Gott ist wieder da

Ist Er unser Verbündeter?

Von Claudius Seidl

23. Dezember 2007 Ist dieses Jahr, das jetzt zu Ende geht, tatsächlich das zweitausendundsiebte nach Christi Geburt gewesen? Dieses Jahr, in welchem, nur zum Beispiel, der altehrwürdige Philosoph und Theologe Robert Spaemann noch einmal versuchte, was seit den Tagen der Aufklärung keinen seriösen Christen mehr gekümmert hat: die Existenz Gottes mit reiner Logik zu beweisen? Dieses Jahr, in welchem der Biologe Richard Dawkins versuchte, was seit den Tagen Darwins und Feuerbachs keinen seriösen Atheisten mehr interessiert hat: die Existenz Gottes mit der Evolutionstheorie zu widerlegen.

Dieses Jahr, in dem Gott persönlich ins Kino kam, ein weiser Mann im weißen Prada-Anzug, der zu den Menschen in klugen, pointierten Drehbuchsätzen sprach: „Wenn du Gott um Geduld anflehst, wird er dir nicht Geduld schenken, sondern eine Gelegenheit, geduldig zu sein. Wenn du Gott um Mut bittest, wird er dir nicht Mut geben, sondern eine Gelegenheit, deinen Mut zu beweisen.“ Und die Menschen in dem Hollywoodfilm „Evan Almighty“ taten, wie ihnen gesagt worden war.

Zurück zu Marx

Es ist mehr als 150 Jahre her, dass Karl Marx befand, die Kritik der Religion sei im Wesentlichen abgeschlossen; jetzt gehe es darum, das Elend abzuschaffen, zu dessen Linderung die Religion erfunden worden sei. Und dass Marx' Forderungen im Europa des 21. Jahrhunderts anscheinend vollständig erfüllt waren, davon zeugten nicht zuletzt die Berichte, Erzählungen und Reportagen jener Amerikaner, die von ihren Besuchen auf dem alten Kontinent die Nachricht mitbrachten, die Europäer seien nicht nur müde und dekadent geworden; sie seien vor allem ein ungläubiges Volk und so desinteressiert an einem höheren Wesen, dass man sich nicht wundern müsse, wenn es bergab gehe mit dem ganzen Kontinent. Und erst neulich betonte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney noch einmal, Europas Kirchen seien „so großartig, so beseelt und so leer“: Europas Glaube sei der Säkularismus, der eine gefährliche Irrlehre sei.

Stimmt ja, irgendwie, der Name Gottes wird, wenn nicht gerade hohe Feiertage nahen, nicht so laut in unseren Kirchen angerufen; Gott ist aber in den Buchläden und auf den Zeitungsseiten, unter den ersten zehn Titeln auf der Sachbuch-Bestsellerliste handeln fünf, mehr oder weniger, vom Gott der Christenheit - und dass da, auf Platz acht und seit 14 Wochen auf der Liste, auch Richard Dawkins' „Der Gotteswahn“ steht, ist kein Beleg dafür, dass das Publikum des Themas schon wieder überdrüssig würde. Im Gegenteil. Wo Gott tot ist und vergessen, da ist nichts so uninteressant wie die Kritik der Religion. Und wenn einer fast 600 Seiten braucht, um mit seinem Gegner abzurechnen, dann kann das kein ganz schwacher Gegner sein.

Der sympathischste aller Gottwesbeweise

Dawkins' Buch hat von den Rezensenten bekommen, was ein so eitles, ungenaues und geschwätziges Buch verdient: Verrisse. Und wenn man noch einmal nachliest, wie leicht es sich Dawkins damit macht, den sympathischsten aller Gottesbeweise zu dementieren, den sogenannten Schönheitsbeweis, welcher besagt, dass es Werke der Kunst gebe, die so schön sind, so groß, so wahr, dass man hier nicht nur Menschenwerk rezipiere, sondern Gottes Wirken spüre, worauf Dawkins antwortet, dass Mozarts Musik nicht die Existenz Gottes beweise, nur die Existenz Mozarts, wenn man das liest, möchte man den Mann nur noch bedauern für sein kaltes Herz, seine unempfindlichen Ohren und seine, auch theoretische Ahnungslosigkeit in Fragen einer Kunst, die eigentlich immer etwas anderes und im Glücksfall mehr ist als die Summe der schöpferischen Absichten, die darin eingegangen sind.

Und dennoch ist das ein wichtiges Buch, wichtig, weil es in seinem Furor gegen den monotheistischen Gott, den bösen, eifersüchtigen Wüstengott, den (ganz egal, ob man ihn Gott, Allah oder Jahwe nennt) Dawkins für eine der schrecklichsten literarischen Erfindungen hält - weil es, in seinem ganzen Zorn und seiner Erregtheit, auf eine existentielle Frage weist.

Diese Frage steht explizit weder bei Dawkins noch in dem etwas gelasseneren Buch von Christopher Hitchens „Der Herr ist kein Hirte - Wie Religion die Welt vergiftet“; sie wird auch in Bestsellern wie „Gott - Eine kleine Geschichte des Größten“ nicht explizit gestellt. Und doch ist es wohl diese Frage, die den ganzen Boom, die Gottesbücher und die Diskussionen, erst befeuert.

Das große „Mono“

Diese Frage geht so: Angesichts der Herausforderung durch Leute, die sich von ihrem Glauben dazu inspirieren lassen, sich selbst und möglichst viele von jenen, die sie für die Ungläubigen halten, in die Luft zu jagen, Wolkenkratzer, U-Bahnen und Flugzeuge zu sprengen und uns ganz generell mit Verachtung und Hass zu begegnen, angesichts dieser Herausforderung können wir, die Bewohner des Westens, uns jene religiöse Indifferenz, welche bis vor kurzem die vorherrschende Haltung war, nicht mehr leisten. Vielmehr müssen wir uns klar darüber werden, ob Gott in diesem Konflikt unser Verbündeter ist. Oder unser gefährlichster Gegner.

