Von Thomas Karlauf
15. November 2007 Für die Hüter des kollektiven Gedenkens war es ein ungemütlicher Sommer. Als Tom Cruise am 19. Juli in makelloser Uniform aus der Maske kam, die schwarze Klappe über dem linken Auge, verschlug es wohl auch dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand die Sprache. Mit der Überhöhung des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg zum Kinoidol, so hatte er eine Woche zuvor im Tagesspiegel gewarnt, drohe ein gefährlicher Paradigmenwechsel. Die Person des sechsunddreißigjährigen Oberst i. G. sei dermaßen komplex, dass man ihre Charakterisierung auf keinen Fall den Drehbuchautoren in Hollywood überlassen dürfe.
Stauffenberg sei schon deshalb die falsche Identifikationsfigur, wurde drei Tage später an gleicher Stelle nachgelegt, weil er sich der Verschwörung gegen Hitler erst im allerletzten Moment angeschlossen habe. Nach ethisch-moralischen Kriterien eigne sich sein Gegenspieler Helmuth James von Moltke viel besser zum Vorbild; die Werte, denen dieser sich verpflichtet wusste - rechtsstaatliches Denken, weltoffener Liberalismus, tiefe Religiosität -, hätten ihn nicht nur früh zu einem überzeugten Gegner der Hitler-Barbarei werden lassen, sie seien auch noch heute aktuell. Ganz im Gegensatz zu jener eigenartigen Geisteswelt des Dichters Stefan George, in der Stauffenberg aufwuchs und aus der heraus er am 20. Juli 1944 zur Tat schritt.
Was war das geheime Deutschland?
Während Cineasten noch leidenschaftlich darüber diskutierten, ob Tom Cruise der Richtige sei, unseren Stauffenberg zu spielen, nutzte mancher Historiker die Gelegenheit, sich nicht nur von der Hollywood-Adaption, sondern unter der Hand auch gleich vom Vorbild selbst zu distanzieren. In der Oktober-Nummer der Blätter für deutsche und internationale Politik nahm Micha Brumlik das Erscheinen meiner George-Biographie zum Anlass, über Die Ikonisierung Stauffenbergs nachzudenken; offenbar gebe es zurzeit keine wichtigere Frage als die, was er rief, als er kurz nach Mitternacht im Hof des Bendlerblocks erschossen wurde: Es lebe das heilige, das geheiligte oder das geheime Deutschland. Stauffenbergs letzten Worten werde geradezu teleologische Bedeutung beigemessen.
Brumlik bezweifelte, dass mit dieser Tat aus dem Geist Georges wirklich ein Vermächtnis vorliege, das im Letzten die Staatsräson der Bundesrepublik ... mit imaginativer Kraft erfüllt, und verwies statt dessen auf den jüdischen Dichter Karl Wolfskehl, einen der engsten Mitstreiter Georges, der 1910 als Erster von einem Geheimen Deutschland gesprochen und ein Vierteljahrhundert später den deutschen Geist mit ins Exil nach Neuseeland genommen hatte: Wo ich bin ist Deutscher Geist. Vom anderen Ende der Welt lasse sich jedenfalls eher eine lebendige Überlieferung in die Gegenwart ziehen als über den 20. Juli.
Die Mutter ahnte es
Moltke gegen Stauffenberg, Stauffenberg gegen Wolfskehl, Tom Cruise für alle. Zwar wehrten sich die Traditionalisten heftig dagegen, die Georgeaner als Sekte zu bezeichnen und sie auf eine Stufe mit den Scientologen zu stellen, aber eine Antwort auf die Frage, worin die außergewöhnliche Bedeutung Georges für die Brüder Stauffenberg denn nun gelegen habe, blieben sie schuldig. Seit sie ihm im Mai 1923 vorgestellt worden waren - Berthold war achtzehn, Claus fünfzehn Jahre alt -, kannten die Brüder nur noch ein Ziel: so oft und so lang wie möglich mit dem Meister zusammen zu sein. Seit dieser Begegnung, so der Stauffenberg-Biograph Peter Hoffmann, stand zwischen den Stauffenbergs und der übrigen Welt eine unsichtbare Wand.
