Vorschau auf die Theatersaison

Kommt ihr Töchter, seid die Plagen!

Von Gerhard Stadelmaier

10. Juli 2008 Bine hat das letzte Wort: „Bei uns ist übrigens was im Kommen, und das freut uns total echt.“ Bine ist schwanger. Oli kann dazu nur noch „Ja“ sagen, wobei er zuvor in einem längeren Monolog konstatiert hatte: „Also, Gott ist tot. Und das Problem ist, dass dann der Himmel leer, weil Gott tot und drum steht der Himmel so die ganze Zeit einfach leer da und das kann sich bitte auch keiner lange leisten.“ Und weil die „Welt eine Zentrifuge“, die Schwerkraft nur noch eine Illusion, das Nichtsein schon entschieden und nur noch „meine scheiß Befindlichkeit die einzige Politik“ ist, kann es nichts schaden, „das Vögeln neu zu erfinden“. Und das ist reine Frauensache.

Am Ende von „Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft“ des dreißigjährigen Mühlviertler Dramatikers Ewald Palmetshofer, in der gerade abgelaufenen Saison im Wiener Schauspielhaus uraufgeführt, in der kommenden an den Bühnen von Mannheim (deutsche Erstaufführung), Luzern (Schweizer Erstaufführung) und Hannover nachgespielt, wird der leeren Metaphysik sozusagen auf die Eisprünge geholfen: in der reduzierten Plapper- und Kürzelsprache der dreißigjährigen verzweifelten Wohlstandsverwahrlosten, der dramatischen Standardgeneration unserer Tage. Palmetshofer, abgebrochener Germanistik- und seither Dauer-Theologie-Philosophie-Lehramtsstudent mit sozialarbeiterischen Nebenjobs, der das Potential zum neuen Mode-Stückeschreiber hat, therapiert die Himmellosen mit dem höllischen Bioticum des schiachen Ewigweiblichen.

Vom Weltuntergang

Wobei es durchaus zur Explosion kommen kann: „Wenn die Tochter gegen die Mutter. Dann geht die Welt unter“, sagt Judith in Palmetshofers „Helden“, deren Uraufführung das Theater an der Ruhr in Mülheim plant. Judith ist Catwoman, David ist Spiderman, ein Comic-Pärchen, das – „Wer heute noch schläft, muss morgen brennen“ – sich zu Bomben macht und nicht nur Wellnessthermen, sondern auch Familien in die Luft sprengt.

Würde morgen die Welt untergehen, eine erkleckliche Zahl von neuen Dramatikern würde heute noch ein Frauenbäumchen im Familiengarten pflanzen, und läge noch so viel Giftstaub auf den Blättern. Wo aber gleich nebenan die „Achterbahn in die Abgründe der Seele“ aufgebaut wäre, die das Theater Bonn für die Uraufführung von Neil LaButes „Great War“ verspricht, der „Beziehungsschlacht eines Paares“. Die Tendenz geht, überblickt man die Stücke und Stoffe der kommenden Theatersaison wenigstens in Ankündigungsform: nach drinnen. Oder drunten. Selbst René Pollesch, dessen popbewusste Oberflächenquasselstücke sich in den letzten Jahren mit dem Kapitalismus und vor allem mit dessen Sexverzinsungspraktiken beschäftigten, geht jetzt in „Fantasma – Ritt in die Hölle“ (Uraufführung am Wiener Burgtheater) der Frage nach: „Bin ich ein Schleimpilz, den eine Ratte anknabbern kann?“ und: „Wie geht Tod?“

Selbstverwirklichung ist noch kein Glück

Dass der Tod „nicht der größte Verlust“ sei, „nur der letzte“, weiß in Justine del Cortes Frauenepisodendrama „Sex“ eine Frau, die mit fanatischem Kopulieren ihre Lebensleere und ihre Angst so lange betäubt hat, bis sie das Leben ganz aufgibt. In einer anderen Szene versucht ein junges Mädchen, sich wie Leda mit einem Schwan zu paaren, während am Schluss des Stücks, das am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wird, ein Mann vor seiner Frau kniet, weint und sie um Verzeihung bittet „für die Überforderung, für die Lügen, für das Versäumen, für alles, was ich dir getan habe“ – sie aber nur die Tür zum Schlafzimmer öffnet. Die Frauen bestimmen ihr Glück wie ihr Unglück selbst. Männer sind nur noch Katalysatoren.