Richard Dawkins, der Evolutionsbiologe, will naturgemäß gar nichts wissen vom akademischen Monotheismus-Streit, von der Frage also, ob womöglich schon Moses, der die ägyptischen Mythen entzauberte, den ägyptischen Götterhimmel entvölkerte und den einen, einzigen und wahren Gott den falschen Götzen entgegensetzte, damit das erste Kapitel in der Gewalt- und Verbrechensgeschichte der Religionen geschrieben habe. Und die hochdifferenzierten Antworten, die darauf formuliert wurden in den vergangenen zehn Jahren, sind Dawkins erst recht egal.

Mal steigt das Fieber, mal geht es zurück

Für ihn, dessen Atheismus ein riesiges „Mono“ voranstehen müsste, ist der Fall ganz einfach. Erstens gibt es keinen Gott, zweitens gibt es aber diese eine, uralte, erfundene Figur, die unter ihrem jüdischen Namen die Sintflut geschickt, die Ägypter ersäuft und ganze Städte zerstört habe; unter ihrem christlichen Namen sei sie verantwortlich für Kreuzzüge, Konfessionskriege, Hexenverbrennungen. Und was im Namen Allahs angerichtet werde, sei uns ja ohnehin sehr präsent.

Für Dawkins ist der Glaube ein Wahn, für Hitchens ist Religion ein Gift, und wer in solchen Kategorien denkt, wird, wo andere vor geistigen Fragen stehen, immer nur pathologische Probleme sehen; die Geschichte des Christentums ist da nur als Krankengeschichte denkbar, mal steigt das Fieber, mal geht es zurück, und Genesung brächte nur der Abfall von Gott.

Der Unpäpstliche

Aber gerade weil die Gottesgegner mit Geschichte nichts im Sinn haben und, nur zum Beispiel, über die Schrecken der Inquisition so sprechen, als hätte der Fall Galilei erst gestern in der Zeitung gestanden: Gerade deshalb fühlt man sich beim Lesen dazu inspiriert, sich selber diese Geschichte noch einmal zu erzählen, eine Geschichte, die man (gerade weil die Religionsfeinde kein Bewusstsein von ihr haben) auch, geradezu hegelianisch, als den Gang der Kirche zum Bewusstsein ihrer selbst beschreiben könnte. Gegen einen Papst jedenfalls, der nicht zum Kreuzzug gegen, sondern zum Verständnis für die Muslime aufruft, einen Papst, der atheistische Denker nicht ausschließt, sondern zum Gespräch trifft, wobei man sich dann unter Umständen darauf einigen kann, dass jene Gottesebenbildlichkeit des Menschen, welche ja schon im angeblich so grausamen und bizarren Alten Testament steht, der Anfang auch der säkularen Gleichheits- und Freiheitsgeschichte ist - gegen einen solchen Papst fehlen Leuten wie Dawkins und Hitchens schlicht die Argumente.

Es ist, als wäre jener Geist, der die Religion so heftig verneint, ganz buchstäblich ein Teil jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft. Dawkins' Buch ist schrecklich; das, was es bewirkt, ist aber gut und produktiv, schon weil man auch auf diese aggressive Religionskritik mit Indifferenz nicht antworten kann. Und die schönste, die interessanteste Reaktion auf Dawkins war eine Rezension, die Terry Eagleton, der marxistische Literatur- und Kulturwissenschaftler, in der „London Review of Books“ geschrieben hat (siehe auch: Rezension: „Lunging, Flailing, Mispunching”).

Christus als das stärkste Bild der menschlichen Bedingung

Man muss Eagleton nicht zustimmen, wenn der schreibt, Gott, das sei die beste Antwort auf die Frage, warum etwas sei und nicht vielmehr nichts, ja man muss noch nicht einmal gläubig sein, man darf gern zweifeln, suchen, weiterfragen (Tätigkeiten, die Leuten wie Dawkins völlig fremd zu sein scheinen) - und wird doch Eagleton folgen können, wenn der sagt, dass der gekreuzigte Christus das stärkste und das wahrhaftigste Bild ist, das wir von der menschlichen Bedingung haben. „Wer in diesem schreckenerregenden Bild eines gefolterten Unschuldigen nicht die historische Wahrheit erkennt, kann nur ein Anhänger jenes naiven Aberglaubens vom immerwährenden Fortschritt sein. Jenes Aberglaubens, dessen leidenschaftlichster Künder Richard Dawkins ist. Oder er ist ein wohlmeinender Reformer und Sozialdemokrat, was, von einem christlichen Standpunkt aus betrachtet, einfach nicht radikal genug ist.“

Eagleton spricht nicht aus, intendiert aber durchaus, dass dieses Bild so stark ist, dass dagegen alles, was nach Sieg und Triumph aussieht, einschließlich der siebzig Jungfrauen und anderer angeblicher himmlischer Belohnungen für Attentate und Massaker, falsch, dumm und trivial aussieht.

Kann kaum Atmen vor lauter Seufzen

Und nachdem die marxistischen Heilsbotschaften gescheitert sind, kann man sich von Eagleton durchaus inspirieren lassen, seinen Marx noch einmal zu lesen: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“

Ja, möchte man da rufen, genau: Das ist heute kein Argument gegen die Religion mehr. Aber immer noch eines gegen das Elend. Gegen das Elend in der muslimischen Welt zum Beispiel, wo die Menschen vor lauter Seufzen kaum mehr zum Atmen kommen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: CINETEXT

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