Peter Rühmkorf ist tot

Der Verfassungspoet aus Övelgönne

Von Patrick Bahners

Gedichte entstanden ihm nicht aus Worten, sondern aus Einfällen

Gedichte entstanden ihm nicht aus Worten, sondern aus Einfällen

10. Juni 2008 „Schaut nur nicht so bedeppert in diese Grube. / Nur immer rein in die gute Stube. / Paar Schaufeln Erde, und wir haben / ein Jammertal hinter uns zugegraben.“ Das lassen wir uns gesagt sein, das können wir jetzt gebrauchen, dieses Blatt aus dem letzten Gedichtband von Peter Rühmkorf, wir halten es uns vor die Augen. Wir lassen lieber niemanden sehen, wie wir jetzt daherschauen, nachdem die traurige Nachricht eingetroffen ist, mit der man hat rechnen müssen: Peter Rühmkorf ist gestorben.

Er war sehr krank gewesen, hatte die Routinen seines seit Jahrzehnten geordneten Arbeitslebens ändern müssen. Die Spuren der Krankheit hatte man in diesem letzten Buch, „Paradiesvogelschiß“, finden können, natürlich nur in poetischer Verarbeitung und Verwandlung, nicht im Sinne eines Nachlassens der Kräfte, sonst hätte er das Buch nicht herausgehen lassen (siehe auch: Peter Rühmkorfs neuer Gedichtband „Paradiesvogelschiß“). Dass er selbst daran gegangen war, letzte Hand an seine Papiere zu legen, sah man nicht daran, dass er sich ein Lied vom Tod pfiff und mit ihm ein Tänzchen wagte, denn das hatte er ja sein Dichterleben lang getan. Er hatte einen Schnitt gemacht und sich entschieden, in das Buch auch Unvollendetes zu packen.

Angefangenes und Abgelebtes

Wohlgemerkt: in einen Gedichtband. Schon immer hatte er Einblick in seine Werkstatt gewährt, seine Memoirenbücher und Journale sind voll von Angefangenem und Abgelebtem. Es entsprach seinem radikalen Gerechtigkeitssinn, einem instinktiven Vermögen und hohen Anspruch an sich und andere, einem Vermögen seelentief unterhalb allem implizit ausgehandelten, also hintenherum doch kalkulierten Empfinden, dass er sich vor der Kritik die Blöße gab, seine Materiallisten auszulegen - hatte er doch poetische und kritische Produktion von vornherein zusammengeführt und schon als Student in der „Konkret“-Kolumne „Leslie Meiers Lyrik-Schlachthof“ die Hervorbringungen der Kollegen am strengsten handwerklichen Standard gemessen.

1989 ließ er einen Wälzer drucken, der auf siebenhundert Seiten ein einziges Gedicht bot - mit sämtlichen Vorstufen, Sprungbrettern und Falltüren des Schaffensprozesses: „Selbst III/88. Aus der Fassung“. Der Dichter als sein eigener kritischer Editor mag in der deutschen Literaturgeschichte keine neue Figur sein, aber Rühmkorf traktierte sich selbst auf dem Niveau der damals fortgeschrittensten kritischen Editorik eines D. E. Sattler oder Roland Reuß, machte als Dichter ernst mit der von der Wissenschaft gar nicht einzuholenden Idee, alle verworfenen Versionen eines Werkes seien als Teile des Werkes zu betrachten, hätten, obwohl sie doch durchgestrichen zerknüllt wurden, Anteil an der Endgültigkeit des Werkes.

Das Doppelgesicht des Dichters

Dieses Denkmal, das er sich selbst errichtete, zeigt das Doppelgesicht des Dichters Peter Rühmkorf. Die Sehnsucht nach Anschluss und Verknüpfung, ja nach Auflösung und Zertrennung, wo sie das Knüpfen neuer Fäden und das Legen neuer Netze möglich machen soll - das ist der politische Rühmkorf, der Gemeinschaft stiften will. Die Selbstbetrachtung, ja Selbstbespiegelung, die der Gedichttitel ankündigt und das Buch dann durchspielt unter Übertretung aller Schicklichkeitsgrenzen, die von bürgerlichen Offenbarungskulturprodukten wie Brief, Testament und Diavortrag gewahrt werden - das ist der Künstler, der seine unübersetzbaren Eigenarten kultiviert und von der universellen Aussagekraft seiner krakeligen Handschrift überzeugt ist. Vollkommen zu Recht.

Das Eröffnungsgedicht des Bandes „Paradiesvogelschiß“ entfaltet in Balladenform noch einmal Rühmkorfs Poetik der geduldigen Bearbeitung von Urideen, die in der Hingabe ans hingeworfene, vom Himmel gefallene, nirgendwo im Verwertungskreislauf benötigte Detail unabsichtlich ein Ganzes entstehen lässt. Gedichte, das war der Streit, den er mit Benn suchte und nun im Olymp fortsetzen kann, werden, so glaubte er, nicht aus Wörtern, sondern aus Einfällen gemacht. Zwischen dem Programmgedicht am Anfang und den häufig zuerst in dieser Zeitung gedruckten Gedichten am Schluss streute Rühmkorf nun in diesem einen Band Einfälle aus, denen zum Gedicht der letzte Reim, die letzte Drehung noch fehlte. Als könnten diese Setzlinge in der Paradiesvogelschissbaumschule flüstern wie der Birnbaum des Herrn Ribbeck im Havelland und als wollten Sie uns zu verstehen geben: Dichtet ihr doch weiter! Und: Ihr werdet schon sehen, wie weit ihr kommt.

