Von Herwig Birg
22. Februar 2005 Die Zukunft ist zwar unbekannt, aber die Auswirkungen möglicher oder absehbarer Änderungen der demographisch relevanten Verhaltensweisen auf die Bevölkerungsentwicklung eines Landes oder der Welt insgesamt lassen sich mit großer Genauigkeit berechnen.
Wenn beispielsweise die Geburtenzahl pro Frau im Weltdurchschnitt ihre seit einem halben Jahrhundert beobachtete Abnahme noch beschleunigt, wird das bestandserhaltende Niveau von 2,13 Geburten je Frau schon um 2010 erreicht. Dann würde das Weltbevölkerungswachstum jedoch nicht ebenfalls schon im Jahr 2010 enden, sondern erst im Jahr 2050 auf einem Niveau von rund 8 Milliarden im Vergleich zu 6,4 Milliarden heute.
Rechenbeispiele
Der Grund für die Reaktionsverzögerung wird in der Demographie mit den Begriffen Schwung, Eigendynamik oder Momentum bezeichnet. Ihre Ursache liegt darin, daß die Abnahme der Geburtenzahl pro Frau in einem bestimmten Jahr keinen Einfluß auf die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter hat, die in diesem Jahr Kinder bekommen können. Da die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 45 Jahre) aufgrund der größer werdenden nachrückenden Jahrgänge um mehrere hundert Millionen wächst, steigt die absolute Geburtenzahl trotz abnehmender Geburtenzahl pro Frau zunächst noch weiter.
Wenn dagegen die Geburtenzahl pro Frau im bisherigen Tempo abnimmt, ohne daß sich die Abnahme beschleunigt, fällt die Geburtenzahl pro Frau von 2,7 heute auf 2,1 im Jahr 2040 und nicht schon 2010. Dann wird der Gipfel der Weltbevölkerung statt 2050 erst im Jahr 2070 mit rund 9 Milliarden erreicht. Aus der Vielzahl der Berechnungsvarianten sei noch ein weiteres Beispiel herausgegriffen: Wenn sich die Abnahme der Geburtenrate leicht verlangsamt und das bestandserhaltende Niveau erst 2080 erreicht wird, endet das Weltbevölkerungswachstum erst im Jahr 2110 auf einem Niveau von 11,6 Milliarden.
Unterschiedliche Abnahmetrends
Diese Ergebnisse beruhen auf Annahmen über die Zunahme der Lebenserwartung und die Abnahme der Mortalität. Die Vorausberechnungen werden nach Altersjahren oder -gruppen sowie zusätzlich nach Geschlecht untergliedert. Deshalb lassen sich die bei den Altersgruppen meist unterschiedlichen Abnahmetrends der Mortalität berücksichtigen. Würde sich beispielsweise die Säuglings- und Kindersterblichkeit nicht, wie in den meisten Weltbevölkerungsvorausberechnungen unterstellt, bis zur Jahrhundertmitte halbieren, sondern plötzlich um fünfzig Prozent zunehmen, so käme das Wachstum der Weltbevölkerung trotzdem nicht zum Stillstand, sondern die oben angegebenen Zahlen für das Maximum wären um etwa 300 Millionen niedriger.
Das Fazit derartiger Analysen ist: Die Änderung der Geburtenrate um einen bestimmten Prozentsatz wirkt sich um ein vielfaches stärker auf das Bevölkerungswachstum aus als eine gleich große Änderung der Lebenserwartung. Aus diesem Grund geht das Bevölkerungswachstum durch Aids nur in den am stärksten betroffenen Ländern Afrikas - Botswana und Südafrika - in den nächsten Jahren in die Bevölkerungsschrumpfung über. Für Afrika insgesamt sind die Prognosen bis 2050 mit Aids um fünfzehn Prozent niedriger als ohne.
Zukunftsmusik
Der jährliche Anstieg der Weltbevölkerung nahm seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis zur Mitte der achtziger Jahre von 47 Millionen auf ein Maximum von 87 Millionen zu, seitdem fiel er auf 77 Millionen im Zeitraum von 2000 bis 2005. Davon entfällt der größte Teil auf Indien (16 Millionen) und der zweitgrößte auf China (9,4 Millionen). Der Bevölkerungszuwachs eines einzigen Jahres in Indien ist so groß wie die Bevölkerungsabnahme in Deutschland durch sämtliche Geburtendefizite bis 2040. Die Vorstellung, daß die Bevölkerungsschrumpfung in Deutschland und anderen entwickelten Ländern positiv zu bewerten sei, weil sie das Wachstum in den armen Ländern kompensiert, ist naiv.
Spiegelbildlich zum Fall des Bevölkerungswachstums verläuft die Bevölkerungsschrumpfung in entwickelten Ländern wie Deutschland. Die im Geburtenrückgang der vergangenen drei Jahrzehnte nicht geborenen Kinder fehlen jetzt als potentielle Eltern, deshalb muß die jährliche Geburtenzahl in den nächsten Jahrzehnten immer weiter abnehmen, selbst wenn die Kinderzahl pro Frau in Zukunft moderat zunähme, erst recht, wenn sie konstant bliebe oder sich verringerte. Ähnlich ist es in anderen Ländern: Vorausberechnungen für die fünfzehn Mitgliedsländer der früheren EU ergeben unter der Annahme einer konstanten beziehungsweise leicht zunehmenden Geburtenzahl pro Frau von 1998 bis 2050 eine Bevölkerungsabnahme von 375 auf 296 Millionen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers - von Marokko über Algerien, Tunesien bis zur Türkei - selbst unter der Annahme abnehmender Geburtenzahlen pro Frau von 236 auf 394 Millionen, darunter allein in der Türkei von 67 auf 98 Millionen.
Text: F.A.Z., 23.02.2005, Nr. 45 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z.
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