26. Juni 2005 Wer heutzutage ungeniert von einem Kreuzzug redet, kann eigentlich nur Amerikaner sein. George W. Bush hat manch einen Europäer verstört, als er nach den Anschlägen des 11. September zum Kreuzzug gegen den Terrorismus aufrief. Als Politiker konnte er sich immer noch damit herausreden, ein Kreuzzug habe nichts mit einem Religionskrieg zu tun.
Für einen Prediger wie Billy Graham ist es nicht ganz so leicht, die beiden Begriffe voneinander zu trennen. Und wenn zudem sein Sohn Franklin Graham, der Chef der Familienfirma, die sich Billy Graham Evangelistic Association nennt, den Islam als sehr böse und sündige Religion bezeichnet, ist guter ökumenischer Rat teuer. Dennoch hat Reverend Graham, wie er es seit mehr als einem halben Jahrhundert zu tun pflegt, auch sein jüngstes Missionswochenende, das ihn nach New York brachte, wieder als Kreuzzug angepriesen.
Ruf zum Altar zieht Frischbekehrte an
Der Mann, der sich zu Amerikas Prediger ernennen ließ und Präsidenten von Eisenhower bis Bush II. in nationalen Krisen geistlichen Beistand leistete, hätte nicht deutlicher auf die Unwandelbarkeit seines von allen verzwickten Gedanken unbelasteten Evangeliums verweisen können. Wie damals im Jahr 1957, als er im Madison Square Garden seine Weltkarriere als evangelikaler Gegenpapst begann, hatte er auch jetzt wieder die einfache, eingängige Botschaft mitgebracht: God loves you. Auf dem Höhepunkt der Veranstaltungen, dem Ruf zum Altar, zogen ihm wie stets die Neubekehrten entgegen, um sich öffentlich zu Jesus Christus als ihrem persönlichen Retter zu bekennen.
Aber es gibt heute doch grundlegende Veränderungen, die weit hinausreichen über die Person des sechsundachtzigjährigen ehrenhaften Propheten. Von schwerer Krankheit gezeichnet, ist Graham nicht mehr der feurige, mitreißende Prediger, der die Massen in Bekehrungsräusche versetzte. Sein New Yorker Auftritt wirkte wie die Abschiedsvorstellung einer Primadonna, die kurz vor ihrem Verstummen bloß noch Fans hat.
Blühende charismatische Gemeinden
Verändert hat sich vor allem das evangelikale Umfeld. Einem aufgeklärten Amerika mochte Graham einst als Fossil erscheinen, dem bald nur die religionssoziologische Forschung noch Interesse entgegenbringen könnte. Das war ein Denkfehler. Wenn Graham nicht länger den Einfluß und die Macht seiner Glanzzeiten genießt, liegt das sicher nicht am ungenügenden religiösen Eifer seiner Landsleute. Dank frommer Einwandererströme blühen die charismatischen Gemeinden, ihre Prediger indes folgen nicht dem vergleichsweise gemäßigten Vorbild.
Im Gegenteil, sie haben Grahams Missionsrally gnadenlos politisiert und radikalisiert. Seine Weigerung, in die heißen politischen und ethischen Diskussionen einzugreifen und zu Homosexuellen-Ehe, Abtreibung oder Stammzellforschung Stellung zu nehmen, paßt denn auch nicht wirklich in diese polarisierte Zeit. Statt sein Publikum zu spalten, so sagt er, will er es im Zeichen des Evangeliums einigen. So viel Abgeklärtheit und duldsame Scheu hat keiner der nun in Megakirchen und auf Fernsehkanälen sich austobenden Predigerkollegen zu bieten, von denen freilich niemand als Nachfolger des predigenden Popstars auszumachen wäre, der mit seiner Art des persönlichen Kirchentags die derzeitige Erweckungsbewegung Amerikas entscheidend mitprägte.
Die Zeit aber ist ihm schnöde davongelaufen, und das vermag jetzt auch der silbrig glänzende Bibleman nicht zu leugnen, den Graham zum Vergnügen des Nachwuchses mitgebracht hatte.
Text: F.A.Z., 27.06.2005, Nr. 146 / Seite 42
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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