In John Birkes „Armem Ding“ (Uraufführung an den Münchner Kammerspielen) gesellen sich die biblischen Töchter Loths, die mit ihrem volltrunkenen Vater schliefen, um neue Völker zu zeugen, und Judith, die mit Holofernes, dem Todfeind ihrer Stadt, Sex hatte, bevor sie ihn köpfte, zu ihrer neuzeitlichen Kunst-Schwester Tracey Emin, die ihr verflecktes Bett zur Museumsinstallation machte. Drei „offensive Sexualpraktikantinnen im Vergleichskampf“ um Macht, Kunstmarkt und Gunstmarkt in der „Unbedingtheit der Selbstaufgabe bzw. -hingabe“. Das gilt auch für die „Judith von Shimoda“ des Bertolt Brecht, die er 1940 im finnischen Exil zusammen mit Hella Wuolijoki schrieb und die jetzt als nachgelassene Uraufführung in der Wiener Josefstadt, danach in Osnabrück herauskommt: Die Geschichte einer Geisha, die durch Sex mit dem Feind die Stadt vor der Vernichtung rettet, aber in Alkohol und Einsamkeit endet: Undankbarkeit als Quittung des Vaterlandes. Die Welt, wie sie ist: womöglich ein Ort für Frauenselbstverwirklichung – kein Ort aber für Heldinnen.

Glück ist doch nur Einbildung

Die Welt nämlich hat „die Aufgabe, dir alles zu nehmen. Deine ist, es nicht zuzulassen.“ Dieses Unbedingtheitsmotto verkündet in Marina Carrs „Woman and Scarecrow“ (deutsche Erstaufführung in Dortmund) eine mysteriöse Gestalt namens Scarecrow einer sterbenden Frau, die kurz vor ihrem Tod ein Leben mit acht Kindern, einem reuigen Betrüger als Ehemann und vielen verpassten Gelegenheiten Revue passieren lässt. Wer sich nicht selbst verwirklicht, kann sich immerhin fragen: „Ist Glücklichsein eine Sache der Einbildung?“

Es scheint, als verhallte der Glücks- und Sehnsuchtsruf der Tschechowschen drei Schwestern: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“, der ja nichts anderes bedeutet als „Raus hier! Raus hier! Raus hier!“ im Echoraum neuerer Frauenstücke nicht mehr unerhört, sondern werde zurückgeworfen: „Rein hier! Rein hier! Rein hier!“ In „China Shipping“ von Ulrike Syha (deutsche Erstaufführung in Tübingen) wollen drei tschechowhafte Neu-Schwestern, die es längst in moskauartige Großstädte verschlagen hatte, wieder zurück in ihr „Provinzscheißkaff“ und dort zwischen „Reben, Kleintierzüchtern und Naturlehrpfaden nach Hause finden“. Heimat – kein Puppenheim.

In der Heimat liege kein Halt

Die Gespenster der Vergangenheit, die je nach Frauenlage immer wieder ein anderes Gewand tragen, treten in Marius von Mayenburgs Heimat- und Frauenstück „Der Stein“, das bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wird, dann an die Berliner Schaubühne wandert, in einen Wettbewerb um Gefühlswahrheiten und Geschichtslügen. Großmutter, Mutter, Enkelin. Und ein Haus in Dresden. Zeitläufte und Zeitschnitte: 1934 (Hauserwerb durch Arisierung), 1953 (Republikflucht), 1978 (flüchtige Besichtigung des alten Eigentums in der DDR, in dem jetzt andere wohnen), 1993 (Wiederinbesitznahme und Vertreibung der zwischenzeitlichen Bewohner). Frauengeschichte als Zeitgeschichte. Die Männer sind tot oder verschwunden. Und kein Halt in der Heimat.

