Städteplanung

Haben die was an der Abrißbirne?

Von Dieter Bartetzko

13. Januar 2005 Öffentlicher Raum, Kommunikations-Forum, Verweilzone, Flaniermeile - das sind heute die hochtrabenden Worthülsen, unter deren Allerweltsglamour der Begriff für die Keimzelle, den Zentralnerv städtischen Lebens und städtischer Kultur verborgen ist: der Markt. Ein Paradebeispiel für jene Zentrifugalkraft, die ein Markt für das Entstehen und Schicksal jeder Stadt darstellt, ist Frankfurt am Main, entstanden und aufgeblüht als Umschlagplatz am Knotenpunkt europaweiter Handelswege zu Lande wie zu Wasser. Und aus noch immer demselben Grund heute eine Metropole Europas.

Was einst der weitläufige, pulsierende Römerberg mit seinen eng gedrängten Messeständen, Handelsbuden, Kaufmannsgewölben und Gauklerzelten war, sind heute der Flughafen mit seinen tausenderlei Treffpunkten und das gigantische Messegelände, auf dem alle Welt handelt und kommuniziert. Eine Institution aber, in der das alte und das heutige Frankfurt eine einzigartige Verbindung eingegangen sind, ist Frankfurts Kleinmarkthalle - Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst und Pflanzen des Orients, aus Fernost und Deutschland werden hier angeboten.

1953 geplant von Gerhard Weber

Türkische Metzger, italienische Weinhändler und Sachsenhäuser Gärtner verkaufen hier, Rentner und Bankiers, Hausfrauen und Maklerinnen, Studenten und Jungunternehmer sind ihre Kunden, mit denen sie reden und die untereinander ins Gespräch kommen. Schauplatz dieser unersetzlichen, gleichermaßen klein- und weltstädtischen Szenerie ist ein Bau der fünfziger Jahre. Er entstand 1953 nach Plänen des Architekten Gerhard Weber, der 1949 die Rotunde des Hessischen Rundfunks geschaffen hatte, ein modernes Zitat der Paulskirche aus Glas und Rotsandstein, in dem ursprünglich das Parlament der neuen Bundesrepublik hätte tagen sollen.

Auch die Kleinmarkthalle war in ihrer Entstehungszeit ein bewundertes Beispiel für neues Bauen - ein Pultdach ohne innere Stützen, eine durchgehende geschrägte Glasfront, Raum für Dutzende Marktstände zu ebener Erde und weitere in einer einhüftigen Galerie samt Gaststätte sowie im Untergeschoß. Das Gebäude erhob sich in der Trümmerwüste der südlichen Altstadt. Nur ein nobles Barockhaus hatte dank der Tatkraft seiner Besitzer am benachbarten Liebfrauenberg, dem zweitwichtigsten Platz der Altstadt, erst die Bomben der Alliierten und dann die Abrißbirnen der Wiederaufbauer überstanden. Dazu die namengebende Liebfrauenkirche, ein gotisches Kleinod, das Kapuzinermöche trotz schwerster Bombenschäden gegen den anfänglichen Widerstand der Stadt restauriert haben.

Brandmauern klaffen noch heute

An der Südseite der Kleinmarkthalle wurde eine breite Ost-West-Achse durch das vorherige altstädtische Gassengewirr geschlagen. Parallel zur Markthalle entstand dabei ein großzügiger Neubau. Kammartig angeordnet, wechseln drei hohe Wohnblocks und verbindende eingeschossige Ladenzeilen einander ab. An der Rückseite, zur Markthalle, schließen sich kleine Pavillons und Innenhöfe an - Rudimente eines ehrgeizigen, später aufgegebenen Plans, Kunsthandwerker und Künstler in Ateliers anzusiedeln, um den Ort zum ideellen und kulturellen Brennpunkt des neuen Frankfurt werden zu lassen.

Allmählich, nicht zuletzt dank der neuerlich restaurierten Kirche samt dem Barockhaus, vernarbte das zerfetzte städtebauliche Gewebe. Recht und schlecht allerdings nur, denn längs der Nordseite der Kleinmarkthalle klaffen noch heute Brandmauern und unbebaute schmale Grundstücke. Doch man arrangierte sich, und in den letzten Jahren wurde sogar das zum Liebfrauenberg gewandte Entree der Halle, zuvor ein Hinterhof, durch Restaurantterrassen, ein Denkmal und Treppenpodeste zu dem, was Stadtplaner eine Verweilzone für Passanten und Touristen nennen.

