Nachrichtensender

Nur einer kann gewinnen

Von Jörg Thomann

05. April 2004 Eigentlich könnte das Verhältnis ganz entspannt sein. Die beiden deutschen Fernsehsender n-tv und N24 nämlich betrachten sich gegenseitig nicht als Konkurrenten. N24 etwa, erfährt man bei n-tv, sei schließlich gar kein richtiger Nachrichtensender. Peter Limbourg wiederum, der Chefredakteur von N24, sieht das Team von n-tv gerade im Begriff, "aus der Bundesliga in die Regionalliga" abzusteigen, und schickt den Kollegen ein "leises Servus" hinterher.

In Wahrheit belegen diese Freundlichkeiten natürlich, daß es mit der Beteuerung, einander herzlich egal zu sein, nicht weit her ist. Ganz im Gegenteil. Tatsächlich beobachten n-tv und N24 sich gegenseitig mit einem Eifer, der fast obsessiv anmutet. Das Lieblingsthema des einen Senders ist der andere, keine Presseerklärung wird verschickt, in der nicht ein Seiten- oder Frontalhieb auf den Kontrahenten abfiele. Der Verdacht liegt nahe, daß man so von eigenen Schwächen ablenken möchte. Besonders gut steht derzeit weder N24 noch n-tv da. Beide Sender haben im vergangenen Jahr deutliche Verluste gemacht; bei N24 werden elf Millionen Euro genannt, n-tv gibt keine Auskunft - in der Branche kursiert die Zahl zwanzig Millionen. Und beide Sender sind bemüht, ihr Programm zu überarbeiten, um in dem, wie N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann sagt, "harten Verdrängungswettbewerb" bestehen zu können.

Umzug und Stellenabbau bei n-tv

n-tv sollte eigentlich Grund zur Zuversicht haben. Die Gesellschafter CNN und RTL, denen n-tv je zur Hälfte gehört, haben beschlossen, dem Sender für zehn Millionen Euro ein brandneues digitales Sendezentrum zu spendieren. Der Haken: Es wird nicht am n-tv-Stammsitz Berlin, sondern in Köln stehen. "99 Prozent des aktuellen Wirtschafts- und Politikgeschehens spielen sich in Berlin ab", sagte ein n-tv-Sprecher im Juli 2002. "Da können Sie sich ausrechnen, wie klug es wäre, nach Köln zu gehen." Würde der Satz noch gelten, dann wäre n-tv gut anderthalb Jahre später dabei, eine Riesendummheit zu begehen.

Inzwischen aber gibt es bei n-tv nicht nur andere Sprecher, es haben auch andere das Sagen. Seit einem Jahr führt mit Johannes Züll ein Mann die Geschäfte, der diverse Stationen bei RTL durchlaufen hat, an dessen Seite es den Nachrichtenkanal nun zieht - in Köln wie in Berlin. Dort kommen die verbleibenden n-tv-Mitarbeiter in dem Haus unter, wo RTL sein Hauptstadtstudio hat. In Berlin bleiben nur die Politik-, die Talkshow- und Teile der Magazinredaktion, Chefredakteur und Geschäftsführer werden pendeln. Gäste aus dem Politbetrieb, die jetzt noch leibhaftig im Studio sitzen, werden künftig aus Berlin zugeschaltet. Mit dem Umzug ist auch ein Stellenabbau verbunden. Wie viele der etwa 270 Mitarbeiter n-tv verlassen werden, klärt sich erst in den nächsten Wochen und Monaten.

N24 wähnt sich im Aufwind

Bei N24 wird man die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, sich nach dem Abzug der Konkurrenz als Hauptstadtsender zu feiern. Ohnehin wähnt man sich hier im Aufwind; den Bruttowerbeumsatz habe man im Vorjahr auf 35 Millionen Euro mehr als verdoppelt, während n-tv ein Viertel auf 57 Millionen verloren habe, sagt Torsten Rossmann. Im laufenden Jahr liege man mit einem Marktanteil von 0,5 Prozent bei den Vierzehn- bis Neunundvierzigjährigen erstmals über ein Quartal gleichauf mit n-tv, obgleich dessen Programm noch immer deutlich mehr Zuschauer empfangen könnten. Und außerdem: "Wir sind vier Jahre auf Sendung, n-tv zwölf Jahre."

