19. November 2008 Dass sie vom Virus westlicher Politkorrektheit nicht infiziert sind, erfüllt viele Russen mit trotzigem Stolz. Amerikas gewählten Präsidenten Obama apostrophieren auch Angehörige der Elite freimütig als Neger“, dessen Sieg auch den Sieg der konzilianten Worte bedeute. Freche Internet-Poeten ließen sich von Obamas Vornamen zum Kalauer von der schwarzen Baracke im Weißen Haus“ inspirieren. Die Mehrheit der Russen hätte gleichwohl Obama gewählt, von dem sie sich nun eine Verbesserung der russisch-amerikanischen Beziehungen erhoffen.
Russlands prominentester Strafgefangener, Ex-Oligarch Michail Chodorkowski begrüßte in seinem jüngsten Sendschreiben aus sibirischer Lagerhaft Obama gar als amerikanischen Gorbatschow, der angesichts der Systemkrise eine globale Perestroika in Angriff nehmen werde. Die Parallele Obama-Gorbatschow sehen auch zwei so gegensätzliche Figuren wie der Chauvinist Wladimir Schirinowski und der Leiter des Instituts für Globalisierung, Michail Deljagin, die dem designierten Chef der Supermacht nun einhellig prophezeien, er werde sein Land ruinieren. Wie Gorbatschow glaube Obama aufrichtig, durch verminderte internationale Präsenz könne er seine inneren Probleme lösen, meint Deljagin, der damit rechnet, dass der Demokrat sein Land vor allem destabilisieren dürfte. Aus allerbesten Absichten.
Die russische Gesellschaft wird von Gewalt beziehungsweise der Furcht vor Gewalt zusammengehalten. Parallel mit den nichtrussischen Minderheiten und der Einkommensspreizung wachsen die ethnischen Ressentiments. In den Großstädten, wo die meisten Wanderarbeiter aus dem Kaukasus und aus Zentralasien sich verdingen – Moskau, Petersburg, Jekaterinburg, Nischni Nowogorod –, nehmen Hassverbrechen vor allem russischer Jugendlicher auf Migranten stetig zu. Im laufenden Jahr wurden bei rassistischen Übergriffen schon hundertacht Ausländer getötet, ein Drittel mehr als im vergangenen.
In diesem Herbst wurden in Moskau Mitglieder zweier Jugendbanden, die bei Gruppenüberfällen jeweils zwanzig Personen von nichtrussischem Äußeren umgebracht hatten, zu Haftstrafen zwischen drei und zehn Jahren verurteilt. Die jugendlichen Totschläger waren Fachhochschüler im Alter zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, darunter der angehende Ikonenmaler Artur Ryno und die Poetin des Endkampfes gegen die Migranten“, Swetlana Awwakumowa. Halbwüchsige Migrantenfeinde finden einander im Internet und verabreden per E-Mail Jagdausflüge“, bei denen sie über die erstbesten südländisch aussehenden Passanten herfallen.
Der aggressive Nationalismus gibt sich zunehmend zivil. Die Bandenmitglieder waren keine Skinheads, sondern äußerlich unauffällig. Auch die Aktivisten der faschistischen Organisation Bewegung gegen illegale Immigration“, der Bewegung Volk“ (Narod) und der Splitterpartei Großes Russland“ (Welikaja Rossija) treten neuerdings in Schlips und Kragen auf und verzichten auf Fliegerstiefel und römischen Gruß. Die Machthaber versuchen, die Energien zu kanalisieren.
Zum Nationalfeiertag am 4. November, an dem die Vertreibung der Polen vor 400 Jahren begangen wird, durften die vereinigten Nationalisten – von den Gegnern Illegaler Immigration“ über die Volksunion“ und die Gesellschaft Pamjat“ bis zu den Orthodoxen Bannerträgern“ – für ein Russland für Russen demonstrieren. Nur in die Nähe des Roten Platzes ließ man sie nicht. Dort agitierte die Kremljugendorganisation der Jungen Garde“ dafür, die Migranten, die infolge der Krise arbeitslos und kriminell zu werden drohen, zu deportieren und an ihrer Stelle Russen zu beschäftigen.
Zu Opfern russischer Rassisten werden zumeist Zentralasiaten, die nicht straff in Klanen organisiert sind wie die Kaukasier. Auch am 4. November kam es in Moskau zu Übergriffen, bei denen ein Usbeke starb, weshalb der Satiriker Viktor Schenderowitsch den Tag der Volkseinheit“ zum Skinhead-Tag“ umtaufte. Viele Gastarbeiter, die als zuverlässige Hofreiniger geschätzt werden, haben seither aus Angst gekündigt. Das Klima wird härter. Schlägertrupps, denen sich immer öfter Mädchen anschließen, überfallen neuerdings auch russische Jugendliche, beispielsweise Mitglieder antifaschistischer Organisationen. Gegen die Jungnationalisten formieren sich unterdessen schon kaukasische Jugendbanden. In Fernsehtalkshows debattieren Publizisten und ausgewählte Zuschauer über die Bedrohung russischer Kultur und russischer Arbeitsplätze – doch Nichtrussen sitzen nicht im Studio.
Ihre Skepsis gegenüber Offenheit und Ausgleich exportieren russische Emigranten auch nach Westen. Russen mit amerikanischem Pass unterstützten mit großer Mehrheit McCain. In Moskau erklärte unterdessen der Schriftsteller Alexej Tschadajew, der als Mitglied der Zivilen Kammer die russische Bürgergesellschaft repräsentieren soll, Obama habe nur gewonnen, weil die schwarzen Wähler, die grundsätzlich nicht nachdächten, allein seiner Hautfarbe wegen für ihn stimmten.
Text: F.A.Z.
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