Von Michael Althen
25. November 2005 Man könnte jetzt Heiner Müller zitieren, der über die Paris Bar schrieb, wer hier eintrete, lasse alle Hoffnung fahren, daß er herauskomme, ehe es Morgen wird - und daß er noch der gleiche sei, der hineingegangen ist: Bis Mitternacht entspricht die Paris Bar, nach der Weltordnung Dantes, der oberen Hölle, die der Maßlosigkeit geweiht ist.
Im Morgengrauen beginne die untere Hölle, in der die Bilder an den Wänden zu sprechen beginnen. Hubert Fichte hat es noch knapper formuliert und sprach einfach von der besten Bar der Welt. Aber was der Alkohol diktiert, klingt nur noch halb so gut, wenn der große Kater kommt und Erinnerungen schal werden.
Eröffnung auf Insolvenz
Wer unbedingt zitieren will, müßte jetzt beim Amtsgericht Charlottenburg Einsicht nehmen in die Aktenzeichen 36 PIN 5784/05 und 36 LIN 7585/05. So lauten die Anträge auf Eröffnung einer Insolvenz, die der Geschäftsführer Michel Würthle für die Paris Bar in der Kantstraße und ihren im Nebenhaus untergebrachten Ableger Le Bar du Paris Bar gestellt hat. Es heißt, es bestünden Forderungen in Millionenhöhe. Das ist eben Gastronomie, könnte man denken, wo auf jede Erfolgsgeschichte ein Dutzend Pleiten kommt, aber dieser Fall liegt anders, weil die Paris Bar eine Institution ist, die sowohl die Anfeindungen enttäuschter Gäste und entsetzter Gastrokritiker überlebt hat als auch die Aufnahme in alle einschlägigen Reiseführer, was nicht selten genauso tödlich sein kann. Daß die Etikettierung als Künstlertreff und Prominentenlokal nicht zum Ausbleiben derselben geführt hat, lag dann wohl an einem bestimmten Flair, das Würthle und sein Kompagnon Reinald Nohal ihrem Lokal verliehen haben. Womöglich aber auch an jenem Westberliner Eigensinn, vor der Welt die Augen zu verschließen, weil man sich selbst schon immer genug war.
Aber im Berliner Westen ist die Welt eben schon länger nicht mehr zu Hause. Das Kempinski, in dessen Rücken die Paris Bar liegt, ist nicht mehr das erste Haus am Platz. Der Zoo-Palast ist nur noch eine Nebenspielstätte, seit die Berlinale an den Potsdamer Platz umgezogen ist. Auf dem Kudamm hat ein Kino nach dem anderen geschlossen, in den Nebenstraßen stehen immer mehr Läden leer, und wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, wieviel der einstige Prachtboulevard von seinem Glanz verloren hat, dann ist es die Eröffnung eines jener Billigmärkte, die man sonst nur in Steglitz erwarten würde. Dazu sind fast alle, die West-Berlin ein Gesicht gegeben haben, in den letzten Jahren gestorben: die Knef und Brigitte Mira, Juhnke, Pfitzmann, Buchholz. Nur Rolf Eden fährt noch wie eh und je in seinem Rolls-Royce den Kudamm rauf und runter.
Der Chef tanzte über die Tische
Die Paris Bar war ein Schaufenster, das jenen Alten Westen ins Weltläufige erweiterte, weil hier zwei Österreicher mit französischem Personal einen ganz eigenen Ton angaben und dabei von der Nähe zu den großen Hotels und Filmpremieren profitierten. Wenn Berlinale war und Würthle den Andrang selbst kontrollieren mußte, konnte es passieren, daß man plötzlich am Nebentisch von Leuten sitzt, die gerade noch auf dem roten Teppich von Fans belagert worden waren, und wenn man lange genug ausharrte, konnte man gelegentlich erleben, wie der Chef selbst zu französischen Chansons über die Tische tanzte. Alle, wirklich alle waren irgendwann mal da, aus Hollywood und sonstwo, aber nur der Schauspieler Otto Sander so regelmäßig, daß er es zu einem mit Messingplakette gekennzeichneten Stammplatz am Tresen gebracht hat. Vielleicht sagt es ja schon einiges darüber, wie sich die Gewichte in der Stadt verschoben haben, daß in den vorgezogenen Nachrufen die Namen einer Talkshowmoderatorin und ihres Frisörs als Ausweis für Prominenz herhalten müssen. Die Stammgäste aber scheint die Nachricht von der Pleite nicht sonderlich zu beunruhigen, vielleicht sind sie auch einfach nur müde geworden.
Am Mittwoch abend war jedenfalls alles wie immer, das Lokal gut besucht, die Blutwurst mit lauwarmem Kartoffelsalat eine verläßliche Größe auf der Speisekarte. Allenfalls wurden den Zeitungsverkäufern die Abendausgaben mit etwas mehr Interesse als sonst abgekauft, und verstohlen las mancher die Berichte über die Insolvenz unterm Tisch; aber es herrschte nichts von der künstlichen Aufgeregtheit, in die sich das Milieu sonst rettet. Immerhin sagte der Kellner zum Abschied: Keine Sorge, Monsieur, wir sind auch noch da, wenn Sie das nächste Mal kommen.
Von der Mitte an den Rand
Dies wäre nur die Chronik eines angekündigten Todes, wenn dabei nicht einige jener Zufälle zusammenkämen, die im Ergebnis mehr zu ergeben scheinen als die Summe ihrer Teile. Denn das Insolvenzverfahren der Paris Bar, die Würthle und Nohal 1979 auch noch ausgerechnet auf Anraten des Stammgastes Otto Schily übernahmen, wurde am selben Tag eröffnet, da Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt wurde und die zwei Hälften Deutschlands noch ein Stück weiter zusammengewachsen sind.
Die Paris Bar jedoch, die in der geteilten Stadt noch im Zentrum lag, ist wie der Alte Westen von der Neuen Mitte an den Rand gedrängt worden. Diesen Umstand konnte man sich eine Zeitlang vielleicht noch schöntrinken, aber irgendwann zeigte es eben doch Wirkung, daß Politik und Prominenz lieber in Mitte bleiben, wenn sie unter ihresgleichen gesehen werden wollen. Der Betrieb geht vorerst noch weiter, alle versichern, daß sie nur das Beste wollen, aber irgendwann wird die Kantstraße so tot sein, wie sie längst schon aussieht.
Manchmal hat man fast den Eindruck, daß sich wieder bewahrheitet, was Siegfried Kracauer schon zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise geschrieben hat: Zur Gräberstätte ist der Berliner Alte Westen geworden. Und der letzte macht das Licht aus.
Text: F.A.Z., 25.11.2005, Nr. 275 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb
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