04. März 2004 Nach dem sensationellen Siegeszug von "Good bye, Lenin!" in den Kinos kommt nun eine sogenannte "Exquisit-Edition" mit drei DVDs auf den Markt. Neben mehreren Dokumentationen über die historischen Hintergründe finden sich darin ein spannender Einblick in die Schwierigkeiten, die Titelszene am Computer zu erstellen, und ein sehr anschauliches dreiviertelstündiges Gespräch zwischen Wolfgang Becker und Tom Tykwer über die entfallenen Szenen. Das Ende einer unglaublichen Erfolgsgeschichte - ein guter Moment für ein Resümee.
Gestern nacht wurden die Oscars verliehen, für die "Good bye, Lenin!" leider nicht nominiert war - wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Ich habe in der Frühe nur den Schluß gesehen, unter den Siegern Denys Arcand entdeckt und gedacht, dann ist es ja auch nicht schlimm, daß wir nicht nominiert wurden, weil wir gegen seine "Invasion der Barbaren" eh keine Chance gehabt hätten.
Wie war das denn, als Sie erfahren haben, daß Sie nicht nominiert sind?
Wir waren in Amerika, um den dortigen Filmstart vorzubereiten, und da verspürten wir natürlich schon eine kleine Frustration. Ich war mit meiner Freundin und Daniel Brühl im Hotel und habe gesagt: Heute bestellen wir zur Strafe komplett unamerikanisch. Ich habe also marokkanische Würstchen gegessen, meine Freundin belgische Waffeln, Daniel schottischen Lachs, und der mexikanische Kellner fand das super - und dann war's das auch.
Wirklich keine Trauer?
Na ja, gestern abend hatte ich bei dem Oscar-Trailer im Fernsehen schon kurz den Gedanken, verdammt, diese Chance hast du eigentlich auch nur einmal im Leben. So ein Oscar ändert zwar nichts am Talent und macht den Film auch nicht besser, aber es ist halt ein bißchen Unsterblichkeit. Als würde auf einer großen Tafel dein Name eingemeißelt, wo auch schon Emil Jannings steht, der ja den ersten Oscar gewonnen hat. Aber wenn man so viele Preise bekommen hat, dann muß man auch akzeptieren, wenn man mal keinen kriegt. Außerdem habe ich schon einen Oscar für meinen Erstling "Schmetterlinge" - ist zwar nur ein Studentenoscar, aber immerhin. Darum habe ich auch Daniel, der etwas bedrückt war, gesagt: Wir haben nicht den geringsten Grund, frustriert zu sein. Freuen wir uns lieber über das, was wir erreicht haben. All die Zuschauer in aller Welt kann uns keiner nehmen.
Immerhin waren Sie ja für einen Golden Globe nominiert.
Eine merkwürdige Veranstaltung: der ganze Saal vollgepackt mit Promis, und dann kommt der ausländische Film - und dem wird etwa nur ein Fünftel soviel Zeit zugestanden wie den anderen Preisträgern. Da denkt man sich: Wenn ihr das als Feigenblatt schon mit drin habt, dann macht es doch wenigstens mit Anstand und Würde. Statt dessen wird dann beim Auftritt von Siddiq Barmak, der mit "Osama" gewonnen hat, wie auf Kommando alles abgeschwenkt, was unter den Zuschauern den Ruf des Linksliberalen hat, Jane Fonda, Tim Robbins, Susan Sarandon, eine Art amerikanisches Weltgewissen. Da weiß man dann auch, woran man ist. Aber immerhin darf man beim Pinkeln zwischen Elton John und Al Pacino stehen. Und dann sieht man auf den Partys, wo man wirklich der einzige Unbekannte ist, so Schauspielerinnen wie Christina Ricci oder Juliette Lewis, die dort ganz unprätentiös auch nur einen Wein trinken und verbotenerweise eine Zigarette rauchen wollen - das fand ich schon toll.
Haben Sie denn den Eindruck, daß Sie mit der "Exquisit-Edition" auf DVD am Ende einer langen Reise angekommen sind?
Die DVD ist ja auch der Versuch einer Antwort auf die vielen Fragen, die gestellt wurden, von Journalisten, vom Publikum. So daß man nach dem siebenhundertsten Interview nun sagen kann: Guckt euch einfach die DVD an. Es gab schon den Anspruch, einen wirklichen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Bei so einem Erfolg ist man den Zuschauern ja auch irgendwie verpflichtet, etwas Außergewöhnliches zu machen. Die DVD ist so etwas wie die Beschreibung eines Weges, um auch mit der Vorstellung aufzuräumen, jede Erfolgsgeschichte folge einem geraden Weg. Das geht ja so weit, daß auch die Leute, die dem Film gar nichts zugetraut haben, es hinterher immer schon gewußt haben. Ich habe schon das Gefühl, das jetzt für mich zu einem Ende gebracht zu haben. Jetzt kann ich das dann endlich von meiner Festplatte löschen.
