Bayreuther Festspiele

Man ist doch kein Idiot!

Von Eberhard Rathgeb

Man kann nicht mehr über Bayreuth reden, ohne über Leute wie Roberto Blanco zu reden

Man kann nicht mehr über Bayreuth reden, ohne über Leute wie Roberto Blanco zu reden

23. Juli 2007 Man kann über Bayreuth reden, ohne über Richard Wagner zu reden. Man kann aber nicht mehr über Bayreuth reden, ohne über Leute wie Roberto Blanco zu reden. Der Schlagersänger steht hier für viele, die es in dieser Woche entweder wieder oder zum ersten Mal auf den Festspielhügel schaffen werden. Wenn überhaupt, muss man über Bayreuth heute aus einem einzigen Grund reden: Weil es einem nicht egal sein kann, wieso die Roberto Blancos dort oben in den Kunstgefilden stehen und aufgeräumt lachen - und wir nicht.

Es geht nicht um Geld, es geht darum, dass wir, insbesondere in dieser Woche, diejenigen sind, die dorthin nicht gehen und dorthin nicht gehen wollen.

Wir lasen Freud und Faulkner

Ich habe Roberto Blanco 1969 kennengelernt, in dem Jahr, als die Apollo 11 auf dem Mond gelandet ist. Vieles war damals möglich, dort oben und auf Erden. Er sang im Fernsehen „Heute so, morgen so“. Das kam als Lebenswetterbericht bei der deutschen Bevölkerung gut an. Man kann das Unterhaltungsindustrieproduktion nennen.

Woanders als im Fernsehen lernt man Leute wie Roberto Blanco normalerweise nicht kennen. Sie bleiben einem in ihrer Art lukrativer singender Daseinsfürsorge fremd. Mit dem „Heute so, morgen so“-Schlager gewann er damals die Deutschen Schlager-Festspiele. Festspiele!

Er verschwand schnell vom Horizont, wie so vieles, was man wahrgenommen hat, ist runtergekippt wie ein Glas Wasser vom Tisch. Er war kein prägendes Erlebnis. Man hörte weg, man mied entsprechend dumpfe Fernsehsendungen wie die Pest. Manche blieben bei Roberto Blanco und Konsorten, wie die Fliegen am Klebeband mehr oder weniger rhythmisch zappelnd, hängen. In einem weitgefassten Sinne gehört er zu den Bildungserlebnissen einer bundesrepublikanischen Apollo-11-Sozialisation, die ganz woandershin unterwegs war.

Er hat mich überholt. Anders gesagt: Ich habe ihn nicht abgehängt. Er steht auf dem Festspielhügel.
Mit Bildungserlebnissen des Blanco-Kalibers, die im Grunde genommen unverhoffte Bildungskonfrontationen gewesen sind, hat man eines Tages nichts mehr zu schaffen haben wollen: Sie führten zu nichts, nur in die Vorhölle des Schunkelns. Man ist doch kein Idiot! Wir lasen Freud und Faulkner.

Überall Prominente

Auch im vergangenen Jahr ist Roberto Blanco auf dem Hügel gewesen. Er soll, heißt es, ein Freund der Oper sein. Was heißt schon ein Freund der Oper? Auch wir sind Freunde der Oper. Mozart, Verdi. Umgekehrt ist es doch wahr: Nicht jeder Freund der Oper geht auf den Hügel. Die Bayreuther Festspiele, die in dieser Woche mit der Premiere der „Meistersinger“ in der Inszenierung von Katharina Wagner beginnen, gelten als ein gesellschaftliches Großereignis. Zu den Großereignisträgern zählen wir vor allem die Leute, die man im Fernsehen sieht.

