17. September 2004 Reinhold Messner ist ein Phänomen. Physisch, psychisch und medizinisch sowieso. Aber auch kulturhistorisch. Denn er gewährt uns Einblick in die Entstehung des Mythos. Immer wieder unternimmt er Menschenunmögliches und löst selbstformulierte Aufgaben, die andere nicht einmal zu stellen in der Lage sind, weil sie zunächst jenseits aller Vorstellungskraft liegen.
Dabei hat es mitunter den Anschein, Messner stehle für die Menschen das Feuer vom Gipfel - häufiger aber erinnern seine Abenteuer an buchhalterisch konsequent erledigte Arbeiten auf dem Weg zur Unsterblichkeit. Ist er also Prometheus, oder ist er Herakles? Reinhold Messner ist bescheidener und nannte sich bei Gelegenheit Sisyphus. Nicht weil er sich als Frevler an Mensch und Göttern versteht, der ein ums andere Mal den Tod überlistet hat - sondern weil er zu keinem Ende findet. Im Sommer 1980 erlangt er nach der Rückkehr vom Mount Everest die kryptisch formulierte Erkenntnis, "daß ich den Stein, mich selbst, ein Leben lang wälzen kann, ohne je den Gipfel zu erreichen, wenn ich nicht selbst dieser Gipfel bin". Auf dem Weg zum Gipfel: Bei Messner erhält, was sonst bloß Routenbeschreibung ist, metaphysische Bedeutung.
Selbstquälerei und Selbstverschwendung
Zum zweiten Mal hatte er damals auf dem höchsten Punkt der Erde gestanden; diesmal allein - nach der ersten Solounternehmung überhaupt auf diesen Berg. Im Rucksack nur das Nötigste, stieg er auf, wo das Gehen "einmal mühsam, dann wieder die reinste Qual" ist, spurte sich ohne jegliche Sicherung entlang der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits seinen Pfad in den Schnee und tat wohl auch den einen oder anderen Schritt darüber hinweg. Selbstquälerei und Selbstverschwendung wurden zu Möglichkeiten der Selbstermächtigung. Es war ein Überlebenskampf, der ihn, wie er schreibt, "noch mehr zum Individualisten, vielleicht sogar Autisten gemacht" habe.
Unglaubliche Leistungen
Vermutlich war "Everest Solo" die größte Leistung in der nicht eben leistungsarmen Biographie dieses Grenzgängers - ein Begriff, den Messner erfunden hat, als ihm die Vokabeln "Bergsteiger" und "Abenteurer" nicht länger adäquat erschienen. Und was hat er geleistet! Die erste Durchsteigung der viereinhalbtausend Meter hohen Rupal-Flanke des Nanga Parbat, ebenfalls dort die erste Überschreitung eines Achttausenders und ebenfalls dort die erste Alleinbegehung eines Achttausenders, die erste Begehung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, die erste Achttausender-Doppelüberschreitung. Er hat als erster Mensch alle vierzehn Achttausender bestiegen und als zweiter den jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente. Erwähnen wir noch die Längsdurchquerung Grönlands, die Querdurchquerung der Antarktis und die schier endlose Wanderung durch die Wüste Gobi, von der er erst vor wenigen Wochen zurückgekehrt ist.
Was er geleistet hat, fordert nicht nur denen Respekt ab, die schon einer Etage wegen den Aufzug nehmen, sondern auch jenen, die selbst reichlich Achttausender in ihrem privaten Gipfelbuch stehen haben. Die Luft wird dünn in jenen Sphären, in denen Reinhold Messner sich bewegt. Und die Welt wird leer und leerer. So war sein Aushalten der Strapazen schon bald kein Wettbewerb mehr gegen andere Bergsteiger, sondern nur noch gegen sich selbst. Auf sportlicher Ebene sind seine Leistungen kaum zu messen, und so will er sie auch nicht verstanden wissen. Es geht um Höheres: um Erkenntnis. Nicht zuletzt um die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit.
Mißerfolg gehört dazu
Mit Nützlichkeit hat das nichts zu tun. Der Grenzgang als die Kunst, in den größtmöglichen Schwierigkeiten zu überleben, wird vielmehr zur reinen Lebensäußerung. Nie hat Messner deshalb einen Hehl aus gescheiterten Expeditionen machen müssen, denn als Scheitern hat er es keineswegs empfunden, daß er sich etwa ein Dutzend Mal vergebens auf den Weg zum Gipfel eines Achttausenders gemacht hat. "Stolz und unnachgiebig bin ich nur den Menschen gegenüber", schrieb er einmal, "der Natur ordne ich mich unter."
