Von Jörg Thomann
04. September 2007 Die jüngere Entwicklung der Trash-Show im deutschen Privatfernsehen lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Phase eins begann 1992: das Vorführen. Nachmittagstalker wie Hans Meiser setzten Menschen, die häufig bildungsferneren Schichten entstammten, vor ein Studiopublikum, damit sie sich selbst entblößten oder von anderen Gästen entblößt wurden. 1999 folgte die zweite Phase, das Verurteilen: Die Talkshows wichen nach und nach den Gerichtsshows, in denen echte Richter in fiktiven Fällen Urteile über Laiendarsteller abgaben, die, wie es schien, häufig bildungsfernen Schichten entstammten. Diese Sendungen begnügten sich nicht mehr damit, gesellschaftliche Außenseiter auszustellen, sie wollten sie auch abstrafen.
Die dritte Phase, die vor wenigen Jahren begann, ist die vermeintlich menschenfreundlichste. Es ist die Zeit des Veränderns. Für jeden, der sein Leben oder wenigstens einen Teilbereich davon nicht in den Griff bekommt, gibt es inzwischen eine eigene Sendung, die ihm Wege aufzeigt, wie er es besser machen kann. Es gibt Fernsehshows mit Mode-, mit Schuldner- und mit Erziehungsberatern. Wir lernen, wie man richtig kocht, richtig wohnt und sich richtig anzieht und lassen uns helfen beim Abspecken, bei der kosmetischen Korrektur und beim Rendezvous. Soeben hat RTL das Aus seiner letzten Gerichtsshows verkündet. Die Lücken schließen, unter anderem, Ratgebersendungen: Das Familiengericht weicht der Sendung Familienhilfe mit Herz.
Unentdeckte Opfergruppe
Es wäre freilich ein Trugschluss zu meinen, auf dem Bildschirm ginge es nun warmherziger und mitfühlender zu. Vorführen und Verurteilen nämlich sind zentrale Aspekte auch der neuen, vordergründig wohltätigen Sendungen. Zunächst einmal wird der Mensch in seiner ganzen Unvollkommenheit vorgeführt, bejammernswert schwach und hilfsbedürftig, und im Anschluss das Urteil gesprochen: Er muss sich, um in dieser (Fernseh-)Welt bestehen zu können, verändern. Nach diesem Prinzip verfährt auch die neue, gestern abend bei RTL 2 erstmals ausgestrahlte Sendung Der Club der Exfrauen, die sich einer noch unentdeckten Opfergruppe annimmt: Frauen, die von ihrem Partner verlassen wurden und die Trennung noch nicht verarbeitet haben.
Präsentiert wird das neue Format von gleich drei Damen, denen man das Expertentum auf dem Gebiet der Ehebeendung nicht absprechen kann: Die gleich zweifache Spielerexfrau Claudia Effenberg, frühere Strunz; Giulia Siegel, Münchner Society-Mittelgröße, Schlagerschreibertochter und zeitweilig liiert mit dem Tennisspieler Thomas Haas; und Maja von Hohenzollern, ehemals verheiratet mit Prinz Ferfried, der sich einst - welch Höchststrafe für eine Ehefrau - auf eine Affäre mit Tatjana Gsell einließ. Diese, so sagt Maja im Vorspann, sei ein peinliches Medienspektakel gewesen, verletzend und würdelos. Man müsste sie bedauern, wäre sie nun nicht dem Club der Exfrauen beigetreten, der Trennungsgeschichten selbst zum peinlichen Medienspektakel aufbläst.
Schrei nach Hilfe
Die erste Folge stellt uns die fünfunddreißig Jahre alte Andrea vor: Seitdem ihr Mann Guido sie verließ, sei sie ein Häufchen Elend, sagt der Sprecher. Zum Beweis hat man sie am Fenster plaziert, wo sie mit leerem Blick auf die Straße starrt. Sie weint. In Großaufnahme sehen wir ihre tränennassen Augen. Dann hören wir sie, vom Tonmeister mit schepperndem Hall unterstützt, Schimpfwörter schreien. Ein verzweifelter Schrei nach Hilfe, sagt der Sprecher. Andrea folgt brav den Regieanweisungen. Auf einer Kölner Dachterasse schauen sich Giulia, Claudia und Maja ihr Bewerbungsvideo an und zeigen sich laut Off-Kommentar tief bewegt davon: Booah, die hat solche Augenringe. - Als hätten die Augen keine Tränen mehr. Als Andrea erzählt, wie sie ihren Mann mit einer Anderen im Bett erwischte, zeigt die Kamera uns die verzerrten Gesichter der Expertinnen, während der Sound schrill anschwillt wie im Horrorfilm.
Im folgenden dürfen wir den drei Fachfrauen beim Versuch zusehen, Andrea in ein Korsett zu pressen, das man aus simpelsten Frauenerweckungsromanen kennt. Claudia besucht mit ihr noch einmal das Zimmer, in dem einst ihre Ehe geschlossen wurde. Andrea weint, Claudia umarmt sie: Ich bin für dich da. Nächster Programmpunkt: das Zerreißen von Hochzeitsfotos. Das soll für dich symbolisch wertvoll sein, erklärt Claudia. Weitere Erinnerungsstücke werden im Garten verbrannt, während Rammstein Mein Herz brennt singen. Später gehen beide zu einem Goldschmied, der Andreas Ehering einschmilzt. Andrea weint. Gut, dass Giulia sich zugleich bemüht, aus ihr wieder eine begehrenswerte Frau zu machen, indem sie mit ihr zum Frisör geht. Sie ist glücklich, teilt kurz darauf der Sprecher mit. Diese Haarfarbe hat sie sich schon immer gewünscht.
Guido ist durchschaut
Auch Guido lässt sich bereitwillig vorführen. Er lädt Maja in sein Haus und erzählt, wie er während der Ehe mit Andrea mit weiblichen Mitmenschen erotischerweise Spaß gehabt habe, gibt sich aber am Scheitern der Beziehung keine Schuld: Er kritisiert Andrea, die zu passiv, zu lethargisch gewesen sei. Maja aber hat Guido durchschaut, wie uns eine Einblendung mitteilt. Dabei dürfte sich der untreue Gatte bei Ansicht der Sendung bestätigt fühlen in seinem Bild von Andrea, die bereitwillig alles tut, was man ihr so vorschlägt. Wie die Mehrzahl der Hilfeshows im Fernsehen feiert auch diese den Wandel der Oberfläche: Neues Make-Up und Strähnchen im Haar formen den neuen Menschen. Die Expertinnen steuern etliche Umarmungen, Wie fühlst du dich?-Fragen und zum Schluss ein Glas Champagner bei.
Zuvor aber wird, um einen Knalleffekt zum Abschluss zu haben, in einem Steinbruch das Ehebett gesprengt, in dem Guido fremdgeschlafen hat. Rache ist süß, weiß der Sprecher. Wie aber kommt das Bett in den Steinbruch? Hat Maja Guido am Esstisch verführt, während Claudia und Giulia heimlich durchs Fenster einstiegen und das Möbelstück unbemerkt hinauswuchteten? Wir vermuten mal, nein: Er wird das Ding wohl freiwillig rausgerückt haben. Nicht nur die Lebenshilfe, auch die Rache bleibt in dieser Sendung bloße Behauptung.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp
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