10. Mai 2005 Am Ende zeigte sich sogar das Wetter gutwillig. Eine halbe Stunde vor Beginn der offiziellen Feierlichkeiten zur Eröffnung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas riß der graue Berliner Himmel auf, ein scharfes Licht spielte über die gut zweieinhalbtausend Betonquader des Mahnmals, und den fünfzehnhundert Ehrengästen, die sich vorsorglich in einem Festzelt versammelt hatten, bot sich eine gefällige Aussicht auf das tiefgestaffelte, schattenreiche Betonensemble.
Es war eine denkbar passende Einstimmung auf die leise, ernste, beinahe versöhnlich intonierte Zeremonie. Denkt man noch einmal an die siebzehnjährige, nicht selten rabiate Debatte zurück, unter deren Eindruck das nun endlich eröffnete Holocaust-Mahnmal immer noch steht, dann ist es schon erstaunlich, wie einhellig, beinahe euphorisch die begehbare Skulptur von Peter Eisenman mittlerweile gelobt wird.
Am Ende ein Konsens
Nichts ist mehr von der Polemik, dem rhetorischen Gift, dem entschiedenen Willen zur Verletzung des Gegners zu spüren, der die Mahnmals-Diskussionen häufig so quälend machte und viele Teilnehmer verstörte. Es scheint fast, als habe der verschlungene Diskurs neben manchen Narben und Enttäuschungen schließlich doch auch einen Konsens darüber hervorgebracht, wie dieses erste Nationaldenkmal der Berliner Republik zu lesen, zu deuten sei.
So ist es gemeint, sagte Bundestagspräsident Thierse an einer Stelle seiner Ansprache über die dem Quaderfeld eingeschriebene Offenheit, die im besten Falle zum Denken anregt, ohne einen Gedanken vorzuschreiben, und die meisten Redner folgten ihm in dieser Interpretation, die der Architekt, mit mancherlei Variationen, von Anfang an angeboten hatte. Selbst wenn man die solchen Anlässen innewohnende Neigung zur Harmonie berücksichtigt, bleibt diese Einhelligkeit, dieses Unwidersprochene doch bemerkenswert, und die vorsichtigen Einwände, die Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegen die Namenlosigkeit der Opfer im Quaderfeld erhob (nicht ohne zugleich die Geste der Denkmalsetzung nachdrücklich zu loben), unterstrichen eher noch die Allgemeinheit der Zustimmung.
Die notwendigen Grenzen
Wahrhaft bewegend aber machte die Feierstunde nicht dieser momentane Einklang der versammelten Repräsentanten von Staat und Gesellschaft, ergreifend wurde der Festakt zur Eröffnung des Mahnmals erst, als sich wie nebenbei auch dessen notwendige Grenzen zeigten. Es war der Moment, als die nach Australien emigrierte Sabina van der Linden aus dem ehemaligen Polen davon erzählte, wie fest sie sich als halbwüchsiges Mädchen bei einer Selektion an die Hand ihrer Mutter geklammert habe und doch für immer von ihr getrennt worden sei.
Kein Kunstwerk wird jemals den Nachgeborenen so unvermeidlich die Tränen in die Augen treiben können wie ein solcher Bericht einer Davongekommenen. Das ist kein Monitum gegen das Denkmal. Nur ein neuerlicher Hinweis darauf, daß es an einer Schwelle errichtet wurde - an der Schwelle, die die sich ihrem Ende zuneigende Zeit der Zeugenschaft der Überlebenden von der Zukunft eines Erinnerns ohne die Dabeigewesenen trennt.
Text: wfg / F.A.Z., 11.05.2005, Nr. 108 / Seite 37
Bildmaterial: ddp
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