Ich bin noch kein Mal bei diesen Festspielen gewesen. Nicht nur deshalb nicht, weil es sehr schwierig sein soll, eine Eintrittskarte zu bekommen. Ich bemühe mich nicht einmal um eine Eintrittskarte. Das wäre immerhin ein Anfang. Es existieren Festspielkartenwartelisten, auf die man sich setzen lassen kann. Hat man sich darauf setzen lassen, faltet man die Hände, wartet zehn Jahre, summt „Ring“-Melodien rauf und runter, isst danach ein Käsebrot. Und eines hellen Tages windet sich ein Sonnenstrahl schlangenzeichengleich in den Briefkastenschlitz: Im Briefkasten liegt die Eintrittskarte.

Und? - Eben: Sofort wäre in diesem Falle eine Bildungslücke geschlossen, eine deutsche Bildungslücke. Man trägt doch sein Leben lang kein rohes Ei auf den Schultern. Man lernt, liest, hört, brütet was aus. Man hat den „Faust“ gelesen, oder nicht? Man hat einen echten Dürer gesehen, oder nicht? Vor dem Hügel herrscht bei uns Windstille: Wir fragen uns nicht einmal, ob man nach Bayreuth gehen muss. Müssen das denn die Roberto Blancos?

Schaut man sich die Fotos von den Festspielen in Bayreuth an, sieht man überall Prominente, Leute, von denen man, wenn man auf dem Bett liegt und vor sich hin sinnt, nicht unbedingt gedacht hätte, dass sie sich auf dem Hügel für fünf Stunden, und fünf Stunden können lang werden, in elegant unbequemen Kleidern in einem meistens viel zu engen Sessel, viel zu eng verglichen mit den Sitzerlebnissen daheim, einrichten, um im Kunstgenuss auszuharren. Die ziehen das aber durch. Die zeigen, was man in Sachen Bildung noch machen kann, was drin ist, wenn man will. Die bekennen, dass sie Bayreuth, die erste und letzte deutsche Kunsttotale, tatsächlich wollen, was immer sie sonst wollen.

In die Totale gelegt

Sagen wir so: Auf dem Hügel verdichtet sich in jenen Tagen ein „Kunstwollen“ (nach Alois Riegl, dem österreichischen Kunsthistoriker, 1858 bis 1905!) wie eine Heerschar von Kumuluswolken. Das Totale ist uns selbst nicht völlig fremd oder zuwider. Wir gehen, wenn es sein muss, in Peter Steins totalen „Wallenstein“, das sind zehn Stunden mit Suppe, auf einem alten Brauereigelände in Berlin-Neukölln. Doch um Bayreuth machen wir einen Riesenbogen, und dieser Bogen ist ein Bildungsbogen.

Angenommen, man würde einem dieser Festspielgäste, um jetzt einen wirklich genialen Roman zu nehmen, dessen Lektüre sich immer lohnt - man würde einem dieser Festspielgäste „Die Dämonen“ von Heimito Doderer (österreichischer Schriftsteller, 1896 bis 1966!), und die sind immerhin fast eineinhalbtausend Seiten lang, in die Hand drücken: Er würde sich bedanken, die „Dämonen“ aber nicht ganz lesen - er würde sich nicht einmal für fünf Stunden am Stück damit beschäftigen wollen. Das festspielfeste Kunstwollen steigt vor diesem Romanbrocken wie eine Schar Krähen auf und flattert krächzend hinweg durchs Blau, während wir im Feld sitzen, durchatmen und weiterblättern.

Diese Festspielbesucher, die wir auf unseren einsamen langen Bildungswegen lange hinter uns gelassen zu haben meinten, sie sitzen drinnen im deutschen Kunsttempel in Bayreuth und sind Augen- und Ohrenzeuge von Richard Wagners soundmächtigem Gesamtkunstwerk. Roberto Blanco hat gut lachen.

Müsste ich zehn Jahre auf eine Werkausgabe, sagen wir von Heinrich von Kleist, warten, ich würde mich auf eine Werkausgabenwarteliste setzen lassen, die Hände falten, CDs hören, Käsebrote essen - und schon wenige Tage vorher würde ich mit rasender Ungeduld die Windungen der Sonnenstrahlen zu beobachten beginnen und im Briefkasten nach dem Einschreiben für die Paketsendung schauen. Bayreuth - kann auf uns warten, bis es schwarz wird.