Inbild der Beharrlichkeit

Rühmkorfs Havelland lag an der Elbe, in Hamburg-Övelgönne. Seine Ortsfestigkeit ist Inbild einer Beharrlichkeit, mit der er unter den deutschen Schriftstellern seiner Generation einsam dasteht. 1929 als unehelicher Sohn einer Pfarrerstochter und Lehrerin geboren, erlebte Peter Rühmkorf als Jugendlicher die letzten Kriegstage als ein Reich der Freiheit, das er sozusagen nie verlassen hat. In den für seine Generation typischen Schüben des politischen Engagements bewahrte er sich eine innere Unabhängigkeit, die ihn nie in die Verlegenheiten des Renegatentums geraten ließ. Sein Memoirenband „Die Jahre die ihr kennt“ und seine Tagebücher der Jahre 1971 und 1972 (veröffentlicht als „Tabu II“, 2004) halten seine Gedanken über die Verschlingung von Protest und Gewalt fest. Er treibt die Gesellschaftskritik auf die Spitze, indem er sich im Selbststudium zu der provisorischen Diagnose vorarbeitet, die Engagierten hätten die Natur unterschätzt, die Untrennbarkeit seelischer und körperlicher Prozesse.

Wie nach christlicher Lehre auch die Tiere an den Folgen des Sündenfalls zu tragen haben, so lebt Rühmkorfs Werk aus dem Gefühl, dass die ganze Schöpfung unter der Individuation leidet. Zufällig erscheinende Korrespondenzen verweisen auf einen Sinn, den es wiederherzustellen gilt: Aus einer solchen ontologischen Naturgeschichte hat Rühmkorf den Reim hergeleitet. Es ist für ihn kein Zufall oder wenn doch, dann ein Zufall, dem die gesamte deutsche Literaturgeschichte einen Sinn hat zuschreiben und erarbeiten müssen, dass diese Geschichte mit den Merseburger Zaubersprüchen beginnt: Formeln für die Heilung gebrochener Glieder.

Wir haben unseren Nationaldichter verloren

Rühmkorfs Poetik und Politik sind ein lebendiges Wesen, das sich niemals in sich selbst getrennt hat. Vergemeinschaftung ist das Zauberwort seiner Theorie der Dichtung: Wie die Einfälle sich gewaltlos zum Werk fügen, so sollen sich auch die Bürger in schöner Ungezwungenheit miteinander arrangieren. Dass das Gedicht sich, indem es Gestalt annimmt, eine Verfassung gibt, war für Rühmkorf - darauf kommt alles an - keine Metapher. In seinem Tagebuch der Wendejahre (veröffentlicht als „Tabu I“, 1995) notierte er als böses Omen für den Vereinigungsprozess die schlechten Verkaufszahlen seiner Bücher und insbesondere von „Selbst III/88“. Wir werden es noch merken, dass wir mit diesem Verfassungspoeten unseren Nationaldichter verloren haben.

Vor dem Tod versagt das heilende Wort des Dichters. Nach dem Tod tröstet es. Das Loch für den Sarg als die gute Stube: Aus dem Volksvermögen der Redensarten alimentierte der Dichter sich bis zum Schluss. Wenn er in galgenhumorvoller Voraussicht das zugeschaufelte Grab als das dem Erdboden gleich gemachte Jammertal beschreibt, dann beschwört er im Ton äußerster Lakonie noch einmal den ganzen Reichtum der seelenheilsgeschichtlichen Bilderwelt der christlichen Überlieferung. „Irdisches Vergnügen in g“ hieß vor neunundvierzig Jahren Peter Rühmkorfs erster Gedichtband. Die Parodie des „Irdischen Vergnügens in Gott“ des Hamburger Senators Barthold Heinrich Brockes war Rühmkorfs Stil der Nachfolge.

Schlagen wir die schlanken Bände physikalischer und moralischer Gedichte auf, die Peter Rühmkorf etwa alle zehn Jahre in Reinbek zum Druck gab, und lassen wir uns im traurigen Augenblick vom Dichter erheitern. Wir können doch nicht im Ernst so tun, dass wir von seinem Tod überrascht wären. Schauen wir nicht so bedeppert.

Text: F.A.Z.
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Martin Walser

P.R. c/o Himmel

Peter Rühmkorf hat seine Gefühle immer mit spitzen Fingern angefasst und mit noch spitzeren Wörtern ausgedrückt. Einfach, weil er zu große Gefühle hatte. Zu groß für diese Welt.

