Gerd Müller-Thomkins, der Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts, beantwortet Fragen zu Harald Schmidts modischem Auf- und Abtritt.
Die konventionelle Herrenmode auf jeden Fall. Er hat ja in den acht Jahren immer Anzüge getragen, wenn er nicht gerade in Badehose auftrat.
Nicht immer ganz perfekt. Ich will nicht den Moralapostel der Männerbekleidung spielen, aber das Sakko schien manchmal durchaus zu groß geraten. Das hatte vielleicht mit der Sitzposition hinter dem Schreibtisch zu tun. Es paßte aber zum Buben-Charme des Moderators: Er mußte sozusagen in den Anzug hineinwachsen.
Kaum. Es waren ja nicht nur Anzüge, sondern auch noch graue Anzüge mit weißem Hemd und roter Krawatte - konventioneller geht's kaum noch. Aber das ist ja gerade Teil der Inszenierung! In seiner Freizeit sehen wir Kölner ihn auf der Straße lockerer. Im Studio spielt er den Biedermann, den Wolf im Schafspelz.
Ja, man muß sich nur die braunen Schuhe zum grauen Anzug anschauen. Das hat es bis vor ein paar Jahren in Deutschland fast gar nicht gegeben. Da hat er die deutsche Herrenmode etwas italianisiert. Das machen nach wie vor die allerwenigsten, meist Menschen aus der Modebranche.
Nein, muß man nicht mehr! Das Braun sieht doch wunderbar aus. Man kann damit das ewige depressive Schwarz der Schuhe brechen: Braun ist ein Bekenntnis zur Farbe!
Nein, er hat weißes Hemd mit weißen Manschetten und weißem Kragen getragen. Das könnte man sehen als Persiflage auf das Erscheinungsbild der meisten Politiker. Das Einheitgrau hilft ja dabei, daß man einem gar nichts vorwerfen kann, schon gar nicht, Farbe zu bekennen. Der Anzug ist von seiner Geschichte her eine Schutzhülle. Das paßt dazu, daß Schmidt ein privater Mensch ist und zurückgezogen lebt. Er versteckt sich hinter einem konventionellen Vorhang, um zwischendurch mit seinem Kopf herauszulugen und dem Volk Grimassen zu schneiden.
Ja, die roten Krawatten gab es vor ein paar Jahren so dominant auch noch nicht. Früher war Rot eine fast aggressive Farbe, die den Umbruch heraufbeschwor. Heute ist sie nicht einmal mehr eine Reminiszenz an alte sozialdemokratische Glaubensbekenntnisse, denn die rote Krawatte tragen alle - von Stoiber bis Schröder. Die Inszenierungsgesellschaft und die Stylisten im Beraterumfeld der Politiker haben dazu geführt, daß man dem politischen Gegner die Farbe abgegraben hat.
Schmidt sucht im Anzug das Uniforme. Der Anzug ist wie ein Platzhalter für die Öffentlichkeit. Schmidt kann sich nicht in eine Lifestyle-Gruppe einordnen lassen - das würde das Publikum verkleinern. Mit seinen Anzügen hat er die größtmögliche Gruppe erreicht. Deshalb tragen auch Politiker Grau. Selbst eine leichte Struktur im Stoff ist da untersagt. Man kann den grauen Anzug auch vergleichen mit einer Leinwand: Sie ist Projektionsfläche für Filme, die im Kopf der Menschen ablaufen.
Ja, er ist lang und schmal, er kann es sich erlauben. Er wahrt wieder einmal die Konvention, aber das Detail zeigt den Anspruch, geistige Avantgarde zu sein. Schlank zu sein bedeutet, Profil zeigen zu können, Konturen, Ecken und Kanten. Wenn man bauschig-rund ist, ist alles gleich. Schmal heißt: Ich habe ein entwickeltes Körperbewußtsein. Man muß nur sehen, wer heute in Fitneßstudios geht!
Und noch ältere! Es ist aber nicht nur Eitelkeit, sondern das Gesundheitsbewußtsein. Da kommt die Gesundheit, mit der er sich in der Sendung ja auch beschäfigt hat, mit der Mode zusammen.
Ja. So sind moderne Anzüge aufgebaut. Früher war der Anzug ein Panzer. Da wurde er in allen Ecken unterfüttert und ausgepolstert. So sollte dann die idealtypische, die klassische Figur dabei herauskommen. Heute muß sich das der Mann selbst im Studio erarbeiten, denn das Sakko ist nur noch dünn gefüttert, im Sommer manchmal gar nicht mehr. Der Anzug bildet heute die Figur authentisch ab.
Genau: Braves Äußeres mit exaltierten Gesten und Grimassen. Humor entspringt aus Gegensätzen. Der biedere Bankbeamte, der hinter seinem Schalter sitzt und trotzdem die Welt auf schelmische und teils diabolische Art reflektiert - das ist Harald Schmidt. Daß er dieser Schelm ist, sieht man dann eher im Detail.
Zum Beispiel. Die Schleife zum Rinderwahn in Form eines schwarz-weißen Kuhschwanzes war der originellste Beitrag Harald Schmidts zum ewigen Thema Accessoires. Der Anzug ist hier wieder die reduzierte, minimalistische, klare Basis. Die Accessoires sind dann over the top: Schuhe, Krawatte, Manschettenknöpfe, Knöpfe und eben eine solche Schleife. Damit konnte er tagesaktuell modisch-parodistisch seinen Beitrag liefern. Viele Menschen machen das übrigens so, zum Beispiel mit Einstecktüchern - meist allerdings unbewußt und nicht so pointiert.
Auf jeden Fall. Eine junge Generation wollte sich ein paar Jahre lang aufgeknöpft geben. Man hatte zwar den Anzug für sich entdeckt, aber mußte durch Weglassen der Krawatte, durch T-Shirt oder Sneakers zeigen, daß man sich von der Vorgängergeneration unterscheidet. Heute sucht man dagegen wieder ein seriöses Erscheinungsbild, um die verlorengegangene Glaubwürdigeit wiederzugewinnen.
Er hat seine Rolle durchgehalten. Das unterscheidet ihn vom Klamauk. Er ist nicht der Clown, den Thomas Gottschalk gerne gibt, er ist der Eulenspiegel, der auch immer das gleiche Kostüm trägt.
Authentisch bleiben! Das reicht.
Die Fragen stellte Alfons Kaiser.
Die Fragen stellte Alfons Kaiser
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 9
Bildmaterial: AP, dpa