Esther Schapira im Gespräch

Unterstellt uns Steinmeier, dass wir lügen?

15. November 2007 Die Journalistin Esther Schapira wehrt sich gegen die Vorwürfe von Bundesaußenminister Steinmeier (SPD), sorglos recherchiert zu haben. Im Gespräch mit der F.A.Z. bekräftigt sie, der Rapper Muhabbet habe ihr gegenüber den Mord am niederländischen Regisseur Theo van Gogh gebilligt. Steinmeier hatte am Montag mit dem Rapper ein Lied aufgenommen. Das Außenministerium blieb auf Anfrage bei seiner Darstellung.

Frau Schapira, wie lief der Wortwechsel zwischen Ihnen und dem Rapper Muhabbet am Abend des 20. Oktober in Berlin ab?

Mein Kollege Kamil Taylan und ich wurden an diesem Tag mit dem „Prix Europa“ für unseren Film „Der Tag, als Theo van Gogh ermordet wurde“ ausgezeichnet. Ein Ausschnitt daraus wurde gezeigt, auch aus dem Film „Submission“ von Ayaan Hirsi Ali und Theo van Gogh. Beim anschließenden Empfang kam Jochen Kühling, der Manager von Muhabbet, auf mich zu und sagte: Filme wie unserer könnten dafür sorgen, dass Muslime generell unter Verdacht gestellt würden, radikal zu sein. Die Szenen hätten auf Muhabbet sehr kränkend gewirkt, nur mit Mühe habe er ihn davon abhalten können, bei seinem eigenen Auftritt darauf einzugehen. Dann kam Muhabbet selbst hinzu. Ich habe ihm gesagt: Wie ich höre, sind Sie sehr aufgebracht. Darauf antwortete Muhabbet, dass Van Gogh Glück gehabt habe, dass er so schnell gestorben sei. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er ihn erst mal in den Keller gesperrt und noch gefoltert.

Wie haben Sie reagiert?

Alle waren erst einmal wie erstarrt. Muhabbets Manager sagte: Das kannst du doch so nicht sagen, er war also selbst ziemlich fassungslos. Ich habe gesagt: So eine Aussage ist grotesk. Daraufhin erklärte Muhabbet, dass er jenen Ausschnitt aus „Submission“ besonders empörend fand, in dem Koran-Verse auf nackter Frauenhaut zu sehen waren, das sei eine ungeheure Beleidigung des Islams. Ich habe geantwortet, das würde eine Anzeige wegen Beleidigung rechtfertigen, aber nicht die Todesstrafe oder sogar Mord. Daraufhin sagte Muhabbet: Na ja, vielleicht hätte es gereicht, van Gogh zu foltern. Im Laufe des auch von Muhabbet völlig unaufgeregt geführten Disputs sagte er dann noch, dass Ayaan Hirsi Ali den Tod verdient habe, worauf ich wiederholte, so etwas sei völlig inakzeptabel. Herr Kühling hat schließlich vorgeschlagen, dass sie sich erst mal meinen Film anschauen, den beide nicht kannten, und wir dann in Kontakt treten. Es war eine Atmosphäre engagierter Debatte, kein dramatischer Schlagabtausch, es war auch kein Streit, niemand ist ausfallend geworden.

Und dann sehen Sie einige Tage später den Außenminister Steinmeier und seinen Kollegen Kouchner im Fernsehen, wie er mit Muhabbet rappt.

Nein, ich habe davon erst nur gelesen. Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob es jetzt nicht eine öffentliche Frage geworden sei, war mir aber immer noch nicht ganz sicher. Dann erfuhr ich, dass die „Tagesthemen“ für den Abend einen Beitrag planen. Da dachte ich: Jetzt musst du den Kollegen Bescheid geben, weil ich inzwischen erfahren hatte, dass auch der RBB und Radio Multikulti an der Geschichte recherchierten. Im Zuge der „Tagesthemen“-Recherche kam es zu einem langen Telefonat mit Herrn Kühling, bei dem ich ihn fragte, ob er bestreite, dass Muhabbet das gesagt hat. Nein, antwortete er, dass tue er nicht, er könne sich nur nicht mehr so genau an den gesamten Wortwechsel erinnern, weil er währenddessen mit Muhabbets Freundin gesprochen habe - er habe nur noch das Wort „Keller“ in Erinnerung.

Herr Steinmeier hat nach dem ARD-Beitrag um mehr Zurückhaltung und Sorgfalt bei der Recherche gebeten.

Das ist eine Unverschämtheit. Ich habe als Zeugin geschildert, was ich selbst gehört habe, dafür gibt es einen weiteren Zeugen, meinen Kollegen Kamil Taylan. Unterstellt uns der Außenminister, dass wir lügen? Warum sollten wir so einen ungeheuerlichen Vorwurf erfinden - um einem jungen Mann zu schaden, den ich vorher überhaupt nicht kannte? Wenn hier von mangelnder Recherche die Rede sein kann, dann seitens des Außenministeriums. Herr Steinmeier hätte mich ja anrufen können, bevor er ins Fernsehen geht.

Das vollständige Interview lesen Sie im Feuilleton der F.A.Z. vom 15.11.

Ein Fanal: Theo van Gogh

Der Filmregisseur Theo van Gogh wurde am 2. November 2004 in Amsterdam von einem sechsundzwanzigjährigen Niederländer marokkanischer Herkunft auf offener Straße erschossen, danach stach der Täter seinem Opfer das Bekennerschreiben mit einem Messer in den Bauch. Hintergrund war van Goghs Kurzfilm „Submission“, den der Regisseur gemeinsam mit der Politikerin Ayaan Hirsi Ali gedreht hatte. Er zeigt unter anderem eine verschleierte Frau, deren Haut von Peitschenhieben gezeichnet und mit Koranversen bedeckt ist. Nach dem Attentat kam es zu schweren Ausschreitungen. Ayaan Hirsi Ali lebt unter Polizeischutz.

Die Fragen stellte Tobias Rüther.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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