Computerspielentwicklerin Jane Jensen

„Europa ist so schön reich an dunkler Geschichte“

Das Computerspiel “Gray Matter“ spielt in Oxford und behandelt die Funktionsweisen des Gehirns

Das Computerspiel "Gray Matter" spielt in Oxford und behandelt die Funktionsweisen des Gehirns

01. Dezember 2007 Jane Jensens Computerspiele sind Klassiker: Berühmt wurde sie mit den atmosphärisch dichten Mystery-Adventures der preisgekrönten „Gabriel Knight“-Serie. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über Münchner Werwölfe, Neurobiologie und ihre neuen Pläne.

Jane Jensen, darf der Interviewer Ihnen eine Geschichte erzählen, die mit Ihnen zu tun hat?

Gerne.

Jane Jensen entwickelt nicht nur Computerspiele, sondern schreibt auch Bücher

Jane Jensen entwickelt nicht nur Computerspiele, sondern schreibt auch Bücher

Einmal im Leben bin ich nach München gezogen, in eine Stadt, die ich nur aus einem Adventure von Ihnen kannte: „Gabriel Knight 2: The Beast Within“. Als Gabriel Knight war ich Dutzende Male am Marienplatz aus der U-Bahn ausgestiegen, jetzt stieg ich wirklich dort aus. Alles kam mir so bekannt vor. Mit einem merkwürdigen Gefühl ging ich die Dienerstraße hinunter - ein paar Häuser weiter musste dieser mysteriöse Jagdclub sein, in dem man auf getarnte Werwölfe stoßen konnte. Ich fand das Haus. Trat ein. Und fand mich in einem Porzellangeschäft wieder. Stellen Sie sich meine Enttäuschung vor!

Sehr cool. Ich liebe diese Geschichten.

Bekommen Sie solche oft erzählt? Irgendwo im Internet habe ich Leute gefunden, die behaupten, es gebe so etwas wie Adventure-Tourismus: Leute, die die Orte besuchen, die sie aus Games kennen. Muss man das glauben?

Ich kriege solche Briefe. Mein Lieblingsfoto von einem Fan habe ich aus Neuschwanstein bekommen, wo ja „The Beast Within“ auch spielt. Sie steht vor dem Schloss, zieht sich das Hemd hoch und zeigt ihr Gabriel-Knight-Tattoo.

Haben Sie jemals Orte besucht, weil sie die aus Spielen oder aus Literatur kannten?

Allerdings. Tatsächlich wird mein Interesse meist durchs Lesen geweckt. Zum Beispiel habe ich Rennes-le-Château besucht, um für „Gabriel Knight 3“ zu recherchieren, und dafür habe ich mich zu interessieren begonnen wegen „Der heilige Gral und seine Erben“ von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh. Das ist das Buch, auf das auch Dan Browns „Sakrileg“ zurückgeht.

“Gray Matter“ ist das erste Adventure von Jane Jensen seit 1999

"Gray Matter" ist das erste Adventure von Jane Jensen seit 1999

Was bedeutet Ihnen als Mystery-Autorin Europa? In „Gabriel Knight 2“ haben Sie auf unnachahmliche Weise Wagner, Ludwig II. und Werwölfe zu einer Geschichte aufbereitet und sogar Teile einer verschwundenen Wagner-Oper geschrieben. Für einen Deutschen fühlt sich das an, als ob wir für Sie in Amerika eine Art Transsylvanien wären.

Haha. Ich schätze, wir sind alle Transsylvanien füreinander? Es ist vermutlich interessant, die eigene Heimat durch die Augen eines Fremden zu betrachten. Ich liebe Europa. Es ist so reich an Geschichte, speziell dunkler Geschichte.

Gruselig: Was geht nur hinter diesen Mauern vor?

Gruselig: Was geht nur hinter diesen Mauern vor?

Gäbe es ein „Gabriel Knight 4“ und würde es in den Vereinigten Staaten spielen - welches Setting würden Sie wählen, welchen historischen Hintergrund?

