
Wohin blickt Russlands Jugend? Die Anhänger der kremltreuen Jugendbewegung Nashi auf Putin, aber an wirklichen Vorbilden mangelt es
27. Februar 2008 Auch Russland erschrickt über eine neue Generation von Monsterkindern, die einer zunehmend unsolidarischen, geldversessenen und korrupten Gesellschaft ihren Zerrspiegel vorhalten. Straftäter und Gefängnisinsassen werden immer jünger. Ein Qualitätshandy, zu gute Schuhe oder, zumal bei Mädchen, bloß attraktives Aussehen von Altersgenossen genügen neidischen Jugendlichen als Anlass für Raubüberfälle. Russische Teenager verprügeln oder ermorden asiatische Kinder.
Ein heranwachsender Trinker, den sein Onkel der Miliz übergab, tötete diesen aus Rache, sobald er freikam. Zugleich werden minderjährige Delinquenten oft strenger bestraft als Wiederholungstäter, die Geld und Protektion besitzen. Falls ihnen je der Prozess gemacht wird, kommen Autoritäten der russischen Halbwelt mit einer Bewährungsstrafe davon. Jugendliche Diebe hingegen müssen real einsitzen und werden dann natürlich ganz kriminell sozialisiert.
Das Problem beginnt mit der russischen Durchschnittsfamilie, wo der Vater ein Alkoholproblem hat und die Mutter überarbeitet ist. Der Nachwuchs ist, soweit sich keine Babuschka um ihn kümmert, dem Fernsehen und dem Computer überlassen, wo er Gewaltfilme anschaut und Gewaltspiele spielt. Kinder sind ja von Natur aus grausam: Sie habe oft versucht, ihre vier und neun Jahre alten Sprösslinge für gutherzige sowjetische Zeichentrickfilme zu erwärmen, sagt Jelena Schemjakina, Jugendbeauftragte vom russischen Komitee für Menschenrechte. Die Kleinen verlangt es aber nach Batman oder den Simpsons, wo man einander bekriegt und totschlägt.
Jugend ohne Vorbilder
Der jungen Verbrechergeneration fehlt jedes Unrechtsbewusstsein. Wo sollte es auch herkommen, wenn Ordnungshüter, vom Streifenpolizisten bis zum Staatsanwalt, als Menschenschinder wahrgenommen werden, die mit staatlicher Lizenz kidnappen und erpressen. Dass Erfolg im Leben durch Fleiß und Leistung erkauft wird, wollen viele Russen nicht einsehen, erklärt Eduard Rudyk, der im Komitee für Menschenrechte Strafkolonien für Jugendliche beobachtet. Die Gangster-Privatisierung der neunziger Jahre habe solche Ansichten bestärkt.
Für die Viktimologie, die Verbrechensopferforschung, bietet Russland reiches Lehrmaterial, bemerkt Rudyk. Der brutal auftrumpfende oder zwielichtige Habitus vieler Geschäftsleute und Staatsdiener mache sie zu Hasszielscheiben. Den glücklicheren Zeitgenossen zu beseitigen wird aber auch zum Selbstzweck. Rudyk erinnert an den Fall zweier junger Russen, die aus dem islamistischen Unruheherd Dagestan im Kaukasus nach Saratow geflohen waren. Der eine der beiden gründete eine Existenz und eine Familie, der andere nicht. Da ermordete der Erfolglose den Erfolgreichen aus purem Neid.
Alkohol ist ihr Sanitäter in der Not
Ersatz für schwer erreichbares Glück bieten Alkohol und Drogen, mit denen sich schon Zwölfjährige zuknallen. Waisen und Dorfkinder trinken Rasierwasser oder Lösungsmittel und spritzen sich Alkohol-Cocktails in die Venen. Vorsorge durch Aufklärung betreiben die überforderten, unterbezahlten Schullehrer nicht. So versäumen sie das Wichtigste, den Kindern klarzumachen, dass sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, sagt die besorgte Mutter Jekaterina Schemjakina. Konformität, das Leitprinzip der Gesellschaft, verleiht auch dem sozialen Ausstieg einen fatalistischen Sog.
Etliche seiner Klassenkameraden seien schon am Suff gestorben, sagt der fünfunddreißigjährige Rudyk. Das ist für Russland nichts Ungewöhnliches. Man versteht, dass er und seine Kollegin Schemjakina, die autoritärer Sympathien unverdächtig sind, sich dafür aussprechen, Drogen- und Alkoholabhängige, wie zu Sowjetzeiten, wieder zwangsweise zu therapieren.
