Frankfurter Buchmesse 2004

Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz

Von Felicitas von Lovenberg

11. Oktober 2004 Nachts, wenn Autoren und Verleger, Agenten und Journalisten, Lektoren und Übersetzer sich an Hotelbars und auf Empfängen tummeln, wäre eigentlich die beste Zeit, um die Buchmesse zu besuchen. Eingesperrt mit all den Büchern, ließen sich fernab von Jubel, Trubel, Heiserkeit Entdeckungen machen, für die im Gedränge wenig Zeit und Platz bleibt.

Man könnte Josephines herrlichen "Jardin de la Malmaison" in der Auslage von Prestel bewundern, würde sich bei Manesse eine Weile in die Neuübersetzung von Fieldings "Tom Jones" vertiefen und, nach konzentrierter Schillerlektüre bei Insel und Hanser, im Morgengrauen die von Dietrich Grönemeyer empfohlenen Übungen für eine bessere Haltung machen ("Mein Rückenbuch" bei Zabert Sandmann).

Noch weniger Zweitbücher

So ließen sich sinnliche, haptische Eindrücke gewinnen, wie Google Print sie niemals vermitteln wird: Mit der neuen, auf der Messe vorgestellten Internet-Suchmaschine werden sich demnächst Bücher nicht nur nach Schlagworten, sondern auch nach Inhalten durchforsten lassen. Amerikanische Häuser wie Penguin, Warner Books, Scholastic und Houghton Mifflin haben ihre Teilnahme bereits zugesagt, während Peter Olson von Random House seine Bücher erst scannen lassen will, wenn die Urheberrechtsfrage geklärt ist. Der Trend zur Anschaffung eines Zweitbuchs dürfte mit Google Print in vielen Haushalten dennoch weiter zurückgehen.

Das meiste, was man von dieser Buchmesse mitnimmt, ist erhascht, sind Ereignisse und Eindrücke von Augenblicken, Beobachtungen unter Menschen, die sich unbeobachtet fühlen. Da hastete einer am Stand eines großen Publikumsverlags vorbei, den Blick navigierend zu Boden gerichtet, das Handy fast panisch ans Ohr gedrückt: ein wichtiges Gespräch oder doch eher ein Vorwand, um nicht angesprochen zu werden?

Wer sich umsah, dem bot sich ein Schauspiel gespielter oder echter Wiedersehensfreude, mühsam gezügelter Ungeduld auf den Rolltreppen oder der dauernden Verzweiflung über das lückenhafte Namensgedächtnis. Eigentlich sind schon vor dieser Messe alle müde gewesen, die Buchmacher, die Buchleser, das ganze Land. Wo früher politische und theoretische Debatten die Messe bestimmten, pilgern heute auch die - gewohnt zahlreich angereisten - Politiker inzwischen lieber zu Dietrich Grönemeyer: Bevor einzelne Rückgrat zeigen können, muß wohl ganz Deutschland der Rücken gestärkt werden.

Spannung im Vorfeld

Dabei hatte es so ausgesehen, als ob dies eine besonders spannende Messe werden würde, mit der arabischen Welt als Gastland, der weiterhin prekären wirtschaftlichen Situation der Branche, den neuerlichen Revirements in der Messeleitung und nicht zuletzt im Hinblick auf die Spitzentitel für das alles entscheidende Weihnachtsgeschäft. Zwei Entwicklungen waren schon vorher zu wichtigen Messethemen ausgerufen worden: Der Erfolg von jungen, auf wenige Titel setzende Verlagsgründungen wie SchirmerGraf oder KOOKbooks, und die neuen Buchpreise, die der Leipziger und der Frankfurter Messe ab nächstem Jahr neue Aufmerksamkeit verschaffen sollen. Spätestens am Donnerstag mittag, als die Nachricht vom Nobelpreis für Elfriede Jelinek kam, schien es, als hätte die Messe ihre diesjährige Kontroverse gefunden.