Ich weiß nicht. Ich habe verschiedene Ideen für „Gabriel Knight 4“, aber keine davon in den Vereinigten Staaten. Allerdings habe ich ein anderes Buchkonzept im Kopf, das in South Dakota spielt, im Reservat der Lakota Sioux. Ein toller Ort. Die Black Hills sind sehr magisch, sie sind der Sitz der Lakota-Geister.

Wird es jemals ein „Gabriel Knight 4“ geben - und warum nicht?

„Vivendi Games“ hat die Rechte, also liegt es an ihnen, die Produktion eines neuen Spiels zu genehmigen. Ich denke, es ist schon möglich, dass Gabriel Knight eines Tages wiederbelebt wird.

Sie haben zwei Ihrer hoch gelobten Adventure-Stories noch einmal veröffentlicht - als Bücher. Warum?

Aus „Gabriel Knight 1: Sins of the Fathers“ und „Gabriel Knight 2: The Beast Within“ habe ich Bücher gemacht, weil ich mir wünschte, dass die Serie Menschen erreicht, die niemals im Leben etwas mit Computerspielen zu tun haben. Allerdings haben sich die Bücher dann nur an Computerspieler verkauft, der Erfolg hielt sich also in Grenzen.

Was macht mehr Spaß zu schreiben - ein Roman oder ein Spiel?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Prozesse, und ich mag jeden aus anderen Gründen. Bei einem Roman ist es schön, dass man alles selber ausbrütet und das Endresultat vollständig dem eigenen Kopf entstammt. Bei einem Spiel dagegen arbeitet man im Team, und es ist auch ein besonderes Vergnügen, die Entwicklung der Optik, der Musik und der Animationen mitzuverfolgen, die die Geschichte erst zum Leben erwecken. Also: Beides sind sehr positive Erfahrungen.

Wird es in zweihundert Jahren noch Romane geben?

Oh ja. Es gibt sie seit dem alten Griechenland. Die verschwinden nicht so bald.

Viele Adventurefreunde sagen, dass „Gabriel Knight 1“ eine bis heute unerreichte Erfahrung war - obwohl es eine wirklich altertümliche 2-D-Pixelgrafik hatte. Ich selber werde nie den Schock vergessen, als meine liebste Figur völlig unvorhergesehen gekidnappt wurde. Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich weiß nicht. Ich habe nur eine Geschichte erzählt. Jede gute Geschichte sollte ja Überraschungen und Wendungen haben, die der Leser nicht kommen sieht. Das Erstaunliche ist eigentlich, dass es bei einem Computerspiel genauso funktioniert wie bei einem Roman oder Film. Andererseits denke ich auch, der Leser kann sich mit den Charakteren besser in Beziehung setzen, wenn die Handlung interaktiv ist. Selbst wenn sie ganz pixelig aussehen!

Wo haben Sie gelernt, eine Geschichte aufzubauen?

Vermutlich als Kind. Ich habe tonnenweise gelesen. Da bekommt man ein Gefühl für Sachen. Wer mir aber auch viel geholfen hat, ist Robert McKee, der Storytelling-Seminare gibt und ein Standardwerk über das Drehbuchschreiben veröffentlicht hat. Das hat mir schon Werkzeuge an die Hand gegeben, die man gut gebrauchen kann, wenn alle Inspiration versagt - oder um die Endresultate der Inspiration zu verbessern.

Spielen Sie Ihre eigenen Spiele? Tun Sie nicht, oder?

Zirka eine Milliarde, Grilliarde Mal, bevor sie auf den Markt kommen.

Was inspiriert Sie am meisten - Bücher, Spiele, Filme? Duschen?

Bücher, muss ich wohl sagen. Die meisten meiner Story-Ideen habe ich aus Büchern. Kurz danach kommen Reisen. Beim Reisen bin ich auch auf Ludwig II. gestoßen.

Seit 1999 wartet man auf Ihr nächstes Adventure. Neuerdings heißt es, es komme 2008. Was hat Sie so lange aufgehalten, wenn man fragen darf?

Der Zustand der Spieleindustrie. Nordamerikanische Firmen haben seit 1999 keine Adventures mehr veröffentlicht.