Die Mutter ahnte, dass ihren Söhnen von diesem Mann Gefahr drohte. Aus Sorge, sie an einen Knabenliebhaber zu verlieren, suchte die Gräfin Stauffenberg Mitte Juni 1923 den Dichter in Heidelberg auf, um sich persönlich ein Bild zu machen. George wohnte damals bei Ernst Kantorowicz, der soeben die Arbeit an seiner Biographie Friedrichs II. aufgenommen hatte, die vier Jahre später den Wahlspruch des George-Kreises populär machte: Seinen Kaisern und Helden: Das Geheime Deutschland.
Während im größeren der beiden Zimmer, die Kantorowicz in einer Pension über dem Schloss gemietet hat, George all seinen Charme spielen lässt, sich der Mutter als Pädagoge angenehm zu machen, spinnen hinter der großen Doppeltür, wo sich der junge Gelehrte in die mittelalterlichen Quellen vertieft, die Parzen den Lebensfaden der Söhne zu Ende: Das Geheime Deutschland - in diesem Zeichen werden sie sterben.
George war wie elektrisiert
War es nicht eine ans Wunder grenzende Fügung, so musste sich George fragen, dass die Stauffenbergs in ebendem Moment in sein Leben traten, als seine Visionen von einer neuen deutschen Jugend sich um die Figur des Stauferkaisers zu kristallisieren begannen? Kamen sie nicht aus Schwaben, dem Stammland der Staufer, war nicht schon ihr Name Verheißung? George war wie elektrisiert, und seine Erregung übertrug sich auf den gesamten Freundeskreis.
Kantorowicz beeilte sich, das historische Fundament zu legen. Friedrich II. sei zum End- und Erfüllungskaiser der deutschen Träume geworden, weil er wie kein anderer den Genius der Deutschen repräsentiere. Unter seiner Herrschaft habe sich in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts ein neuer Typus herausgebildet, in dem sich die besten Eigenschaften des germanischen Nordens mit mediterraner Leichtigkeit verbunden hätten: das Bild des deutschen Jünglings antiker Prägung. In kaiserloser Zeit gelte es - so die verschlüsselte Botschaft am Ende der Friedrich-Biographie -, den staufischen Traum eines europäischen Universalreiches noch einmal einzulösen.
Wenn es eine zukunftweisende Jugend in Deutschland gebe, meinte George ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches, so ist sie nur hier und bei mir. Am 4. Juli 1944 werden Berthold und Claus in einem Schwur, mit dem sie den Staatsstreich sittlich begründen, ebendiesen Glauben an die erste Stelle setzen: Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen.
Was zählt, war der Entschluss
Stolz und selbstbewusst stellten sich die Stauffenbergs in die vom Dichter geschaffene Genealogie. Wo blieben Ruhm und schönheit wenn nicht wir sie hätten / Des Staufers und Ottonen blonde erben, dichtete Claus im November 1923. Ein halbes Jahr später pilgerte Berthold zum Grab Friedrichs II. in Palermo und rief den Meister zum neuen Messias aus: Du bist als heiland dieser welt gesandt.
Die Geschichte besetzt, wer die Symbole deutet. Die Frage lautet nicht, wann und aus welchen politischen, militärischen und ethischen Motiven Stauffenberg 1943 zu der Einsicht gelangte, dass Hitler beseitigt werden muss. Entscheidend ist, dass er in dem Moment, wo er in ihm den Verderber der Nation erkannte, den Entschluss fasste, ihn zu töten, und diesen Entschluss mit Macht auch durchsetzte. Als die Mitverschwörer am 15. Juli 1944 zögerten und ihm die Tasche mit dem Sprengstoff entwendeten, weil sie es mit der Angst zu tun bekamen, registrierte Stauffenberg bitter, dass man, wenn es den unbedingten Mut und Willen zur allerletzten Konsequenz gilt - sich alleine sieht.
