06. Mai 2006 Theologie hin oder her - ein Papst wohnt in Italien und muß daher immer bella figura machen. Als Nachfolger des eher bäuerlichen Polen Karol Woityla hat Joseph Ratzinger es in Modedingen viel einfacher als beim Kopieren von dessen unnachahmlichem Charisma. Wo Johannes Paul II. sich von polnischen Dorfschustern grellrote Stiefelchen anmessen ließ und sich ansonsten bedenkenlos den bollerigen Traditionen der römischen Klerikalschneiderei anvertraute, offenbart Benedikt XVI. geschmackssicheres Stilempfinden.
Die italienischen Medien kommen ein gutes Jahr nach dem Amtsantritt des Tedesco aus dem Staunen nicht heraus, ist man südlich der Alpen von den Deutschen doch eher die ausgebeulten Anzüge Helmut Kohls, Michael Schumachers Overalls oder neuerdings Angela Merkels Urlaubs-Casual gewohnt. Welch eine Differenz zum bayerischen Weltmann Ratzinger! Mit ihm hielt am päpstlichen Hof ein neues Regiment ausgewählter Lieferanten Einzug.
Flotte Sportjacke, kecke Brille
So trug Seine Heiligkeit im Alpenurlaub flotte Sportjacken von Adidas und setzte sich dazu eine blütenweiße Basecap desselben Hersteller auf. Neben der inzwischen bereits legendären Hermelinkappe Camauro, einer Sonderanfertigung, erregte vor allem die kecke Sonnenbrille des Heiligen Vaters, ein trendiger Modeartikel aus Amerika, Aufsehen; die Modelle der Firma Serengeti-Bushnell trug bereits der Kardinal und Glaubenswächter bei seinen römischen Spaziergängen.
Auch bei seinen Talaren lüftete der neue Papst den Muff von tausend Jahren. Statt der diskreten römischen Privatschneiderei Gammarelli liefert jetzt die sportlichere Firma Euroclero die Arbeits- und Ausgehkleidung des schlanken und ranken Papstes. Daß Ratzinger statt polnischer Treter nur auf feinster italienischer Schuhmode von Geox oder gar in roten Zeremonienschuhen von Prada einherschreitet, brachte ihm endgültig die Hochachtung vieler modebewußter Italiener ein. Dazu paßt die Benutzung eines I-Pod, mit dem der Papst unterwegs seiner Vorliebe für die klassische Musik, insbesondere Mozart, frönen kann. Für das Geschenk des handlichen Geräts bedankte sich der Papst mit dem gar nicht mittelalterlichen Kommentar, der Computertechnologie gehöre nun einmal die Zukunft.
Sein Stilbewußtsein hat dem modischen Papst in Italien, das fünf Jahre lang unter den Zweireihern Berlusconis leiden mußte, bereits den - liebevoll gemeinten - Beinamen Markenpapst eingetragen. Obwohl ihr eleganter Chef in Rekordzeit das begehrteste Männermodel der Welt geworden ist, legen seine Untergebenen aber strengsten Wert darauf, daß Benedikt XVI. nicht zur Werbefigur wird. Aufmerksame Mitarbeiter trennen vor der Benutzung alle Logos und Aufschriften aus den Kleidungsstücken säuberlich heraus. Denn das einzige, wofür der deutsche Papst - absichtlich oder unabsichtlich - Werbung machen möchte, bleibt seine Religion.
Text: F.A.Z., 06.05.2006, Nr. 105 / Seite 37
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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