Kunstweihevolltrunkenes Ambiente

Nicht, dass uns Richard Wagner kein handtellergroßer Begriff wäre. Allein, wer Thomas Mann gelesen hat, ist an Wagner nicht vorbeigekommen, schon wegen der sagenumwobenen Leitmotivtechnik des Schriftstellers, die er sich von der sagenumwobenen Leitmotivtechnik des Komponisten abgeschaut haben soll.

Wer über die leichte Schiene Thomas Mann zu Richard Wagner gerutscht ist, der hat auch Nietzsche und den Fall Wagner nicht links liegenlassen können. Schließlich ist man vor Adornos „Versuch über Wagner“ und der „Emanzipation der Dissonanz von ihrer Auflösung“ (eben jener) in einer Art Selbstversuch des Verstehens gesessen. Der Essay erschien 1952, als um Wagners Musik noch braune Schatten wehten, lange Jahre vor dem ersten Auftritt Roberto Blancos in Deutschland.

Alle Wege einer auf diesen Etappen hingelegten intellektuellen Sozialisation hätten uns nach Bayreuth führen können. Wir haben aber mit den von uns eingeschlagenen Wegen immer einen Umweg um Bayreuth gemacht. Weil wir die Prominentenmasse fürchten? Weil wir es über Stunden in diesem kunstweihevolltrunkenen Ambiente nicht aushalten? Weil uns das hochgestapelte großereignishafte Kunstwollen die Luft wegnehmen würde? Was aber ist dann von der persönlichen intellektuellen Souveränität zu halten und was von der individuellen Sublimationskraft, die einem der kunststrenge Adorno wie einen Butterkeks in den vor Erkenntnisdruck offenen Mund gelegt hat? Alles Krümel? Ist uns schnuppe.

Nicht dagegen, nicht dafür

Die Bayreuther Festspiele sind für uns, die wir gerade und krumme Bildungswege hinter uns haben, keine Bildungslücke. Wir gehen nicht hin, wir wollen nicht zu einer Kunstwollenwolle werden. Ja, kann man das überhaupt wollen? „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“, meint Schopenhauer, vor dem Wagner auf dem Boden lag. Bayreuth ist uns schnuppe. Wir lesen lieber den neuen Thomas Pynchon. Wir stehen bei der Documenta Schlange. Wenn alle so wären wie wir, die wir vor dem Hügel abdrehen, könnten die dort oben die Tore schließen, Wagners Palastkunst begraben. Und Wien und Salzburg? Es ist nicht so, dass wir Festspiele grundsätzlich meiden.

Vor einigen Jahren, als die medientheoretisch gefütterten Geisteswissenschaften sich auf die alten dürren Beine stellten und juvenil reckten, war es regelrecht schick, den „Ring“ zu kennen. Geholfen hat uns das alles nicht. Die Bayreuther Bildungslücke haben wir in unseren Bildungslauf fest eingeplant. Hier steht kein „Heute so, morgen so“ ins Haus. Vielleicht wird man sich einmal ärgern, dass man nicht in Bayreuth gewesen ist, dass man es nicht wenigstens einmal versucht hat, nach Bayreuth zu kommen. So wie man sich ärgern wird, wenn man Dostojewskijs „Böse Geister“ nicht gelesen hat. Vielleicht.

Heute und morgen aber ist es so: Wir sind nicht dagegen, wir sind nicht dafür. Wir sind sogar indifferent gegenüber unserer Indifferenz. Wenn das nun aber nicht das Nirwana ist! Konsequent geistesgeschichtlich mit Schopenhauer, der dem ständig drängenden Willen in der Kunst eine Erholungspause einräumte, bedeutet das: Unser Schnuppe-Bayreuth ist das wahre Kunst-Bayreuth.

Roberto Blanco wird es bis dorthin niemals schaffen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: dpa

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