Ohne Stauffenberg, schrieb Joachim Fest zum fünfzigsten Jahrestag des Attentats, hätte sich der Widerstand aller Wahrscheinlichkeit zufolge im Glück seiner gedankenvollen Ausweglosigkeiten ganz und gar verloren. Dass die Bundesrepublik ohne die alljährliche Begehung des 20. Juli überhaupt zu irgendeiner Form des Umgangs mit diesem Teil ihres Erbes gefunden hätte, darf bezweifelt werden.
Zum Handeln gezwungen
Was legitimiert uns, einem solchen Mann seine bis in den Winter 1941/42 weitgehend ungebrochene Begeisterung für Adolf Hitler vorzuhalten und ihm das Recht auf Widerruf zu verweigern? Als Stefan George am 4. Dezember 1933 in Locarno starb - Claus von Stauffenberg organisierte die Totenwache -, schien für die Mehrheit der am Grab versammelten Freunde, sofern sie nicht Juden waren, die Realisierung dichterischer Visionen in greifbare Nähe gerückt. Weil das Regime seine ursprünglichen Ideale schmählich verraten habe - wird Berthold später im Gestapoverhör aussagen -, seien er und sein Bruder zum Handeln gezwungen gewesen. Dahinter stand die Grundüberzeugung aller Eliten, dass im Ernstfall die wenigen für die vielen sich opfern müssen, damit das Ganze gerettet werde.
George selbst hatte sich schon früh als einen Täter gesehen und stets das Tatmäßige seiner Dichtung betont. Verschwörung, Umsturz, Staatsstreich gehörten zu den zentralen Vorstellungen seines Weltbildes, die Tat war eine der wichtigsten Metaphern seines Dichtens. In diesem Ethos hatte George seine jungen Freunde erzogen und ihnen, die dramatischen Bilder der Sizilianischen Vesper 1282 beschwörend, als Losung mit auf den Weg gegeben: Ihr sollt den dolch im lorbeerstrausse tragen. Das georgesche Ethos der Tat ging für Claus von Stauffenberg Hand in Hand mit einer durch die Familie vermittelten hohen Auffassung vom Soldatentum; immerhin hatte einer der Vorfahren, August Neidhardt von Gneisenau, maßgeblich an der preußischen Erhebung gegen Napoleon mitgewirkt.
Wider den Fürsten des Geziefers
Im Moment, wo die Entscheidung zur Beseitigung des Diktators fiel, nahm sie für Stauffenberg den Charakter einer persönlichen Abrechnung an. Jetzt sah er in Hitler den großen Verführer, dem sie alle auf den Leim gegangen waren, den falschen Propheten, das Böse an sich. Der Fürst des geziefers verbreitet sein reich, / Kein schatz der ihm mangelt, kein glück das ihm weicht. / Zu grund mit dem rest der empörer! Georges großes Gedicht auf den Widerchrist wurde zum Déjà-vu der Verschwörung. Gern zitierte es Stauffenberg auch im Kreis der Kameraden, um ihnen das drohende Ende vor Augen zu führen: Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog, / Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof ... / Und schrecklich erschallt die posaune.
Wenn es stimmt, dass die Geschichte in lichten Augenblicken durch eine Handvoll entschlossener junger Männer entschieden werden kann, dann standen die Chancen am 20. Juli nicht schlecht. Aber vielleicht lag ja im Scheitern die tiefere Bedeutung. Der Täter, der ein Misslingen in Kauf nimmt, kann nur darauf hoffen, dass die Nachlebenden sein Handeln richtig interpretieren. Wir verneigen uns an diesem Tag vor Claus von Stauffenberg.
Thomas Karlauf publizierte in diesem Herbst Stefan George - Die Erfindung des Charisma.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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