Hans Magnus Enzensberger

Der unverkennbare Rühmkorf-Sound

Von allen Schmerzensmännern der Poesie war er der luftigste. Virtuos wie kein anderer hat Peter Rühmkorf die Schwermut zum Tanzen gebracht. Seitdem Robert Gernhardt das Zeitliche gesegnet hat, konnte kein Vers- und Reimkünstler ihm mehr das Wasser reichen.

Treichel über Rühmkorf

Großer Bruder

Peter Rühmkorf schrieb große und manchmal sogar priesterliche Verse. Doch man musste sich nicht vor ihm fürchten. Er war keine literarische Vaterfigur, er war eine Art großer Bruder, meint der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel.

Zum Tod von Peter Rühmkorf

Schwebekunst

Peter Rühmkorf verstand es, mit der Schwere zu spielen, mutig und zart zugleich. Er brauchte keine großen Themen, um große Gedichte zu schreiben. „Graziös in Lebensgefahr“ bewegte er sich auf dem Drahtseil des Dichtens, meint die Schriftstellerin Ulla Hahn.

Stimmen zum Tod von Peter Rühmkorf

Verslust, ewig

Peter Rühmkorf war zu lebendig, um zu sterben, meint der Schriftsteller Durs Grünbein. Seine Munterkeit in Form sprunghaftester Verslust, sein politisches Querfeldeinlaufen, sein Übermut und sein Zartsinn lassen den Gedanken an seine dauerhafte Abwesenheit nicht zu. Er ist nur eben mal tot.

Reich-Ranicki über Rühmkorf

Nie seriös, immer ernst

Er war ein feinsinniger Ästhet, ein raffinierter Schöngeist, ein exquisiter Ironiker. Nur war er zugleich ein plebejischer Poet, ein handfester Spaßmacher, ein Verwalter des literarischen Untergrunds, ein Dichter der Gasse und der Masse. Marcel Reich-Ranicki über Peter Rühmkorf.

Michael Lentz

Das Erlebnis Rühmkorf

Peter Rühmkorf war ein Virtuose der Form, des poetischen Bildes und des Gedankens, ein kongenialer Traditionsverwerter und Erinnerer, ein selbstironischer Ich-Umkreiser und politischer Sänger, der stets um den vermeintlich letzten Rest Utopie gerungen hat. Von Michael Lentz

Literatur

Weile, Wunder, Weile

Peter Rühmkorf, der Meister des poetischen Einfalls, gewährt in seinem neuen Gedichtband „Paradiesvogelschiß“ Einblicke in die Betriebsgeheimnisse seiner Inspiration. Noch einmal variiert er auf meisterliche Weise die großen Themen seines Lebens. Von Hubert Spiegel

Literatur

Lyrik-Gipfeltreffen: Hans Magnus, ich hatte Sehnsucht nach dir

Erstmals seit 38 Jahren haben Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf wieder zu einer gemeinsamen Lesung eingeladen. Die drei prominenten Autoren blickten dabei auf ihre Lyrik der vergangenen 50 Jahre zurück.

„Die Märchen“

Als Blaubart noch erblaute

Die Gattung Märchen, hoffnungslos romantisch, aber nicht ganz aufklärungsresistent, sollte zur Vertretung, ja zum Asyl der Poesie werden, die es seinerzeit nicht leichthatte: Peter Rühmkorfs Märchen aus poesiefeindlicher Zeit. Von Hans-Jürgen Schings

„TABU II - Tagebücher 1971-1972“

Der Schneckenforscher

Alles schon einmal dagewesen, die wachsende Angst vor dem Terror und seiner Bekämpfung, die schrumpfenden Gewinnmargen und Pullover: Kaum mehr als ein Jahr umfasst der zweite Band von Peter Rühmkorfs Tagebüchern. Von Patrick Bahners

„Funken fliegen zwischen Hut und Schuh“

Musenkleid in Fetzen

Man findet kleine und kleinste Partikel aus seinem Gesamtwerk vor, schnell verglühende Sternschnuppen, grell leuchtende Feuerwerkskörper, flotte Attacken auf Augen und Hirn: Peter Rühmkorfs kleine Klümpchen. Von Wulf Segebrecht

„Das Lied der Deutschen“

Dialektische Delikatesse

Mit dem Autor des Deutschlandliedes hätte ein Schriftsteller, der eine Zeitlang in der Redaktion der linken Zeitschrift „konkret“ gesessen hatte, eigentlich seine Schwierigkeiten haben müssen: Peter Rühmkorf über Hoffmann von Fallersleben. Von Walter Hinck

„Schachtelhalme“

Schachtelhalmkrone

Seriosität ist gefragt, auch im Rückblick auf die eigenen schriftstellerischen Arbeiten. Nach den Gedichten nun also die „Schriften zur Poetik und Literatur“, und damit das nicht gar so ehrwürdig klingt, hat Rühmkorf sie unter den poetischen Titel der „Schachtelhalme“ gestellt. Von Wulf Segebrecht

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