Hatten Sie im Verlauf dieser Erfolgsgeschichte je den Eindruck, daß der Film Ihnen entgleitet, Ihnen sozusagen über den Kopf wächst?
Nur insofern, als die Branche dazu neigt, den Erfolg zu überschätzen. Wenn es immer heißt, der deutsche Film sei jetzt aus der Krise, möchte ich dazwischenrufen, hallo, das ist nur ein Film, das ist vielleicht ein erster Schritt. Daß man so vereinnahmt und zu einer Art Ritterfigur gemacht wird, ist dann schon befremdlich. Wo sich Wirkung und Ursache am meisten voneinander entfernt haben, war bei der von den Fernsehsendern in Bewegung gebrachten Ostalgie-Welle. Auf einmal war ich der Grandmaster der Ostalgie, dabei hat zur Zeit der Premiere kein Mensch davon gesprochen. Das interessierte mich nicht.
Konnte man aus den Reaktionen denn auch etwas lernen?
Es war immer dann spannend, wenn eine Facette angesprochen wurde, an die man selbst nicht gedacht hat. Denn längst nicht alles, was den Reichtum eines Films, einer Idee oder eines Bildes ausmacht, ist immer geplant und intendiert. Es fließt immer etwas ein, was als Gedanke in anderem Zusammenhang zwar schon da, aber noch unausgesprochen oder unanalysiert ist. Man ist ja wie mit einem Tunnelblick auf die konkrete Arbeit fixiert, aber nebenher schwirren Aspekte im Kopf rum, ohne mit dem Film verbunden zu sein. Das ist ein geheimnisvoller Prozeß, bei dem man selbst nicht weiß, wie das entsteht, und ich versuche auch, daß das so bleibt. Ich will nicht den Fehler machen, beim nächsten Film einen Katalog aufzustellen, was alles drin sein muß. Man steht sich als Künstler selbst im Wege, wenn man sich mit seinen Absichten zu genau analysiert.
Überkam Sie nie das Gefühl, daß Sie sich als Westdeutscher bei dem Thema auf dünnem Eis bewegen? War Ihnen manchmal nicht ganz geheuer, was Sie mit dem Film alles aufgerührt haben?
Anfangs hat mich das schon irritiert, aber dann habe ich begriffen, woher das kommt. Ich verstehe, daß Leute ostalgisch auf bestimmte Aspekte des Films reagieren. Wenn dir nach zehn Jahren wieder ein längst vergessener Geruch in die Nase steigt, dann kommen auch eine Menge Assoziationen hoch. Das hat der Film bewirkt. Für einige war das ein richtiger Abschied von der DDR, eine Art nachgereichter Beerdigung. Das war nicht intendiert, aber daß das als Nebeneffekt entstanden ist, kann ich verstehen.
Und wie haben Sie sich bei den Diskussionen mit ostdeutschem Publikum gefühlt?
Ich hatte das Glück, daß bei den Diskussionen Katrin Saß dabei war. Wenn es oft hieß, mein Gott, das war unser Leben, und die Leute heulend zu Katrin kamen, mußte sie sie buchstäblich trösten. Das waren Leute, die sich beinahe geschämt haben, daß sie aus dem Osten kommen. Sie hatten eben das Pech, in diesem Land zu leben, aber natürlich gab es da auch Glücksmomente. Es geht bei solchen Gefühlsaufwallungen ja nicht darum, daß man deswegen das System wieder zurückhaben will.
Man könnte sich doch fragen, ob man ausgerechnet als Westdeutscher die Berechtigung hat, solche Emotionen zu wecken.
Ich habe die Berechtigung, eine Geschichte zu erzählen, zumal wenn sie das Schweigen bricht über ein Thema, zu dem man sich nicht bekennen konnte - dann ist das doch wunderbar. Man darf halt nicht mit falschen sentimentalen Mitteln die Leute auf eine Schleimspur ziehen. Es ging mir darum, diese Leute nicht in einen Zoo zu stecken und durch die Gitterstäbe zu filmen, sondern wenn schon, dann mit in den Käfig zu steigen, um zu sehen, wie sich das anfühlte.
Was war das originellste Geschenk, das Sie bekommen haben?
Ein originelles Geschenk habe ich von Siegmund Jähn bekommen: einen Mini-Fotoband über die DDR mit einer sehr schönen Widmung, in der er sich dafür bedankt, daß jemand zum ersten Mal das Land, in dem er gelebt hat, auf eine faire Art gezeigt hat.
Das Gespräch führte Michael Althen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2004, Nr. 54 / Seite 39
Bildmaterial: AP