01. April 2009 Der Schokoriegel ist schon immer ein Zeitgenosse der Krise gewesen. Ein Wegbegleiter, ein Trost. So ist es auch heute wieder. Die Leute rennen vermehrt in die Süßwarenläden; dafür, sagen sie, müsse auf alle Fälle noch Geld übrig sein, und jetzt eben erst recht: für ein kurzes, luxuriöses Glück, das nicht teuer ist, das nicht ins Gewicht schlägt - oder eben doch. Für Nervennahrung. Manche Geschäfte in den Vereinigten Staaten, so berichtete es gerade die New York Times, verzeichnen im Augenblick achtzigprozentige Umsatzsteigerungen. Und auch die Produzenten diesseits und jenseits des Atlantiks legen zu.
Man könnte sogar sagen: Der Schokoriegel ist ein Kind der Krise. Einer seiner berühmtesten Vertreter kam jedenfalls zur Welt in einer gebeutelten Zeit, die uns jetzt wieder einzuholen droht: Im Jahr 1923 führten ein Fabrikant aus Minnesota und sein Sohn eine neue Süßigkeit auf dem amerikanischen Markt ein. Das Land steckte in der Rezession: Sie begann im Mai 1923 und hielt bis zum Juni 1924 an; damit ist sie eine der längsten in der amerikanischen Geschichte gewesen. Der Riegel, der damals brandneu war, hat diese Rezession überdauert: Er heißt Milky Way.
Je unglücklicher, desto süßer die Zeiten
Die Deutschen lernten ihn erst 1961 kennen, dann allerdings unter einem anderen Namen. Bei uns heißt er Mars, wie die Familie seiner Hersteller. Was wir als Milky Way kennen, nennen die Amerikaner 3 Musketeers und ist seit 1932 im Handel. Die Familie Mars gehört bis heute zu den reichsten der Welt. 1930, gleich nach dem Börsencrash der Wall Street also, legte sie auch Snickers auf. Depression hin oder her: Damals schlug die Stunde der Schokoriegel. Vierzigtausend verschiedene Marken sollen in den zwanziger Jahren im Umlauf gewesen sein. Regelrechte Schokoladenverteilungskriege herrschten zwischen den Herstellern Mars und Hershey: The Chocolate Wars, so hat die amerikanische Journalistin Joel G. Brenner vor einiger Zeit ihr Buch über die beiden Konkurrenten und ihren Kampf um globale Märkte genannt.
Mars und Hershey sind für den amerikanischen Candy-Markt das, was General Motors, Chrysler und Ford für die Autoindustrie sind - nur dass sie bislang noch nicht in Washington um Geld betteln mussten. Und wie es aussieht, wird das die Schokoladenindustrie auch vorerst nicht tun müssen. Denn je unglücklicher, desto süßer die Zeiten. So scheint es jedenfalls.
Ein kontrolliertes Schokorisiko
Wie aber schmeckt der Riegel der Krise von 2009? Bis zu fünfhundert neue Snacks bietet die Industrie pro Jahr an: Swiss Chocolinos im Klick Böxli zum Beispiel oder Chocolate Volcanoes. Im Februar hat das Unternehmen Mars in Deutschland seinen gleichnamigen Riegel in anderer Form herausgebracht. Wieder ist Rezession - aber der Konzern betont, dass sein neues Produkt schon allein deshalb kein Kind der Krise sein könne, weil Innovationen heutzutage einen langen Vorlauf hätten, bevor sie auf den Markt kämen. Das neue Produkt heißt Mars Planets: drei Kugeln in einer Packung, aufgeteilt in Karamell, Kakaocreme und Keks. Jeder Happen ein anderer Planet: Das gibt dem Ausdruck Master of the Universe eine ganz neue Bedeutung.
Aber so dominant ist es nicht gemeint, im Gegenteil: Man folge hier, erklärt ein Sprecher, dem aktuellen Trend zum Teilen, wie ihn die Marktforschung seit einiger Zeit festgestellt haben will. Andere Anbieter wie Zentis oder Stollwerck sind dem Trend ebenfalls gefolgt. Psychologisch sind die sogenannten Multipacks, die sie vertreiben, interessant: Sie vermitteln das Gefühl eines kontrollierten Schokorisikos. Man schnürt größere Pakete und packt kleinere Portionen hinein, aber am Ende ist der Kunde trotzdem ruiniert, weil er, ohne dass er recht wusste, wie ihm geschieht, nach und nach alles geschluckt hat.
Die Boni des kleinen Mannes
Und doch: Was auf den Packungen steht, so hat es im Februar die Internationale Süßwarenmesse in Köln festgestellt, steckt auch drin. Phantasieprodukte würden keine angeboten, dafür sorgten fotorealistische Abbildungen. Auch das unterscheidet die neuen Süßigkeiten von der Finanzkrise, in der sie auf den Markt kommen. Und seit längerem schon steckt in den fotorealistischen Packungen auffallend oft Pfeffer oder Ingwer oder Chili, ummantelt von dunkler Zartbitterschokolade: Die ist, seitdem ihr nachgesagt wird, nicht ganz ungesund zu sein, sehr beliebt geworden, mehr und mehr auch bei Frauen, erklärt Alfons Strohmaier von Sweets Global Network, einem Verband, der die Branche beobachtet und bündelt. Strohmaier redet von dunkler, nicht von zartbitterer Schokolade, denn: Bitter, das will man nicht mehr hören.
Strohmaier sagt aber auch, dass es einen Hang zur Nostalgie gibt, zum Maître de Chocolatier samt weißer Haube, der einem Stück für Stück die gute alte Zeit zurückbringt und mit ihr ein Gefühl von Heimat und Aufgehobenheit. Er spricht von sehr heimeligen Sujets, von einem Gegenpol zur Realität. Auch das oft beschworene Wort vom Cocooning fällt, vom Rückzug in die eigenen vier Wände, zu dem Süßigkeiten auch gehörten, vor allem, weil sie preiswerter seien als Elektronik oder Möbel. Wirtschaftlich sei die Süßwarenbranche schon immer konservativ, diskret und vor allem oft in Familienhand gewesen, das komme ihr in der Krise zugute: Traditionsmarken, auf die Verlass ist bei der Flucht aus der Gegenwart.
Auf nichts haben die Menschen mehr Heißhunger als auf Schokolade, das wollen Forscher herausgefunden haben. Die Rede von der Nervennahrung und von beglückenden Stoffen in der Schokolade allerdings ist wissenschaftlich unbewiesen. Wenn überhaupt, dann entlastet Schokolade denjenigen, der sie mag, weil er sie mag, und zwar auch deswegen, weil er Schokolade meist zu besonderen Anlässen isst: Esse ich also Schokolade, muss irgendetwas in meinem Leben geklappt und funktioniert haben. Man spricht dann vom Belohnungssystem. Mit anderen Worten: Schokoriegel sind nichts anderes als die Boni des kleinen Mannes.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christian Thiel, ddp, DIETER RÜCHEL, picture-alliance/ dpa
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