Bauch von Frankfurt

Genau dort will dieselbe Stadtplanung nun zuschlagen: Die Kleinmarkthalle, längst unter Denkmalschutz gestellt, soll samt der angrenzenden Wohn- und Ladenzeile abgerissen werden, um einem neuen attraktiven Stadtteil - Titel: Bauch von Frankfurt - zu weichen, in dem der Markt dann im Erdgeschoß eines Bürogebäudes residieren würde.

Über die Dauer der Bauarbeiten und Zwischenlösungen äußern sich Frankfurts Planungsdezernent Edwin Schwarz und die Investoren, die stadtnahe „Frankfurter Aufbau AG“, kaum. Dafür aber legt man farbige Computeranimationen vor. Sie zeigen sonnenbestrahlte Kuben mit steinverkleideten Rasterfassaden und wuchtig-kantigen Pfeilerarkaden, Einheitsraster im momentan gängigen, klassizistisch angehauchten Stil der zweiten Moderne.

Monofunktionelle Einöde

Daß mit einer solchen Maßnahme eine letzte vitale Insel in Frankfurts Zentrum, das längst zu monofunktionellen Einöden, Gespensterarealen und Dauerbaustellen heruntergewirtschaftet ist, zerstört würde, scheint den Planern ebenso unwichtig zu sein wie die Tatsache, daß aus der vorhandenen Bausubstanz bei einfallsreichem, schonendem Umbau und mit Nachverdichtung ein wunderbares Quartier entstehen könnte. Stadthäuser wären denkbar, die die schmalen Brachen füllen, dazu die Revitalisierung der Pavillons, in denen dann tatsächlich Ateliers und Werkstätten eröffnen könnten, auch das Wiederverwenden von Bruchstücken der Altstadt, die in städtischen Magazinen lagern. Alles, nur nicht das kurzsichtige und übereilte Plattwalzen des Vorhandenen im Namen eines angeblich besseren Neuen.

Seit der im Wiederaufbau vollendeten Selbstvergottung der Stadtplanung und der Architektenschaft, die ihrerseits immer mehr ans Gängelband der Investoren geraten sind, lautet eine Grundregel des Städtebaus, daß städtisches Leben, Dichte und Nutzungsmischung nur dort andauern oder sich entwickeln, wohin der Blick von Planern und Investoren nicht fällt. Doch deren Augen sind unermüdlich. Gerät ein attraktiver Standort einmal ins Visier, ist er verloren.

Einzigartige Dickfelligkeit

Die Kehrseite dieser Begehrlichkeit ist die Apathie, mit der man bedrohte Areale behandelt, denen aufzuhelfen keinen unmittelbaren Gewinn verspricht. Dafür bietet Frankfurt Beispiele in Hülle und Fülle. Die leerstehenden Großbauten des Degussa-Konzerns nahe dem Schauspielhaus, die niemand übernimmt. Den Waschbetonkoloß des Technischen Rathauses unmittelbar neben Dom und Römer, der seit Jahren abgerissen oder tiefgreifend umgebaut werden müßte. Den denkmalgeschützten ehemaligen Bundesrechnungshof von 1954 an der Paulskirche, der ein Hotel werden soll, aber nicht wird. Die riesige Abrißbrache des Telekomgeländes an der Zeil, um deren Wiederbebauung man zittert.

In jeder Großstadt unserer wirtschaftlich in die Knie gegangenen Republik sind ähnliche Mißstände zu beklagen. In Leipzig beispielsweise, wo der Alte Markt im Namen neuer Attraktivität umgepflügt wird, derweil innerstädtische Gründerzeitzeilen zum Abriß freigegeben werden, oder in Köln, das ohne Not sein Opernhaus abreißen und an anderer Stelle neu errichten will. Nur die Dickfelligkeit und Ignoranz, mit der Frankfurt seine Fehler nicht wahrhaben will, sondern vergrößert, sind einzigartig.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.2005, Nr. 11 / Seite 33
Bildmaterial: F.A.Z./Helmut Fricke

 
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