Treichel über Rühmkorf

Großer Bruder

Von Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel

11. Juni 2008 Heine, Brecht, Enzensberger - und dann kam schon Peter Rühmkorf für den Lyrik lesenden Gymnasiasten, der ich in den sechziger Jahren war. Benn kam nicht vor, sollte nicht vorkommen, der war mir unheimlich, hatte mit den Nazis sympathisiert, schrieb von großen Männern: „ . . . und die litten tief“, trug Schuhe, Anzüge und einen Hut wie der eigene Vater und strömte diese Sorte Melancholie aus, für die man ein gewisses Alter und eine entsprechende Menschenferne erreicht haben muss, um sie zu verstehen.

Nicht so Peter Rühmkorf. Wohl war Rühmkorf auch melancholisch, er sprach und dichtete auch vom Tod, Blumen und Gräser mochte er ebenfalls, aber die Forsythien nahm er nicht „tief sich hinein“, pries lieber Kraut und Rüben, auch wenn er seinen Benn genauer und gründlicher gelesen hatte, als sich das eine arme brechtianisch gestimmte Schülerseele vorstellen wollte.

Humanistischer Hedonismus

Anders als der nihilistische Benn vertrat Rühmkorf einen von ihm selbst so genannten „humanistischen Hedonismus“, dessen Glaubenssätze er literarisch durchdeklinierte. Dazu gehören sämtliche Laster und Lustbarkeiten, nach denen der Mensch sich so sehnt und mit denen er sein Schicksal, ein Sterblicher zu sein, vorab zu Entschädigungsleistungen zu zwingen versucht.

Und dazu gehört zuvörderst natürlich die Liebe: „Ich liebe Dich, Liebe, ich liebe“, schrieb Rühmkorf, womit genauso gut eine Person wie die Liebe als solche gemeint sein konnte. Die Liebe liebt man immer, auch wenn man gegebenenfalls nicht immer liebt, zumal im Alter, zumal nicht die jungen Mädchen, die Rühmkorfs altgewordenes lyrisches Ich wie „flitzende Magnetchen“ an sich vorbeiziehen sieht und schließlich vor der Schönheit und Jugend, der nicht mehr greifbaren, „fast pastörlich“ erschauert.

Auch wenn Rühmkorf bei aller Lebenslust und -frechheit protestantische und eben pastörliche Züge aufwies und oft genug sein Mememto mori dichtete: zu fürchten brauchte man sich nicht vor ihm. Er war keine literarische Vaterfigur, wie Brecht oder Benn. Er war eher so etwas wie ein großer Bruder - im doppelten Sinne. Um erwachsen zu werden, musste man ihn nicht von der Bühne räumen. Man konnte als Schreibender neben, mit und unter ihm existieren. Er eignete sich weder für den Vatermord noch für ein Übermaß an Verehrung. Auch wenn er nicht genug zu verehren ist. Hierin ist er Heinrich Heine gleich. Von beiden kann man lernen, als Lyriker über dem Gefühl den Verstand nicht zu verlieren - und umgekehrt. Von beiden kann man lernen, dass man als Lyriker lernen kann: von Goethe und den Romantikern, vom Expressionismus, von Brecht und von Benn, und eben auch von Peter Rühmkorf. Dass es trotzdem keine „Rühmkorf-Schule“ in der deutschen Gegenwartslyrik gibt, spricht keinesfalls gegen ihn. Sie kann ja noch kommen. Falls nicht, wäre es auch kein Unglück. Lehrmeister findet man schließlich überall. Vom Abzählreim bis zum Gryphius-Sonett. Auch das hat Rühmkorf uns beigebracht.

Hans Ulrich Treichel, geboren 1952, veröffentlichte zuletzt den Lyrikband „Südraum Leipzig“ (2007).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold

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