Rudolph Moshammer

Mobbing eines Mordopfers

Von Nils Minkmar

Nach seinem Tod wurde Moshammer von den Medien “entlarvt“

Nach seinem Tod wurde Moshammer von den Medien "entlarvt"

24. Januar 2005 Nach den Geschehnissen in Grünwald am Donnerstag vergangener Woche brach in den deutschen Medien ein Sturm des investigativen Fleißes aus. Nicht die DNS, die deutschen Medien haben den Fall Moshammer gelöst: Es war Tötung auf Verlangen, eine bloß logische, wenn nicht gar verdiente Folge von Moshammers Lebenswandel.

In der Berichterstattung wurde das Opfer zum Täter. Franz Josef Wagner schrieb in einem über alle Maßen homophoben Kommentar in der „Bild“-Zeitung, man müsse um Taucher, die vom Hai gefressen werden, nicht trauern, das sei eben der Kick, den sie gesucht hätten. „Bunte“-Hauspsychologin Eva Kohlrusch wußte, daß Moshammer am fraglichen Abend nicht bloß Sex, sondern vielmehr eine „ungeordnete, brachiale Lebendigkeit“ suchte, die „den Kern der Selbstvernichtung in sich trägt“.

Immer wieder sah man dazu Bilder von Walter Sedlmayr und Gianni Versace, und so entstand die mächtige und falsche Assoziationskette: Schwul - Milieu - Stricher - Killer.

Höhnischer Unterton

Alle Berichte durchzieht ein seltsam höhnischer Unterton, als könne man nicht differenzieren zwischen der ridikülen Kunstfigur Mosi und dem unschuldigen Opfer eines Gewaltverbrechens, der in seiner eigenen Wohnung von einem Mann, dem er offenbar vertraute, hinterrücks erdrosselt wurde. Daß Moshammer den jungen Mann möglicherweise nicht zu sich eingeladen hat, um sich umbringen zu lassen, wird gar nicht in Betracht gezogen, statt dessen wird das Leben des Opfers zur Vorgeschichte des Mordes uminterpretiert.

Arno Markowsky bringt in der „Zeit“ ein Moshammer-Zitat: „Wer für Sex bezahlen muß, der ist am Ende“ und kommentiert: „Ein schönes Zitat, vor allem, wenn man weiß, daß der Boutiquenbesitzer aus der Maximilianstraße seit Jahren dreimal die Woche unterwegs war, um Stricher aufzugabeln, vorzugsweise im Milieu der Obdachlosen und Asylbewerber.“ Moshammer war also am Ende, suchte den Kick und die Selbstzerstörung. Nur schade, daß der Angeklagte schon gestanden hat, hätte er geschwiegen, hätten seine Strafverteidiger bloß eine Pressemappe gebraucht, um den Raubmord als Euthanasie darzustellen.

Im „Milieu“

Man konnte das Entstehen einer spezifischen Mosi-post-mortem-Prosa studieren: Wo immer Moshammer sich bewegt hat, immer wurde es als „Milieu“ oder eine „Szene“ beschrieben. Es war von Doppelleben die Rede, wo bloß Moshammers Privatleben gemeint war. Ein Doppelleben wäre es gewesen, wenn er insgeheim irgendwo Frau und Kinder unterhalten hätte. Ein Outing von Rudolph Moshammer wäre so überraschend gekommen wie eines von Siegfried und Roy oder das Bekenntnis von Boris Becker, mehr auf Frauen zu stehen als auf Schafe.

Moshammer hat allerdings der deutschen Öffentlichkeit nicht erklärt, was er nachts und in seinem Schlafzimmer so macht, warum sollte er auch? Die Trennung zwischen privat und öffentlich ist seit Jahrhunderten eine der Säulen der bürgerlichen Gesellschaft, und Journalisten, die unaufgefordert nach Sex oder Nichtsex, nach Prostitution und Pornographie fragen, werden mitunter angelogen. Berufsrisiko.

„Fast schon krank“

Allerdings kann man Moshammer nicht zugleich panische Angst davor bescheinigen, als schwul erkannt zu werden und die Angewohnheit, seit Jahren jeden dritten Abend im Rolls-Royce um den Münchener Hauptbahnhof gekreist zu sein und „Hunderte von jungen Männern“ angesprochen zu haben. München ist eine sehr, sehr große Stadt, aber ein baggernder Mosi fällt selbst hier auf. „Fast schon krank“, fand der Chefreporter der „Bunten“ diese Gewohnheit, es muß eine ansteckende Krankheit sein.

Der Berliner Discobetreiber Rolf Eden macht genau das seit Jahren und wurde Kolumnist bei der „Zeit“ - der einzige Unterschied: Rolf Eden spricht junge Frauen an, Moshammer bremste für Männer. Und das geriet ihm natürlich zum Verhängnis, denn, wie die „SZ“ auch wußte: Morde unter Schwulen gelten als „besonders grausam“, Heteromörder streicheln ihre Opfer bekanntlich zu Tode.

