Obamas Rede

Unser Moment

Von Tobias Rüther

26. Juli 2008 Zwei Politikerauftritte, zwei Sprachwelten. Auftritt Nummer eins: Die Bundeskanzlerin am Mittwoch bei der letzten Bundespressekonferenz vor der Sommerpause: Angela Merkel sprach vor den versammelten Hauptstadtjournalisten über die Zukunft, die für sie nach den Ferien beginnt: „Zusammensetzen“, ja sogar „zusammenraufen“ würden die beiden Koalitionspartner und Bund und Länder sich im Herbst, damit die „Weichenstellungen“, die Union und Sozialdemokraten „sehr harmonisch“ markiert hätten, geradewegs in die richtige Richtung führten.

Zusammenraufen, Ärmel hochkrempeln, Weichen stellen, Hausaufgaben machen - kein Wunder, dass ungefähr jeder, der ihr zuhören musste, den letzten Auftritt der Bundeskanzlerin auf Wochen als nichtssagend und glanzlos abgetan hat. Müde machen diese Formeln im Kopf und traurig die Vorstellung, dass offenbar nur noch so über Politik geredet wird: in einer Vollkaskosprache, die sich unangreifbar macht mit Metaphern, die alles und nichts bedeuten können, weil sie so oft gebraucht wurden.

Er nennt die Probleme beim Namen

Auftritt Nummer zwei: Einen Tag später kommt der amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama nach Berlin. „Das ist unser Moment. Das ist unsere Zeit“, sagt er, während Hunderttausende Zuhörer vor der Siegessäule ihm immer wieder „Yes, we can!“ zurufen. Obama wiederholt, was er schon damals, als er lediglich der unauffällige demokratische Senator aus Illinois war, gesagt hat: dass es nur gemeinsam mit anderen Mächten und multilateral möglich sei, die riesigen Probleme unseres Moments, unserer Zeit zu lösen (so universalistisch eingebettet hört sich auch sein Plädoyer, sich in Afghanistan zu engagieren, nicht nach Bush an).

Und er nennt die Probleme beim Namen, spricht sie der Reihe nach aus: die Autos in Boston und Fabriken in Peking, die in der Arktis die Polkappe zum Schmelzen bringen; das schlecht verstaute Nuklearmaterial in Russland und die Detailkenntnis eines pakistanischen Wissenschaftlers, die gemeinsam in Paris ein Bombe detonieren lassen könnten; den afghanische Mohn, der in Berlin als Heroin auf dem Markt kommt; die Armut in Somalia, die neue Terroristen gebiert; den Völkermord in Darfur, der uns alle beschämt. „Werden wir einstehen für die Menschenrechte eines Dissidenten in Burma, des Bloggers in Iran, des Wählers in Zimbabwe?“ Yes, we can, rufen die Berliner unter der Siegessäule. Und wer wollte sich in diesem Moment anmaßen, diese Wendung als Floskel abzutun?

Doch es geht

Doch dann passiert, was passieren musste. An Obamas Auftritt werden die Etiketten geheftet, die für solche Fälle bereitzuliegen scheinen. Wie aus einem Mund ist bei den Kommentatoren von einer perfekten Inszenierung die Rede, vom Popkonzert eines Predigers, typisch amerikanisch. Auf Stellen hin werden Obamas Worte gelesen: Wie geht er wohl fünfundvierzig Jahre nach Kennedy mit Berlin um? (Er zitiert Ernst Reuter, der Mann hat eben seine Hausaufgaben gemacht.) All das aber erstickt Obamas Berliner Botschaft. Sie lautet: Doch, das geht. Doch, so anders können Politiker reden, so anders dürfen die Menschen, die ihm zuhören, auch darauf reagieren. Doch, sagt Obama, man darf auch in der Politik meinen, was man sagt. Man darf das Politische existentiell nehmen.

Als „Obambi“ hat die amerikanische Kolumnistin Maureen Dowd den Kandidaten verspottet. Wer jedoch Obamas Art der Rede und sein Publikum als rehäugig und naiv abtut, ist längst selbst einer zynisch vernarbten politischen Rhetorik erlegen. Warum sollten Kandidaten und Präsidenten nicht von Hoffnung reden? Weil das ihren Kommentatoren irgendwie peinlich ist? Nur weil man ständig von Krise redet, wird man nicht gleich glaubwürdiger. Obamas Geheimnis ist, dass er verbürgt, was er ausspricht, nicht nur mit seiner Biographie und den Träumen seines Vaters von einer gerechteren Welt, die er auch in Berlin wieder beschwor. Die Unverbindlichkeiten, die man bei der deutschen Kanzlerin erlebt, kann man ihm schwerlich nachsagen.

Die Wirklichkeit erobern

Und so ist es auch nicht etwa ein nebulöser Möglichkeitssinn, der ihn von seinen Kollegen diesseits und jenseits des Atlantiks unterscheidet, sondern seine Fähigkeit, die Realität sehr präzise im Vorgriff zu definieren. Das Gegebene ist für Obama nur die halbe Wirklichkeit. Die andere Hälfte des Realen ist ihr „noch nicht“, das es in ein „schon jetzt“ zu überführen gilt. Bereits als Obama im Januar 2007 in Springfield seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, sagte er, dass endlich Schluss damit sein müsse, für die Krisen im Lande Homosexuelle und alleinerziehende Mütter verantwortlich zu machen. Ein Indiz unter vielen, dass hier ein Politiker die Muster der uns geläufigen politischen Rede sprengt.

Ob die Vollbeschäftigung ein realistisches Ziel sei, wurde die Bundeskanzlerin am Mittwoch gefragt. „Ich setze mir doch keine unrealistischen Ziele“, hat sie geantwortet. Ein Satz, der scheinbar gegen alles versichert. Ohne Glanz. Und ohne Risiko. Der Zauber Obamas ist, dass er einen Begriff von Realismus pflegt, der die Wirklichkeit nicht verwalten, sondern erobern will.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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