Von Stefan Niggemeyer
05. September 2004 Wenn der heute eineinhalbjährige Sohn von Claudia Schiffer eines Tages durch ein Album mit Kinderfotos blättert, kann sie ihm was erzählen: Guck mal, Caspar, das sind die Bilder von dir, die wir für die "Vogue" gemacht haben, als du noch ganz klein warst. Und das hier ist das Titelbild von einem Versandhauskatalog, wo du als Kleinkind mit mir drauf warst, was uns ganz viel Geld gebracht hat. Und hier, diese Aufnahmen sind aus einem Werbefilm für Schokolade, wo du rumgekrabbelt bist, da mußt du so 17 Monate alt sein. Ah, und schau, das hier sind die Bilder von dir als kaum erkennbares Bündel auf meinem Arm. Die haben verschiedene Blätter von Bauer- und Springer-Verlag gedruckt, nachdem wir einen kleinen Unfall hatten. Boah, was haben wir die verklagt alle damals! Ich meine, hey, einfach ein kleines Kind in der Öffentlichkeit zeigen, nur weil seine Mutter berühmt ist, das verstößt ja total gegen unser Persönlichkeitsrecht...
Model, Mutter und Geschäftsfrau Claudia Schiffer hat in zwei Instanzen recht bekommen. Das Hamburger Oberlandesgericht entschied, der absolute Schutz von Kindern von Prominenten gelte auch dann, wenn die Prominenten selbst ihre Kinder öffentlich vermarkten - in dieser Situation sei es quasi erlaubt, das Licht der Öffentlichkeit je nach Wunsch mal an-, mal auszuknipsen. Gerald Neben von der Kanzlei Lovells, der die Verlage in dieser Auseinandersetzung vertritt, hofft nun auf den Bundesgerichtshof, der Anfang 2005 entscheidet. Es könne nicht sein, daß Schiffer das Recht auf Schutz der Privatsphäre instrumentalisiere, um das öffentliche Interesse an ihrem Kind abwechselnd anzuheizen und unbefriedigt zu lassen, um so die Preise für den nächsten Werbevertrag mit Caspar in die Höhe zu treiben.
Wen interessiert Prinzessin Caroline beim Einkaufen?
Chefredakteur Peter Lewandowski sagt, die "Gala" gehe auf Nummer Sicher und veröffentliche keine Fotos ohne Genehmigung. "Wir führen keine Prominenten vor und akzeptieren die Grenzen des guten Geschmacks." In bezug auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das Fotos von Prinzessin Caroline beim Einkaufen verbot, fragte er: "Wen interessiert Prinzessin Caroline beim Einkaufen?"
Der Titel der aktuellen "Gala" zeigt Julia Roberts, wie sie eine Secondhand-Boutique in Los Angeles verläßt, wo sie nach Informationen der "Gala" drei "Neckholder-Umstandskleider für günstige 200 Dollar" erstanden hat. Im Inneren zeigt uns "Gala" weitere Bilder von offensichtlich in Hast fotografierten "Einkaufstouren", auch mit Roberts' Ehemann.
3 Jahre! Ich war die Geliebte von Roberto Blanco
Im Frühsommer 2001 schüttete Roberto Blanco in der "Bunten" sein Herz aus: Er erzählte Reporter Paul Sahner, wie das war, als ihn die Stewardeß Nicole, die nicht mal halb so alt war wie er, anrief, um ihm zu sagen, daß sie von ihm schwanger sei. Er erzählte, wann und wo es "passiert sein" muß, daß er dachte, sie hätte die Pille genommen, und "künftig regelmäßig Kondome benutzen" werde, und wie seine Frau, mit der er seit 36 Jahren verheiratet war, reagierte.
Zwei Jahre später beschrieb die Stewardeß das Geschehen aus ihrer Sicht: in der "Neuen Revue". Titel: "3 Jahre! Ich war die Geliebte von Roberto Blanco". Blanco klagte dagegen mit dem Hinweis, sie habe kein Recht, öffentlich über sein Privatleben zu berichten. Als die "Neue Revue" erwiderte, daß Blanco ja seinerseits öffentlich über ihr Privatleben berichtet habe, behauptete Blanco nach Darstellung von Chefredakteur Peter Bartels erst, er habe gar kein Interview gegeben, und später, er habe das Interview nicht autorisiert. Erst als die "Neue Revue" andeutete, das Gegenteil beweisen zu können, gab Blanco auf - einen Tag vor der angesetzten Verhandlung.