Resozialisierungsversuche ohne Personal
Die Kremlführung, die im Sowjetsystem wieder das Positive sehen will, reanimiert auch die Resozialisierungspädagogik im Jugendstrafvollzug. In Moskau ist die technische Berufsschule für straffällige Kinder, die 1991 geschlossen wurde, vor zwei Jahren wiedereröffnet worden. In den zwei Umerziehungskolonien des Moskauer Landkreises, Moschaisk und Ikschansk, werden rund 750 minderjährige Häftlinge auch für die Verfertigung von Arbeitskleidung und Feuerlöscherzubehör angelernt.
Viele Normalschulen bieten neuerdings freiwillige Nachmittagssportkurse an, die die Aggressivität der Heranwachsenden vorbeugend kanalisieren sollen. Doch überall fehlen Mittel und Fachpersonal. Für die Schulsportkurse müssen die Eltern oft bezahlen, was gerade Problemkinder fernhält. Im Erziehungslager Ikschansk stockt die Produktion. Als schlechtbezahlte Gefängnispädagogen arbeiten fast nur Frauen. Dabei bedürfen gefährdete Jugendliche, merkt Rudyk an, männlicher Autoritäten.
Migranten als rechtlose Arbeitssklaven
Gefährdet sind besonders Kinder von Migranten. Das bedeutet in Russland vor allem Rückwanderer aus Kasachstan, Usbekistan, dem Baltikum, Mischfamilien, denen es an Bildung und sozialen Netzwerken fehlt. Für russische Staatsdiener sind sie Schmiergeldlieferanten für eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis auf Widerruf. Für die Boomstadt Moskau sind sie willkommene, weil rechtlose Arbeitssklaven.
Zum Symbol eines totalitären Kapitalismus wurden jene elitären Appartementhochhäuser im neustalinistischen Zuckerbäckerstil, deren Erbauer in Containern gehalten werden, die Rudyk als "elitäres Konzentrationslager" bezeichnet. Hier werden nur Leute mit Vorstrafe, anfechtbaren Papieren oder chronischen Krankheiten beschäftigt, erklärt der Menschenrechtler, bei denen man sicher sein kann, dass sie ihre Lage nicht publik machen. Und wenn russische Skinheads sie überfallen, nimmt die Miliz am liebsten Reißaus.
Unterordnung als Leit- und Lebensprinzip
In der vertikalen Gesellschaft ist Subordination oberstes Gebot. Den Mitgliedern des Komitees für Menschenrechte, das im Sockelgeschoss eines Wohnsilos am Moskauer Stadtrand untergebracht ist wie ein kaum geduldeter Dissidentenverein, wird der Zutritt zu Jugendstraflagern immer häufiger verwehrt.
Heute bringen Wohltätigkeitsorganisationen Nahrungsmittel, Decken, selbst Konzertveranstaltungen zu den minderjährigen Straftätern. Doch die verurteilten Kinder benötigten auch kompetente Rechtshilfe, sagt Rudyk, beispielsweise um ihr Wohnrecht daheim nicht zu verlieren. Oder um nicht von vermeintlich fürsorglichen Prozessbetreuern ein höheres Strafmaß zu bekommen. Wie im Fall jenes vierzehn Jahre alten Diebes, der auf gutes Zureden zusätzliche Taten gestand und ein halbes Jahr länger sitzen musste. Von etlichen Kindern, die das Komitee betreut, haben sich die Eltern losgesagt. Ihren Aufsehern ausgeliefert, die von ihnen vor allem Gehorsam verlangen, bilden die Kinderkolonien eine besonders rücksichtslose interne Hackordnung aus.
Viele Foltermethoden, die bei der Rekrutenmisshandlung zum Einsatz kommen, erklärt Rudyk, wurden von Gefängniskindern erfunden. Straftäter, die in Haft volljährig werden, wollten früher am liebsten im Jugendvollzug bleiben. Heute möchten die meisten in die "humanere" Anstalt für Erwachsene.
Text: F.A.Z., 27.02.2008, Nr. 49 / Seite 36
Bildmaterial: REUTERS
Kempowskis kollektives Tagebuch: Einer für ![]()
Letzter Polizeiruf mit May und Selge: Das letzte Rätsel gibt er selbst auf