Grausam und bizarr

Aber das angeblich „Doppelte, Schattenhafte, Bizarre“ seiner Homosexualität und der passende Anlaß seiner Ermordung inspirierten die Berichterstatter dazu, gleich den ganzen Menschen, seinen Charakter, seinen Geschmack und seine Geschäfte zu „entlarven“, wie es im „Stern“ so schön hieß. „Stern-TV“ recherchierte und fand eine ehemalige Moshammer-Freundin, die aber seit mehreren Jahren mit ihm zerstritten war und - nun aber! - Gelegenheit bekam, die deutsche Öffentlichkeit aufzuklären über den wahren Charakter dieses sauberen Herrn.

Der war, erläuterte sie, nämlich keineswegs immer ein Menschenfreund. Vor Jahren habe er vielmehr einen Wutanfall gehabt und sei auch jähzornig gewesen. Er habe sie nach einem Unfall nicht gut behandelt. Eine Hypothek laste auf seiner Gaststätte „Hundskugl“, und die Rolls-Royces waren nur geleast. Was hatte das mit dem Mord zu tun ? Sollte mit diesem Stück den trauernden Münchnern das Abschiednehmen erleichtert werden?

Total lustig

Der „Stern“ nahm den Verblichenen noch mal schön groß aufs Titelbild und brachte, dem Anlaß angemessen, einen total lustigen Artikel! Kostprobe aus dem humoristischen Feuerwerk: Wie nannte man im Volksmund die Materialien, mit denen Moshammer seine teuren Mäntel fertigte? „Handgezupftes Lamaschamhaar“. Oder die Beschreibung seiner Frisur: Seine Haare seien „wie aus den Labors von Plaste und Elaste“ gewesen, „mit den zwei offenbar mit Sekundenkleber fixierten Haarsträhnen an der Stirn“. Schließlich: Wie nannte man eine seiner Kundinnen, Elisabeth Noelle Neumann, noch?: „Die Sphinx vom Bodensee“. Wenn das nicht witzig ist.

Aber all der Frohsinn darf nicht vergessen machen, daß Mosi vor allem eins war, nämlich bizarr und pervers. Die „Bunte“ entlarvte seine „Genuß-Sucht“: Rudolph Moshammer mußte offenbar mehrmals am Tag Lebensmittel zu sich nehmen und legte Wert drauf, daß die ihm auch schmeckten! Bei der Befriedigung seiner Sucht verwickelte er sich allerdings in Widersprüche, die das Blatt schonungslos aufzeigt: „Seine Küche war hochtechnisiert und mit wertvollen Silberutensilien aus England und Augsburg ausgestattet. Allerdings war Mosi in der Grünwalder Gastronomieszene bekannt wie ein bunter Hund.“

Einsam und zerrissen

Allerdings war Mosi in ganz Deutschland bekannt wie ein bunter Hund. Man macht sich als Normalbürger keine Vorstellung von dem, was er unternahm, diese „Genußsucht“ zu befriedigen. In manchen einschlägigen Lokalitäten dieser Szene nahm er etwa „Penne Arrabiata, Fisch und Schokoladeneis zu sich.“ Penne also - wir übersetzen in Mosi-post-mortem-Prosa: „eine südländisch-exotische Spezialität aus dem Gries des Hartweizens, die für Mosi von jenseits der Alpen, wo die Zitronen blühen und die Knaben besonders hold sein sollen, beschafft und stets frisch in siedendem Wasser zubereitet werden mußten.

Dabei gab er in Interviews vor, gern angebratene Leberknödel zu essen - ein zerrissener armer Mensch voller Widersprüche, der sich zu seiner Genußsucht nie richtig zu bekennen wagte.“ Auch sein Geschmack war derart exzessiv, daß nur die Presse uns aufklären und beistehen kann: Bei der Einrichtung seines Hauses sei er „ungewöhnlich detailverliebt und feminin“ gewesen. Er mochte - eine Kombination, die zumal in Bayern als einmalig gelten muß - König Ludwig II. und die Musik eines gewissen Mozart. Und seine Badewanne war extrabreit angelegt - groß genug für „drei Körper“, wie Norbert Körzdorfer schaudernd in der „Bild“ schrieb.

Eine Woche dauert das Medienmobbing des toten Rudolph Moshammer schon. Warum eigentlich? Auf jeder Veranstaltung, an der Rudolph Moshammer teilnahm, war er der Mittelpunkt des Medieninteresses. Er hat darüber nicht gejammert, er fand das gut und die Veranstalter meistens auch. Er sorgte fleißig für Bilder, Interviews und Stories und ging am Abend seiner Wege. Er war einzigartig und dann, nach Sendeschluß, wie Tausende Männer auch. Kein Einzelfall. Das verzeihen ihm die Medien nicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.01.2005, Nr. 3 / Seite 29
Bildmaterial: REUTERS

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