Fragen Sie Reich-Ranicki

Von Anfängen und Enden

Welche erste und letzte Worte in Werken der Weltliteratur beeindrucken Sie ganz besonders? Hans F. Bremeyer, Dornhan

Über Luise Rinser mag Reich-Ranicki nicht mehr schreiben

Über Luise Rinser mag Reich-Ranicki nicht mehr schreiben

Reich-Ranicki:

Erste Worte:

Prinzessin: „Du siehst mich lächelnd an, Eleonore, / Und siehst dich selber an und lächelst wieder“ (Goethe, „Torquato Tasso“)

„München leuchtete.“ (Thomas Mann: „Gladius Dei“)

Letzte Worte:

Alkmene: „Ach!“ (Heinrich von Kleist, „Amphitryon“)

„Dort hat er eine alte Frau weinen sehen.“ (Rilke: „Cornet“)

Neulich hörte ich, Gerhart Hauptmann habe auch nicht-naturalistische Dramen geschrieben. Welche Werke sind das? Wodurch unterscheiden sich die einen von den anderen? Lea Klein

Da sollten Sie doch lieber Ihren Deutschlehrer fragen. Oder in einem Lexikon nachschlagen. Lassen Sie sich am besten den Unterschied erklären zwischen den „Webern“ und der „Versunkenen Glocke“.

Sehe ich es richtig, dass für einen Autor das Handlungsende ein besonders schwieriger Teil seines Werkes ist. Ist nicht oft – selbst bei ganz bedeutenden Werken – das Ende abfallend? Kurt Löwer, Offenbach

Das kann zutreffen – und es kann auch nicht zutreffen. Vergessen Sie bitte nicht, dass das Ende eines Romans oder eines Dramas nicht unbedingt am Ende der Arbeit des Autors an diesem Roman oder diesem Drama entsteht. Ist der Fortinbras-Auftritt, der den „Hamlet“ abschließt, „abfallend“ oder vielleicht eher ein Höhepunkt? Ist der Chorus Mysticus, der den „Faust“ abschließt, „abfallend“?

Wenn Sie an Shakespeare und Mozart glauben, also an die Schönheit, die Tiefe und die Dauerhaftigkeit ihrer Werke, glauben Sie damit nicht auch an Göttliches? Gerhard Bolzin, Waren (Müritz)

Nein, keinesfalls. Ich habe noch nie gehört, dass Götter „Romeo und Julia“ geschrieben hätten oder den „Don Giovanni“.

Hat es einen bestimmten Grund, dass Sie selten schreiben über Doderer, Broch und Albert Vigoleis Thelen? Aad van Maanen, Leiden / NL

Ja, das hat schon einen Grund. Wollen Sie, dass ich das erkläre, dass ich mich also rechtfertige? Nein, dazu sehe ich keine Veranlassung.

Ich besitze neunzehn Bücher von Ihnen. In keinem erwähnen Sie Luise Rinser. Warum nicht? Schätzen Sie ihre Bücher nicht? Walter Förster, Oftersheim

In meinem ersten in der Bundesrepublik veröffentlichten Buch „Deutsche Literatur in West und Ost“) – es erschien 1963 – ist ein ganzes Kapitel über den Roman „Die vollkommene Freude“ von Luise Rinser gedruckt. Lesen Sie bitte diesen Roman und meine Kritik, und Sie werden wohl verstehen, warum ich nie wieder Lust hatte, über ein Buch dieser Autorin zu schreiben.

Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT

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