Während in Jan Neumanns „Herzschritt“ (Uraufführung in Düsseldorf) eine Frau nach dem Tod ihrer Mutter sich fragt, ob sie jetzt endlich richtig leben darf; in Reto Fingers „Vorstellungen und Instinkten“ (Uraufführung in Zürich) Papi plötzlich sich auf der „Suche nach einer besseren Gesellschaftsform“ der Polygamie und der großfamiliären Promiskuität ergibt und die Frau schauen muss, wo sie bleibt (am besten allein); in Ingmar Bergmans „Nach der Probe“ (deutsche Erstaufführung in Hamburger Thalia) zwei Frauen einen Regisseur damit konfrontieren, dass er keiner von ihnen in Freundschaft und Liebe genügt habe – während also das Frauenstück immer auch ein Endspiel ist, in dem die Schwerkraft der Verhältnisse einfach wirkt, scheint das leichte Spiel komplizierter.

Von der K-Frage

„Leichtes Spiel“ heißt das neue Stück von Botho Strauß, das Luc Bondy im Schauspiel Zürich uraufführt: Es geht darin um Katharina, Katja, Kattrin, Kati, Kitty, Käthchen, lauter K-Frauen, die an Herzensträgheit, Zungenfertigkeit, Streitsucht, Ruhmbegier, Neugier, Hoffart, Eitelkeit und naturgemäß am Paar-Sein leiden in einem „Pandämonium weiblicher Identitätssuche“. Dabei kann Identität auch eine Sache der Sprache sein, in der die Frauen gegen die Männer antreten in der „Kampfgesellschaft“ von Peter Truschner, die Hermann Beil im Staatsschauspiel Karlsruhe urinszeniert: eine Abendessensschlacht in Familie und Firma, Fusionsgespräche bei Tisch, Machtkämpfe, Fressen und Gefressenwerden hinter Wortfassaden, wobei sichtbar und zur Kenntlichkeit entstellt werden soll, wer da wer ist im kapitalistischen Bestiarium.

Wer seid ihr? „Fratzen“, der Titel von Albert Ostermaiers neuem Stück (Uraufführung in Mannheim), gibt die schon alles sagende Antwort. Bei der Beerdigung eines Politikers redet der Tote in Form von Tonbandprotokollen und rechnet „schonungslos mit Parteifreunden ab“, mit deren Lügen, Intrigen, Verbrechen, wobei alle „Gesichter zu Fratzen“ werden. Aus Fratzen können Flämmchen werden, die im „Funkenflug“ zerstieben, den die junge Autorin Tena Štivii in Wiesbaden herausbringt: eine Flughafendurchgangsgesellschaft, Flüchtige, Sterbende, Wartende, alte Lieben, vertane Chancen, neue Leiden, angerissene Biographien, verwischte Identitäten.

Einfach weitermachen

Funken können aber auch Brände entfachen. In „Harper Regan“ von Simon Stephens (zuerst bei den Salzburger Festspielen, danach im Hamburger Schauspielhaus) verlässt eine Frau, um ihren sterbenden Vater noch einmal zu sehen, Job, Mann und Kind. Am Ende hat sie verbrannte Erde hinter und ein Wagnis vor sich: „Manchmal stehen wir neben uns und schauen uns eine Weile zu und fragen uns: ,Mache ich das jetzt wirklich?‘, und dann sagen wir uns: ,Ja, wirklich.‘ Und machen weiter.“

Ob aber Funkenflug, Gesichtspflege, Identitätsmachtspiele: Die Saison trägt doch irgendwie ziemlich weibliche Züge. Und die Männer? Haben mindestens das Zusehen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
FAZ.NET-Buchshop

AutorenBlicke

Sehen Sie Ingo Schulze im Gespräch mit Felicitas von Lovenberg - jetzt im FAZ.NET-Buchshop.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche