Landbordelle in Spanien

Kein Wohnzimmer wie andere

Von Paul Ingendaay (Text) und Frank Röth (Fotos)

Der Club Night Star an der N 301 bei Kilometer 190 südöstlich von Madrid

Der Club Night Star an der N 301 bei Kilometer 190 südöstlich von Madrid

08. September 2009 Manchmal, wenn über dem Reisenden auf Spaniens Landstraßen und Autobahnen die Nacht hereinbricht, leuchtet in der Ferne ein einsames Licht. Eine Tankstelle, mag der Unbedarfte denken. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich um ein Bordell handelt, und wenn das Licht bunt ist und blinkt, spricht alles dafür. Praktischerweise gibt es auf spanischen Autobahnen immer wieder Nebenstrecken, die vías de servicio, an denen sich Gewerbe ansiedelt. Der Dienstleistungsgedanke erstreckt sich auch auf jenes, von dem man in soziologischen Untersuchungen lesen kann, zur Franco-Zeit habe es jede siebenundzwanzigste Frau ausgeübt, und mehr als die Hälfte aller spanischen Männer sei so erstmals mit den grundlegenden Tatsachen des Lebens in Berührung gekommen.

Die Häuser, von denen die Rede ist, haben zwei Gesichter. Bei Tag sind sie schmucklose Nutzbauten im Nichts einer endlosen Landschaft, meist isoliert, denn dort, wo sie sind, ist kaum etwas anderes. Nachts dagegen, wenn alle Schalter umgelegt sind, sehen manche von ihnen aus wie große Flipperautomaten mit Christbaumschmuck. Zur Stunde der Dämmerung erlischt die triste Fassade. Rote, gelbe, grüne Neonröhren zaubern ein neues Haus dorthin, künstliche Sterne funkeln, eine Palme aus Licht streckt ihre Blätter in die laue Nacht hinaus. Neben dem rosafarbenen Flamingo, der von der Exotik anderer Kontinente kündet, wird der Name des Etablissements lesbar, und jetzt, nach der Verwandlung, zählen nur noch der Trost, die Wärme, die Gesellschaft, die das verwunschene Haus seinen Besuchern verheißt. In der Mancha zum Beispiel, zwei Stunden südöstlich, haben sich auf einem strategisch wichtigen Landstraßenabschnitt zwischen Madrid und Alicante nicht weniger als sechs Bordelle angesiedelt. Es ist die ideale Stelle, um den Transitverkehr abzugreifen.

Ort der Freiheit

Soeben erschienen in der Zeitung „El País“ explizite Fotos, die Prostituierte im Rotlichtviertel von Barcelona auf offener Straße bei der Ausübung ihres Gewerbes zeigen. Gegen das ausufernde Lustgeschäft, das in Spanien ohnehin stärker akzeptiert ist als im nördlichen Europa, regte sich unter den Anwohnern scharfer Protest. Doch nur wenige Stunden später verklärte der Schriftsteller Juan Goytisolo die schmuddelige Unterseite Barcelonas öffentlich zum Ort der Freiheit und der nicht nur sexuellen Entgrenzung; kein Wunder, denn Goytisolo sang in der sündigen Stadt seiner Jugend eine Hommage an den literarischen Tabubrecher Jean Genet.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit allerdings ist weniger romantisch. Spanien duldet die Sexarbeit aus alter Tradition und schaut lieber nicht so genau hin, wie sie vonstatten geht - und auf wessen Kosten. Die seriösen Tageszeitungen, einschließlich des konservativen, üblicherweise hochgeschlossenen „ABC“, verdienen mit täglichen Kontaktanzeigen viel Geld, eine Einnahmequelle, die nur das vor zwei Jahren gegründete Blatt „Público“ nicht anzapfen mag. Aus moralischen Bedenken.

Gewöhnlich und alltäglich

Nach Erhebungen der Guardia Civil kommen mehr als achtzig Prozent der Frauen, die in den „Clubs“ an der Landstraße arbeiten, aus dem Ausland, und ein beträchtlicher Teil von ihnen wird Opfer von Menschenhandel und Erpressung. Über das genaue Ausmaß fehlen verlässliche Zahlen, doch jede Archivrecherche fördert Monat für Monat Geschichten von aufgeflogenen Banden zutage, die mit dem kriminellen Frauentransport von Schwarzafrika, Osteuropa oder Lateinamerika nach Spanien fette Gewinne machen. Auch die Übergänge zwischen dem Prostitutionsmilieu und der Drogenszene sind erfahrungsgemäß fließend. Was die Prostituierten selbst denken, sofern sie reden, ist kaum auf einen Nenner zu bringen. Die einen warten auf ihre Befreiung; andere fordern die „Regulierung“ ihrer Arbeit und die Anerkennung des Sozialstaates; und wieder andere reklamieren Respekt für eine angeblich frei gewählte Tätigkeit und verbitten es sich, zu den Opfern gezählt zu werden.

Leider kann man Männer, die ihre anheimelnd beleuchteten Stammlokale ansteuern, schlecht fragen, wie sie die Sache sehen. Aber dass manche von ihnen mit dem Bordellbesuch etwas Gewöhnliches und Alltägliches verbinden, zumal auf dem Land, wo sonst wenig passiert, das konnten wir selbst feststellen. Sechs Euro für ein Bier genügen, um sich an den Tresen zu setzen und die Szenerie eines normalen Wochentags kurz vor Mitternacht zu erleben. Die Bar ist zu groß für die paar verirrten Seelen, die hier auf das Ende der Krise warten. Knapp bekleidete Frauen sitzen auf Barhockern, als wären sie auf dem Dorfplatz, unterhalten sich oder hantieren mit ihren Telefonen. Es sei ein Beruf wie andere auch, sagen die Abwiegler, und auf den ersten Blick mag das stimmen. Das Ambiente hat nichts Verruchtes, und niemand spricht uns an. Wer wollte etwas dagegen haben, dass ein paar Männer an der Bar bereit sind, für die angenehme Gesellschaft der Damen drei Euro mehr für ihr Bier zu bezahlen? So, wie sie gucken, könnten sie jeden Abend hier sitzen. Ja, das Bordell sieht aus wie ihr Wohnzimmer. Das andere, das Eigentliche, werden wir nie erfahren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

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