Der "Stern" machte vor kurzem ein Fotoshooting mit Veronika Ferres, das sie unbedingt mit einem von zwei Fotografen machen wollte, die dem "Stern" aber beide nicht zusagten. "Als wir antworteten", erzählt Art Director Tom Jacobi, "daß wir unter diesen Umständen ganz auf die Geschichte verzichten würden, war sie dann aber bereit, auch mit einem anderen Fotografen zu arbeiten. Die deutschen Stars versuchen zur Zeit, ähnlich viel Kontrolle durchzusetzen, wie es amerikanische Stars oft tun, knicken dann aber ein. Das Ansinnen, mehr Kontrolle über die Berichterstattung zu haben, nimmt zu, aber wir sagen bei Versuchen, noch das Layout zu beeinflussen, grundsätzlich nein - bislang ist daran noch nie eine deutsche Produktion gescheitert."
Redaktionelle Zusätze und Artikelüberschrift sind Herrn George vorzulegen
Journalisten, die an einem Pressetermin mit Götz George teilnahmen, bekamen von dessen Agentur eine "Vereinbarung" zur Unterschrift. Darin heißt es: "Die Auswahl der Photos, die in Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Interviews hergestellt werden oder aus Archivmaterial stammen, obliegt Herrn George . Das für die Veröffentlichung in ... vereinbarte Interview darf ohne eine anderslautende schriftliche Genehmigung durch Herrn George nur in der Ausgabe vom ... einmalig und in seinem vollen Umfang sowie in der genehmigten Form verwertet werden. Eine Auswertung von Teilen des Interviews (Zitate) wird demnach hierdurch ausdrücklich untersagt. Bildunterschrift(en), redaktionelle Zusätze und Artikelüberschrift sind Herrn George ebenfalls vor deren Veröffentlichung vorzulegen. Auch diese bedürfen der Zustimmung durch Herrn George."
Eingriffe in die Privatsphäre massiver geworden
Auch der Medienanwalt Christian Schertz setzt für seine Mandanten bei bestimmten Medien ähnliche Verträge auf. Sie seien eine Reaktion auf schlechte Erfahrungen vieler Prominenter, sagt er. "Unter dem Zeit-, Quoten- und Auflagendruck sind die Eingriffe in die Privatsphäre massiver geworden. Es werden Bilder von Ex-Freunden aufgekauft, Lebenspartner werden mit Zoom-Objektiven in privaten Situationen abfotografiert, und es wird zunehmend schlampig recherchiert oder die Umstände, unter denen Paparazzi-Fotos entstanden, gar nicht mehr geprüft."
Der Mann auf dem Bild ist nicht Andreas Türck
"Nach den Vergewaltigungsvorwürfen: Hier flieht Andreas Türck zu seiner Mama" stand auf der letzten Seite der "Bild am Sonntag" neben einem entsprechenden Bild. Genauer: Neben einem Bild, wo irgend jemand irgendwohin geht. Der Mann auf dem Bild ist nicht Andreas Türck. Die "Bild am Sonntag" zahlte ein Schmerzensgeld.
Kahn ist Kahn, der Zeitpunkt ist Legende
Der Mann auf den Fotos, die Oliver Kahn des fortgesetzten Ehebruchs überführen sollten, die eine Agentur Zeitschriften anbot, war tatsächlich Kahn. Aber der Zeitpunkt, an dem sie aufgenommen sein sollten, wurde auf einen passenden Termin verlegt. Mehrere Zeitschriften druckten die Bilder ungeprüft ab und dichteten einen passenden Text.
Politik zu kompliziert?
Sebastian von Bassewitz ist nicht zu beneiden. Er ist in der Chefredaktion der "Bunten" für Politik verantwortlich und darf sich regelmäßig mit Klagen von Politikern herumschlagen, die irgend etwas Persönliches über sich nicht lesen oder sehen wollten. Dabei hält Bassewitz die Trennung von Privatem und Politischem für überholt: "Die politischen Sachverhalte sind inzwischen so kompliziert, daß die Menschen sie kaum noch verstehen und als Grundlage für ihre Wahlentscheidungen verwenden können", sagt er. "Informationen darüber, wie Politiker als Menschen sind, auch wie sie privat leben, werden deshalb für die Meinungsbildung in einer Demokratie immer wichtiger. Manche Politiker arbeiten damit selbst sehr geschickt, andere - wie Rudolf Scharping - waren eher ungeschickt, aber manche versuchen, sich dem völlig zu verweigern."
Die Bunte, Fischer und Barati
Einer von denen, die sich verweigern, ist Joschka Fischer. Der Bundesaußenminister hat eine junge neue Freundin namens Minu Barati, und die "Bunte" zeigte die beiden beim Urlauben im Garten der Villa eines Geschäftsmannes. Barati verklagte die "Bunte" auf 25000 Euro Schmerzensgeld, und es sieht so aus, als würde sie den Prozeß gewinnen, denn anders als bislang von "Bunte" behauptet, war die Szene mit Fischer und seiner Begleitung nicht einfach von der Straße einsehbar.