Bei n-tv rechnet man mit anderen Zahlen. Weil das Alter der Zielgruppe bei Nachrichtenkanälen von "eher nachrangiger Bedeutung" sei, zählt man bei den Marktanteilen die Zuschauer über neunundvierzig mit (n-tv: 0,6 Prozent im März, N24: 0,4). Die Zuschauer zwischen vierzehn und neunundzwanzig, auf die N24 so stolz sei, hätten "eher einen Hauptschulabschluß ohne Lehre als Abitur oder Studium" vorzuweisen, so Geschäftsführer Züll. Zudem "vergleicht N24 Äpfel mit Birnen". Während die meistgesehenen Sendungen bei n-tv Nachrichten- und Live-Formate seien, erziele N24 seine höchsten Quoten mit Dokumentationen. Die Titel der drei erfolgreichsten Februar-Dokus bei N24 zitiert n-tv genüßlich: "Die Sexualität des Menschen: Orgasmus", "Vorst0ß ins Unbekannte: Tsunami-Jäger" sowie "Die Sexualität des Menschen: Erektion".

Schwachpunkt Dokumentationen

Mit seinen Dokumentarfilmen, sechs am Tag, liefert N24 in der Tat die größte Angriffsfläche, obgleich man sich mit ihnen, wie Rossmann sagt, "gerade in den späteren Tagesstunden sehr gut im Wettbewerb" behaupte. Auch morgens und nachmittags jedoch füllt N24 Sendezeit mit teils enorm verstaubten Dokumentationen aus dem "Discovery"-Fundus; wenn n-tv über aktuelle Ausschreitungen auf dem Tempelberg berichtet und N24 zeitgleich über historische Schlachten um Byzanz, dann sieht der jüngere Sender ungleich älter aus. Wohl solche Konstellationen hatte der neue ProSiebenSat.1-Chef de Posch im Sinn, als er jüngst ankündigte, N24 einer "Totalrenovierung" unterziehen und an Vorbildern wie CNN und Fox News ausrichten zu wollen.

Torsten Rossmann spricht lieber von einer "Weiterentwicklung" des Programms. Der Doku-Anteil werde konstant bleiben, allerdings überprüfe man, wie man morgens und vormittags "noch mehr Nachrichten- und Wirtschaftsfläche schaffen" könne. Das freilich kostet Geld, und die Dokus sind vergleichsweise billig. Ebenso wie der kaum frischere, "etwas andere Rückblick auf die Top-Themen der vergangenen acht Jahre", den N24 spätabends präsentiert: alte Ausgaben der "Harald Schmidt"-Show, deren Wiederholung bei Sat.1 gefloppt ist. Der Versuch, durch Schmidt neue Zuschauer zu gewinnen, sei "bisher gelungen, wenn auch nicht spektakulär", sagt Rossmann. Und auch n-tv freut sich als braver Zögling über die neuen Programmfarben, die man dem Familienoberhaupt verdankt, etwa die Übertragungen des freien Trainings in der Formel 1 - in einer Saison freilich, die so langweilig ist, daß RTL getrost auch die Rennen selbst an n-tv abtreten könnte.

Neue Gesichter bei beiden Sendern

Erkenntnis ist der erste Schritt", spottet n-tv-Chef Züll über die erwartete Programmreform bei N24, das demnächst also seine "ersten zaghaften Gehversuche im Nachrichtengeschäft" wagen werde - und wer gerade mitansehen mußte, wie N24 die Bilder des Anschlags in Falludscha zunächst ausstrahlte, ohne die verkohlten Leichen zu verfremden, der möchte ihm fast recht geben.
Im Vergleich wirken die Nachrichten von n-tv solider; auch in zwölf Jahren aber ist es keinem der meist mitteljungen Sprecher in ihren grauen oder braunen Anzügen gelungen, zum News-Star a la Kloeppel oder Wickert aufzusteigen. Und wenn der Sender die Moderatoren seiner Talkrunde "2 + 4", die seit 1995 bei n-tv beschäftigte Leo Busch und den RTL-Pensionär Heiner Bremer, als "ein erfrischend neues Gastgeberduo" vorstellt, ist das keineswegs selbstironisch gemeint. Das mit Abstand bekannteste n-tv-Gesicht ist Sandra Maischberger, und die will die ARD gern exklusiv unter Vertrag nehmen; mit ihr, sagt Züll, sei man aber "in guten Verhandlungen". N24 verpflichtet derweil einen früheren n-tv-Talker nach dem anderen: Nach dem "Bild am Sonntag"- Chefredakteur Claus Strunz wird im Mai auch Lothar Späth eine Talkshow bekommen, Arbeitstitel "Standort Deutschland".

Von September an will n-tv vom neuen Kölner Hauptsitz aus senden; schon im Sommer erhält N24 ein neues Studio, das mehr räumliche Tiefe bieten soll. Frisch herausgeputzt werden sie dann ihren Zweikampf fortsetzen, der in Zukunft eher noch schärfer werden dürfte. Denn daß langfristig wohl nur Platz ist für einen von ihnen, in dieser Einschätzung sind sich die Gegner ausnahmsweise einmal einig.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2004, Nr. 14 / Seite 27

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