Bayreuth

Zärtliche Schwestern

Von Julia Spinola

14. April 2008 Ein seit Jahren erbittert geführter Kampf scheint beendet, das harte Herz eines bald neunundachtzig Jahre alten Starrkopfes erweicht, die Zeit der clan-internen Schlammschlachten um die Macht auf dem Grünen Hügel vorbei und die Zukunft der weltweit renommierten „Richard Wagner Festspiele“ gesichert. Dies ist der Tenor, der die neuesten Meldungen aus Bayreuth begleitet. Man verkündet die frohe Botschaft für alle Wagnerfreunde und krönt sie mit dem Sahnehäubchen eines familiäres Rührstücks, das von der Versöhnung des alten Patriarchen mit seiner einst so böse verstoßenen Tochter Eva aus erster Ehe erzählt: Alles wird gut!

Doch hinter dieser Fassade, die ein Bild edler Nächstenliebe und den längst überfälligen Sieg des gesunden Menschenverstandes zeigt, sieht es weniger rosig aus - auch wenn einzelne Beteiligte selber an sie glauben mögen.

Man beugt sich Wagners Willen

Denn was ist geschehen? In einer Verkettung wechselseitiger Erpressungen, inoffizieller Absprachen und vorab getroffener Entscheidungen steuern die Mitglieder des Stiftungsrates auf eine Kompromisslösung zu, deren Logik die Logik des kleinsten gemeinsamen Nenners ist. Hatte es vor einem Jahr noch vollmundig geheißen, man könne sich von Wolfgang Wagner die Entscheidung darüber, wer die Festspiele nach seinem Abtritt leiten werde, unmöglich aufzwingen lassen, so scheint jetzt genau dies zu passieren: Man beugt sich seinem Willen, indem man das von Nike Wagner gemeinsam mit Eva Wagner-Pasquier vorlegte Konzept von vorneherein als hinfällig erklärt, mit der Begründung, der alte Wagner würde sich darauf niemals einlassen.

Da es bislang dummerweise jedoch das einzige Konzept ist, das vorliegt, wurde kurzerhand ein weiteres in Auftrag gegeben bei Kandidaten, die man meint eher durchsetzen zu können. Und man tüftelt schon vor der Sitzung schon einmal aus, wie man jene Satzungsklausel umgehen kann, die eine viermonatige Bewerbungsfrist der Kandidaten fordert, damit man die erstrebte Lösung Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner zu inthronisieren, am 29. April gleich durchwinken kann.

Finanzielle Daumenschrauben

Um den Hügel-Patriarchen überhaupt von der Notwendigkeit eines solchen Kompromisses zu überzeugen, wurden die finanziellen Daumenschrauben angesetzt: Das zu großen Teilen durch die letztjährige „Meistersinger“-Produktion seiner Tochter Katharina gerissene Finanzloch werde man nur stopfen, wenn er rechtzeitig, also vor der nächsten Sitzung, seinen Rücktritt erkläre. Im Gegenzug versichert man Wolfgang Wagner zu, dass seinem Willen in der Stiftungsratssitzung willfahren werde und führt entsprechende Vorausgespräche.

Alle diese im Sinne des formalen Verfahrens mehr als zweifelhaften Schritte werden mit dem Hinweis auf die dringende praktische Notwendigkeit einer schnellen Lösung rechtfertigt: Seit dem Tod Gudrun Wagners, die schon seit längerer Zeit die Fäden in der Hand hielt, scheinen die Festspiele faktisch führungslos zu sein. Wolfgang Wagner agiert nur mehr über seine Anwälte. Der offenbar akute Handlungsbedarf steht jedoch in krassem Widerspruch zur fiktiven Ewigkeitsgarantie von Wolfgang Wagners Führungsanspruch. Anders als die geltenden Regeln des Verfahrens scheint diese Garantie den Stiftungsratsmitgliedern sakrosankt zu sein. Und in deren Sinne glauben sie, sich über Klauseln und Fristen und eingereichte Konzepte einfach hinwegsetzen zu dürfen.

Feudalistische Intrigenwirtschaft

Dies ist der eigentliche Skandal der frohen Botschaft aus Bayreuth - völlig unabhängig davon, ob man persönlich eher der Allianz Katharina/Thielemann/Ruzicka oder Katharina/Eva oder Eva/Nike zuneigen möchte. Die dynastische Konstruktion der Festspiele als ein Unternehmen, das von der öffentlichen Hand gefördert wird, hat ihre Legitimation ausschließlich in der Durchsichtigkeit eines rationalen und berechenbaren Verfahrens. Wo das unterlaufen wird, fühlt man sich zurückversetzt in die Zeiten feudalistischer Intrigenwirtschaft.

Dass der bayerische Staatsminister Thomas Goppel eingreifend Fakten schafft, indem er Kandidatinnen, die sich zuvor kaum kannten, geschweige denn an eine gemeinsame Bewerbung gedacht haben, dazu auffordert, ein Konzeptpapier einzureichen, das gegen alle Regeln durchgesetzt werden soll, kommt beinahe einer eigenmächtigen Ernennung gleich. Wozu dann überhaupt noch ein Verfahren? Kehren wir doch gleich zurück in die Zeiten von Ludwig II., dessen Unumschränktheit immerhin mit Kunstsinnigkeit gepaart war. Bei seiner Unterstützung Richard Wagners ging es nicht um Winkelzüge, sondern um die riskante Durchsetzung einer künstlerischen Revolution.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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