Inzwischen muß das auch "Bunte"-Anwalt Robert Schweizer einräumen. Die Zeitschrift sei von dem Fotografen "falsch informiert" worden, sagt er und kündigt an, seinerseits den Paparazzo zu verklagen. "Die ,Bunte'-Redaktion hat nicht im geringsten vor, Politiker abzubilden, wenn sie es nicht darf", sagt er und betont, man wolle in Zweifelsfällen nicht einmal ein Risiko eingehen - genau dafür sei er als Jurist in der Redaktion, um rechtzeitig Einfluß nehmen zu können.
Neue Freundin von öffentlichem Interesse
Als bekannt wurde, daß Herbert Grönemeyer nach dem tragischen Tod seiner Frau wieder eine Freundin haben soll, wurden der Presse private Bilder von ihr angeboten. Die Frau ließ über ihren Anwalt erklären, daß sie nicht in der Öffentlichkeit auftauchen möchte, und warnte davor, die Bilder zu verwenden. Die "Bild am Sonntag" hielt das nicht davon ab, sie auf dem Titel zu zeigen. Weil klar war, daß sie einen Prozeß verlieren würde, zahlte sie freiwillig 20000 Euro Schmerzensgeld, aber Chefredakteur Claus Strunz ließ in der TV-Sendung "Im Zweifel für" keinen Zweifel daran, daß er es wieder tun würde: "Wenn ein Mann wie Herbert Grönemeyer mit autobiographischen Liebesliedern, in denen sein Privatleben eindeutig eine Rolle spielt, Millionen verdient und die Herzen der Menschen erwärmt, dann finde ich, ist seine neue Freundin von öffentlichem Interesse, zumindest in meiner journalistischen Definition." Das würde er gegen die Betroffene "immer bis zum Ende durchfechten wollen".
Robert de Niro stand an einer Bushaltestelle!
Neuigkeiten aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Frau im Spiegel", dokumentiert mit Wort und Bild: Robert de Niro stand in Paris an einer Bushaltestelle! Steve Martin trug beim Fahrradfahren einen Sturzhelm! Und: Als Arnold Schwarzenegger neulich mit seiner Familie die Straße in Malibu überquerte, gingen seine Frau und seine Tochter vorne!
Kein Wort mehr über Julia und ihr Privatleben
Am 30. Juli widmete "Bild" der Tochter von Uschi Glas eine gewaltige Schlagzeile auf Seite 1: In eine "Drogen-Affäre" sei Julia verwickelt, berichtete das Blatt neben einem großen Foto von ihr und ihrer Mutter. Im Inneren schrumpfte der Vorwurf auf die "Vermutung" eines Polizisten, sie könne sich mit zwei Freundinnen eine Marihuana-Zigarette geteilt haben. Zwei Tage danach: kein Wort mehr über Julia und ihr Privatleben. "Bild" hatte eine einstweilige Verfügung erhalten und unterschrieb, nicht weiter zu berichten - die Betroffene ist 17 Jahre alt, also minderjährig und besonders vor solchen Berichten geschützt. Nicht, daß "Bild" das nicht vorher gewußt hätte.
Image in der Öffentlichkeit steuern
Gerhard Schröder hat alle Fotos von der dreijährigen Viktoria, die er aus einem russischen Waisenhaus adoptiert hat, verbieten lassen. Dieses Recht steht ihm nach den Urteilen des Bundesverfassungsgerichtes zweifellos zu. Anwalt Gerald Neben meint, daß Schröder bestimmt auch ein Gericht gefunden hätte, das die Text-Berichterstattung über die Adoption mit Hinweis auf angeblichen Privatsphärenschutz untersagt. Daß er gegen die Fotos massiv vorging, das öffentliche Interesse an den Texten aber zuließ, lasse den Schluß zu, daß dem Kanzler die Berichte über die vermeintliche Privatangelegenheit der Adoption politisch sehr recht waren. Dieses Verhalten sei typisch für viele Prominente, sagt Neben: "Der Schutz der Privatsphäre wird institutionalisiert, um gezielt das eigene Image in der Öffentlichkeit zu steuern oder um Kasse zu machen."
Der rechte Busen von Britney Spears
Britney Spears hat neulich in irgendeinem Laden eine Bluse anprobiert. Dann beugte sie sich vor, um an einem Garderobenständer nach weiteren Fundstücken zu suchen. Von der Seite fotografiert, konnte man dadurch einen Teil ihres rechten Busens sehen. Die Paparazzi-Fotos von diesem Ereignis druckten unter anderem "Neue Revue" und "Bild". "Neue Revue"-Chef Bartels räumt freimütig ein, daß man sich das bei deutschen Stars nicht trauen würde.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.09.2004, Nr. 36 / Seite 29
Bildmaterial: ANSA
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