Todesnähe wird zur Sucht
Bescheidenheit zählte nie zu seinen Tugenden. Und natürlich fallen bei einem solchen Leben Vokabeln wie "Ehrgeiz" und "Eitelkeit", "Egomanie" und "Megalomanie" in Reihe. Er selbst hat in dem wohl wichtigsten seiner etwa fünfzig Bücher, "Nie zurück", sich und allen anderen Grenzgängern sogar einen pathologischen Befund ausgestellt. Nur allzuoft werde die Freiheit, aufzubrechen, wohin man will, zum Zwang. Todesnähe wird zur Sucht, und jeder Erfolg fordert in logischer Konsequenz den nächsten, größeren heraus, weshalb der Euphorie unmittelbar die Depression folgen kann. So hemmungslos lebten sie deshalb ihren Tatendrang aus, "daß im Tun Zweifel erst gar nicht groß werden können". Das überträgt sich auf viele Lebensbereiche. Mit entwaffnender Überzeugung sagt Messner denn auch, daß in den letzten dreißig Jahren die wesentlichen Aussagen zum Bergsteigen aus seinem Kopf und aus seiner Feder geflossen seien - und fügt hinzu, daß es heute niemanden auf der Welt gebe, der mit ihm auf die Bühne gehen könne, um über geschichtliche Themen, moralische Themen oder geographische Themen zum Bergsteigen reden zu können. Vielleicht läßt sich ein solches Leben gar nicht aushalten ohne Absolutheitsanspruch. Dabei scheut er sich nicht, das Leben an sich als absurd zu bezeichnen. "Sinn", sagt er, "entsteht durch das, was man tut."
"By fair means"
Vor allem einen Orientierungspunkt darf es deshalb im Weltbild des Reinhold Messners geben: den moralisch ungebundenen Übermenschen, den Friedrich Nietzsche als den sich selbst und seine Sinnsetzungen überwindenden Menschen definierte. Und noch in einem anderen Punkt überschneidet sich das Denken Messners mit demjenigen Nietzsches. Für Nietzsche verkörpert der Künstler die lebensbejahende Lebensform, die ästhetische Überwindung einer vernunftbestimmten Weltauffassung. Für Messner wird der Grenzgang zum Kunstwerk, zur Suche nach der vollendeten Komposition, nur für sich selbst von Bedeutung. Deshalb ist es ihm weniger wichtig, wohin jemand während seiner Expedition gelangt, als wie er dorthin gekommen ist. Die Parole des "by fair means", also möglichst ohne technische Hilfsmittel unterwegs zu sein, wird für ihn dabei zum Glaubensbekenntnis, ist aber auch Notwendigkeit, um die Gefahr stets zu erhöhen.
Messner hat viele Gesichter
Messner ist nicht nur Extremreisender und Extremdenker, sondern auch Bergbauer, Politiker und Berater von Managern, und er kämpft nicht nur gegen die Unbilden der Natur, sondern auch gegen Behörden, Vereine und verkrustete Strukturen. Momentan gründet er in den Dolomiten einen Ring von fünf Museen, und wie nebenbei hat er überzeugend die Legende vom Yeti entzaubert. Die Vergangenheit scheint ihm einerlei. Stets rennt er vielmehr neuen Visionen hinterher. Und doch steht über allem immer nur klischeehaft die Figur des hemmungslos narzißtischen Einzelgängers, dem kein Berg zu hoch und keine Wüste zu weit ist, um selbstberauscht der Banalität des risikolosen Alltags zu entfliehen. Messner lebt gut mit diesem Image und scheut sich nicht, es bis an den Rand des Erträglichen zu vermarkten. Wer er wirklich sei, sagt er, wisse hingegen niemand.
Schlimm ist das nicht. Denn es wird dies Bild sein, das überlebt. Vielleicht so lange, daß man eines Tages den Namen noch kennt - aber nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob es die Person je gegeben hat. So ist das mit dem Mythos. Heute aber wird Reinhold Messner erst einmal sechzig Jahre alt.
Bildmaterial: AP, dpa, Zentralbild
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