Statt dessen war es der ruhigste Branchentreff seit Jahren. Der künstliche Hype um Prominentenbücher wie die Erinnerungen der achtundzwanzigjährigen Franziska van Almsick hielt sich in Grenzen, keine heiß gehandelten Gerüchte wie der astronomische Vorschuß für Woody Allens Memoiren im letzten Jahr machten die Runde. Selbst Elfriede Jelinek scheint konsensfähig: Klaus Reichert, Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, brachte die begeisterungslose Zustimmung vieler auf den Punkt, als er die Wahl als Entscheidung "für die Politik, gegen die Poesie" bezeichnete.

Elan für neue Projekte

Verhaltener Optimismus war das vorherrschende Temperament; die Verlage scheinen sich auf die insgesamt sinkenden Verkaufszahlen eingestellt und die Kosten gedämpft zu haben, so daß sich mit Elan neue Projekte angehen lassen. Der Bestsellererfolg ist wichtiger denn je, war aber nie schwerer vorherzusagen. Bei Kiepenheuer & Witsch sind Benjamin Sicks gesammelte Sprachkolumnen "Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod" ein solcher Überraschungserfolg, als Taschenbuch deutlich erschwinglicher als Humboldts "Kosmos" bei Eichborn, der es trotz stattlicher neunundneunzig Euro auf die Bestsellerlisten geschafft hat. Bei Hatje Cantz hatte man ungewohnte, doch erfreuliche logistische Probleme: Weil die Berliner Nationalgalerie nur Lagerplatz für dreitausend Kataloge zur MoMa-Schau hatte, mußte ein Sonderlieferant in der Nähe Berlins alle paar Tage für Nachschub sorgen.

Ausnahmslos gut besucht waren die Veranstaltungen zur arabischen Welt. Wohl nie zuvor hat ein Schwerpunkt der Buchmesse solches mediales Interesse erregt. Die arabischen Autoren, die sich mit zum Teil erstaunlicher Offenheit über die schwierigen Arbeitsbedingungen und die Zensur in ihren Ländern äußerten, nutzen vor allem die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Zwar hatte die Polizei nach einer Beschwerde des Simon-Wiesenthal-Zentrums über volksverhetzende Äußerungen mehrere arabische Bücher beschlagnahmt, doch blieb es auch nach den kaum diskutierten Anschlägen in Ägypten in Frankfurt ruhig.

Unsichtbarer rechter Rand

Der rechte Rand war fast unsichtbar oder hatte sich auf Militaria beschränkt. Jedenfalls war nichts Rechtsradikales in Buchform zu entdecken. Der Hartz-Protest, der NPD und DVU bei den letzten Wahlen so genützt hat, schlägt sich zwischen Buchdeckeln offenbar noch nicht nieder. Das Gerücht, man werde Hitler zu lesen bekommen, stellte sich als harmlos heraus, weil der Revolver-Verlag, der Hitlers "Reden zur Kunst" herausbringt, nicht das ist, was sein Name vermuten läßt, sondern ein seriöser Kunstverlag. Das Vorwort zu den Hitler-Reden, die in Auszügen bereits vor ein paar Jahren im Katalogheft zur pädagogisch-historischen Rekonstruktion der Ausstellung "Entartete Kunst" zu lesen waren, hat der unverdächtige Boris Groys geschrieben.

Auch das "Showcase" der Frankfurter Verlage am Hauptbahnhof bot nichts Sensationelles - außer einem unerwarteten Lieblingsautor der Massen: Im Verlauf von nur zwanzig Minuten, die man in der kleinen Ecke verbrachte, welche sich Suhrkamp und Eichborn teilen, interessierten sich mindestens fünf Menschen, meist erkennbar eilige Bahnreisende, für den noch gar nicht so lange bei Suhrkamp erhältlichen Hitschriftsteller Arno Schmidt und sein "KAFF".

Einer der wenigen gesprochenen Sätze, die einen weiterbringen, fiel am Freitag abend. Er stammt von der furchtlosen, doch keineswegs abgebrühten "Spiegel"-Reporterin Carolin Emcke. Auf die Frage, warum sie trotz der Gefahren immer wieder an die Krisenherde reise, erwiderte sie: "Man ist schließlich nicht zum Spaß auf der Welt." Ihre Briefe "Von den Kriegen", eines der aufregendsten, beunruhigendsten und erhellendsten Bücher dieses Herbstes, sind eine geistige Rückenschule für all jene, die der Vergeblichkeit zu trotzen bereit sind.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2004, Nr. 237 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

 
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