So steht er herum, der heitere Mozart-Musagetes, gründlich entmusikalisiert und entsexualisiert. Wie gut, daß die Musikgeschichte nach 1914 weiterging und sich zumindest in bezug auf die Aufführungspraxis seither einiges aufgeklärt hat.

Jedesmal steht der Flügel anders. Mal mit Dirigent, mal ohne. Es gibt während der Salzburger Mozartwoche mindestens vier Varianten, wie ein Mozartsches Klavierkonzert heutzutage gespielt wird. Die Wiener Philharmoniker mit ihren Streichern, weich wie flüssige Seide, und der Pianist Leif Ove Andsnes, brillantklar im Anschlag, spielen das Es-Dur-Konzert KV449 gemeinsam mit Nikolaus Harnoncourt in populärer Weltzugewandtheit. Das Instrument steht längs im Orchester, das Publikum kann alles genau beobachten: ein „Show-Piece“. Doch Pianist und Dirigent sind zu weit voneinander entfernt, und das Orchester bleibt links und rechts unter sich, womit wohl auch die Ungenauigkeiten zu erklären sind, die man allen anderen übelnehmen würde, nur den Wienern nicht.

Emanuel Ax und Daniel Harding mit dem Mahler Chamber Orchestra bringen das Klavierkonzert B-Dur KV595 in konventioneller Aufstellung: Der Steinway steht quer vorn an der Rampe, der Schalldeckel ist fast voll aufgeklappt, so daß man Harding dahinter nicht rudern sieht, aber auch Ax die Bratschen gar nicht und nur einen Teil der Bläser im Blick hat. Macht nichts, er ist sowieso vollständig in sich selbst vertieft. Ein Westernheld, der grundsätzlich allein reitet: auf Wiedersehen bei der Fermate.

Traumverlorene Insel der Empfindsamkeit

Bei Andras Schiff dagegen, dem davon träumte, er habe einst im achtzehntenJahrhundert als der Komponist Andrea Barca in Florenz gelebt und einmal dem durchreisenden jungen Mozart beim Umblättern assistieren dürfen, füllt der riesige Bösendorfer Imperial das viel zu kleine Podium des Mozarteum-Saals von der Front bis zur Bühnenwand. Der Schalldeckel ist entfernt, Schiff spielt und dirigiert mitten unter Freunden mit dem Rücken zum Publikum. Seine „Cappella Andrea Barca“ zelebriert die edelste, die Kammermusikvariante: eine traumverlorene Insel der Empfindsamkeit. In diesem Ensemble, das man auch das köstlichste Handy-Orchester der Welt nennt, weil jeder, der mitspielt, selbst ein Solist ersten Ranges ist und zum eigenen Vergnügen sein Bestes gibt, stehen die Baßinstrumente ganz außen und rahmen alles ein mit ihrem dunklen Fundament. Nach dem Konzert G-Dur KV453 dirigiert Schiff die Jupitersymphonie. Die Eröffnungszene mit den drei Orchesterschlägen des Komturs gelingt so luzide und rhythmisch so beschwingt, daß man mit einemmale bemerkt: Hier, in diesem Baßmotiv und der Interaktion mit den Bläsern, liegt schon die Keimzelle des Jazz.

In Mozarts Wohnhaus wird das Publikum an ausgewählten Tagen bei begrenzter Teilnehmerzahl in den Autographen-Keller geführt, damit es dort die Silberstiftzeichnung von Doris Stock und ein paar ausgesuchte Handschriften bestaunen kann. Diese Tour ist der Abstieg ins Allerheiligste. Tatsächlich geben Autographe aber auch musikalische Aufschlüsse, die im gelungensten Konzert und selbst in der kritischen Gesamtausgabe nicht zu haben sind. Am Ende jedes Satzes des Autographs der Symphonie C-Dur KV551 (Jupiter) hat Mozart sein spezifisches Schlußkürzel gesetzt. Einen flüchtig hingeworfenen Schlenker, der ein W sein könnte oder aber das Zeichen für das Freundschaftssymbol (den Doppelschlag). Und dazu eine jauchzende Überfülle von Fermaten, auf alle Systeme gesetzt, drunter und drüber: Zu Ende!!! Zu Ende!!! Zu Ende!!! Man ermißt, wieviel knechtende Kleinarbeit im Vorangegangenen steckt. Und schon fängt der nächste Satz an. Eine Faksimile-Ausgabe dieses Autographs ist neu bei Bärenreiter herausgegeben worden: so fein gearbeitet mit allen Klecksen und Verfärbungen, daß man meint, man habe das Original in Händen.

Mit Tränen in den Augen

Die betäubendste kulinarische Erfahrung Salzburgs bietet nicht die echte Mozartkugel von Fürst, es sind vielmehr die heißen „Frankfurter“ und „Münchner“, die paarweise angeboten werden am Marktstand. Sommers wie winters wird dazu frischer Meerrettich von der Wurzel heruntergerieben. Im Winter wirkt er noch schärfer, es treibt den Leuten unweigerlich das Wasser in die Augen. Den ganzen Tag stehen also Menschen in kleinen Gruppen vor der Kollegienkirche auf dem Markt im Schneematsch herum und flennen. Sie blicken auf und können die Geburtshaus-Fenster mit ihrem goldgelb ausgemalten Backenbart-Rahmen doch nur durch Tränennebel sehen. Hinter diesen Fenstern wurde „den 27 Januarii abends um acht uhr“ vor zweihundertfünfzig Jahren das Kindlein geboren.

Robert Wilson hat die Jubiläumsinstallation besorgt. Im Geburtszimmer steht nun eine schneeweiße Wiege, eine Puppe mit stahlblauen Augen liegt darin, sie schaut aus wie ein kleiner Oskar Werner. Drei Zimmer weiter tanzt Mozarts Hund Pimperl, der mit dem Nannerl auf einer der hölzernen Bölzlscheiben zu sehen ist, auf einer Kopie von Mozarts historischem Walter-Hammerflügel herum. Die Stadt Salzburg aber ist als totenbleiches Gipsmodell kopfüber an die Decke geklebt worden. So läuft man über blaue Dielen mit Sternenlichtern darin und tritt den Himmel auf Erden mit Füßen.

Dann noch ein schönes Mozartjahr

„Dergleichen Historien nehmen Geld und Zeit weg“, schrieb Vater Leopold an seinen Augsburger Verleger, um ihn in Kenntnis davon zu setzen, daß ihm das siebte Mal ein Kind geschenkt worden sei, genannt „Joannes, Chrisost, Wolfgangus, Theophilus“, wie das Taufbuch am Tag nach der Geburt verzeichnet. Leopold Mozart hat sich geirrt, aus dieser Historie entwickelte sich etwas Unbezahlbares, das die Zeit außer Kraft setzen kann, was jedes Mal wieder geschieht, wenn gute Musiker zugange sind.

Die Kontrabassistin des Mozarteum Orchesters Salzburg, die so wunderbar in der „Cappella Andrea Barca“ den Ursprung des Jazz aus der Jupitersymphonie herausprozessierte, daß ihr Andras Schiff dafür im Herausgehen einen Kuß auf die Wange drückte, ist dafür das beste Beispiel. Sie bleibt in der Konzertpause an der Rampe sitzen, steht den aufgewühlten Konzertgängern Rede und Antwort. Dann steht sie auf, um zu gehen, lächelt und sagt: „Dann wünsche ich Ihnen allen noch ein schönes Mozartjahr.“



Text: F.A.Z., 27.01.2006, Nr. 23 / Seite 35
Bildmaterial: REUTERS

 
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