Wovon handelt das neue Spiel, „Gray Matter“? Darf man davon ausgehen, dass es in Europa angesiedelt ist?

Ja. Es spielt in der Gegenwart, mit Oxford als Heimatbasis.

Welcher britische Grusel erwartet uns - Frankenstein, Gespenster oder schlechtes Essen?

Übernatürlich soll es schon auch zugehen, aber der Grundansatz wird ein wenig aktueller sein. Wir gehen von neurobiologischen Erkenntnissen über die Funktionsweise des Gehirns aus, etwa über die Erinnerung, über das Verknüpfen der Nervenzellen im Hirn von Babys, die Zusammenarbeit der beiden Hirnhälften, über Geisteskrankheiten, und so weiter.

Also ein Grundkurs in Neurologie?

Beinahe. Das Spiel überträgt diese Konzepte allerdings in ein mehr theoretisches und metaphysisches Reich. Dr. David Styles, eine meiner Hauptfiguren, hat eine Theorie, wonach das Hirn die physische Realität verändern kann. Diese Theorie basiert auf Entwicklungen in der Neurobiologie aus den letzten Jahren. Wer wir physisch sind und wie wir die materielle Welt sehen, hängt offenbar viel stärker vom Geist und der eigenen Wahrnehmung ab, als man bislang dachte. „Gray Matter“ wird von solchen Fragen handeln: Was ist Realität? Wie wird sie von unserer Wahrnehmung und unseren Wünschen beeinflusst? Sind wir im Wortsinne das, was wir denken?

Computer, Sound- und Grafikkarten werden immer schneller und leistungsfähiger. Die Spiele sehen immer fotorealistischer aus, die Industrie wächst und wächst. Ist all das ein Vorteil für eine Geschichtenerzählerin?

Ja und nein. Natürlich, neues Werkzeug zu haben macht immer Spaß. Aber Adventures können es sich gar nicht leisten, zu teuer in der Produktion zu werden. Weil sie nicht das enorme Verkaufsvolumen von Actiongames haben. Es ist also besser, die Budgets in einem vernünftigen Rahmen zu halten.

Welche technische Neuerung war die letzte, die Sie für eine wirkliche Verbesserung für eine Adventure-Autorin gehalten haben?

Voice-over!

Also die Verwendung von gesprochenen Stimmen. Das muss so Anfang der Neunziger gewesen sein. Werden jemals Romane, die keine Thriller sind, zu Spielen oder anderer virtueller Realität umgesetzt werden?

Eines Tages schon. Liebesroman-Spiele würden sicher Spaß machen. Allerdings müsste der Markt für geschichtenbasierte Spiele zunächst deutlich gesünder werden, will mir scheinen.

Als Mystery-Autorin haben Sie grundsätzlich einen beschränkten Figurenpark: Werwölfe, Vampire, Voodoo-Priester und so weiter. Wäre es nicht verlockend, einmal eine ganz neue Klassikerfigur zu schaffen, so wie es Bram Stoker und Mary Shelley getan haben?

Ich versuche schon, auch für jeden klassischen Figurentyp einen neuen Dreh zu finden. Aber Ihre Idee gefällt mir. Ich würde nicht sagen, dass es ein Traum oder Ziel von mir wäre - aber wenn die Inspiration zuschlägt, werde ich ihr ganz sicher zuhören.

Waren Sie jemals in München?

Ja, ich habe dort neun Monate gelebt. Das war noch bevor ich mit dem Gamedesign angefangen habe. Ich fand München toll und war sehr interessiert an bayerischer Geschichte, so dass später ziemlich selbstverständlich ein Spiel daraus wurde. Tatsächlich wäre München beinahe schon das Setting für den ersten „Gabriel Knight“ geworden, musste dann aber doch weichen - für New Orleans und Voodoo.

Das Gespräch führte Klaus Ungerer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DTP Entertainment

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

NEU: Jetzt keine Folge „RICHTERSPRUCH“ mehr verpassen! Testen Sie den kostenlosen Benachrichtigungsservice von FAZ.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche