Klassiker der Comic-Literatur

Der Wilde Westen ließ ihm graue Haare wachsen: „Blueberry“

Von Andreas Platthaus

29. Oktober 2005 Als Wallace Wallet am 14. Februar 1921 ein kleines Bündel auf seiner Türschwelle fand, veränderte sich die Comic-Welt. Denn in dem Bündel lag ein Findelkind, das der grundgütige füllige Wallet auf den Namen Skeezix taufte und an Kindes Statt annahm. Fortan spielte die Zeit eine neue Rolle in der Comic-Geschichte.

Was als reine Marketing-Idee gedacht war - die Einführung eines Babys in einen moderat erfolgreichen Comic-Strip namens „Gasoline Alley“ -, das entpuppte sich als Geniestreich, als dessen Autor und Zeichner Frank King sich entschloß, den kleinen Skeezix fortan beim Aufwachsen zu begleiten. So wurde die erste populäre Comic-Figur geschaffen, die alterte - und das für drei Jahrzehnte sogar in Echtzeit. Von 1921 an wurde in jedem Februar im Rahmen der Handlung Geburtstag gefeiert, Skeezix wurde 1927 eingeschult, sein Adoptivvater heiratete etwas danach und bekam einen zweiten Sohn, später wurde noch eine Tochter adoptiert. Skeezix machte mit sechzehn den Führerschein, suchte sich nach dem Schulabschluß 1939 einen Job und empfand es mit zwanzig Jahren als Ehrensache, sich freiwillig zum Militär zu melden, als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Den Rest kann man knapp halten: Skeezix heiratete 1943 seine Jugendliebe, wurde prompt selbst Vater eines Sohnes, dieser wuchs auf, heiratete, bekam Kinder - kurz: „Gasoline Alley“ läuft immer noch, Frank King ist längst tot und Skeezix längst Opa.

Anfangs nur Versatzstücke

Diese Idee der Chronik eines Lebens hat außer Dave Sims „Cerebus“ keine andere Comic-Serie derart konsequent aufgegriffen, aber Schule sollte „Gasoline Alley“ doch machen. Am erfolgreichsten in jener Reihe, der wir den neunten Band unserer Comic-Klassiker widmen: „Blueberry“. Dabei war das in den ersten Jahren der Serie nicht abzusehen. Als Jean-Michel Charlier 1963 das junge Talent Jean Giraud auf Empfehlung des Altmeisters Jije engagierte, war „Blueberry“ für den längst etablierten Szenaristen nur ein Gelegenheitswerk neben seinen immens erfolgreichen Serien „Tanguy et Laverdure“ und „Barbe Rouge“. So sahen seine Vorlagen für die Abenteuer des Armeeleutnants Blueberry dann auch aus: aus simplen Versatzstücken zusammengefügt und zusammengestohlen bei allen Westernstoffen, deren Charlier habhaft wurde.

Immerhin entstand dadurch eine geradezu prototypische Erzählweise, die zahlreiche Anknüpfungpunkte an längst vertraute Muster bot und selbst wiederum zum Vorbild taugte (so gibt es ein geradezu unverschämt einfallsloses Plagiat der Auftaktgeschichte von „Blueberry“, das in den siebziger Jahren in Italien gezeichnet wurde und in dem Mickymaus die Rolle des Leutnants spielt). Allerdings hatte Charlier zu Beginn auch einen originellen Einfall, doch ausgerechnet den konnte er nicht umsetzen. Ursprünglich sollte die Serie „Fort Navajo“ heißen und den Handlungsort in den Mittelpunkt stellen. So darf man es als einen Glücksfall bezeichnen, daß sich der disziplinlose Individualist in Uniform überhaupt als Titelheld durchgesetzt hat. Wäre Charliers Konzept realisiert worden, hätte man Blueberry wohl rasch wegen ungebührlichen Betragens degradiert oder gar inhaftiert und Charlier hätte seine Aufmerksamkeit anderen Protagonisten zuwenden können.

Gedemütigter Held

Degradiert und inhaftiert wurde Blueberry deshalb erst zehn Jahre später, 1973, am Ende der Geschichte „Ballade für einen Sarg“, die wiederum das Mittelstück eines der vielen Erzählzyklen ausmacht, aus denen die Reihe „Blueberry“ besteht. In jeder normalen Comic-Serie hätte man erwarten dürfen, daß der gedemütigte Held alsbald eine gloriose Rehabilitierung erfahren würde - nicht in „Blueberry“. Charlier und Giraud ließen ihren Helden in der Gosse enden, und es dauerte Jahre, bis er wieder in die Armee aufgenommen wurde: wirkliche Jahre, die man als Leser darauf warten mußte, und Lebensjahre der Hauptfigur. Denn mit dem fünfteiligen Zyklus um den Südstaatenschatz, den unser Band enthält, war das „Gasoline Alley“-Prinzip in „Blueberry“ eingezogen.

Das hat zwei Gründe. Einmal ist der exakte Zeitpunkt wichtig für die Handlung. Nie zuvor findet man so genaue Datumsangaben in der Serie. Der Bürgerkrieg ist noch nicht lange her, aber die wenigen Jahre seitdem haben doch schon ein wenig Gras über die inneramerikanischen Zerwürfnisse wachsen lassen. Erstmals erkannten Charlier und Giraud den historischen Kontext als Movens ihrer Erzählungen, und mit dem Bewußtwerden der Zeit trat auch das Alter ihres Protagonisten selbst in der Vordergrund.

Er kannte alle Tricks

Aber Blueberry - das ist von 1969 an auch Jean Giraud selbst. Für Charlier war die Arbeit am Mythos nur Pflichterfüllung. Einmal in die Erfolgsspur gesetzt, mußte man die Sache eben weiterlaufen lassen, und Charlier kannte diesbezüglich alle Tricks. Er arbeitete schließlich auch an drei großen Serien gleichzeitig. Für Giraud jedoch war es nicht nur der erste große (und damals noch sein einziger) Auftrag als Comic-Zeichner, sondern in Blueberry erkannte der beim Start der Serie Fünfundzwanzigjährige ein Alter ego. Hier wurde von einem Helden seiner eigenen Generation erzählt, nur um hundert Jahre zurückversetzt. Der rebellische Geist, die Kompromißlosigkeit, die Faszination für Frauen - all das war ein Westernspiegelbild des Lebens von Jean Giraud in jener experimentierfreudigen Ära der sechziger Jahre. Als Jungstar des französischen Comics war er zu einer der schillerndsten Figuren des ganzen Metiers geworden, brauste in teuren Sportwagen durch die Gegend, verspielte ganze Nächte an Poker- und Billardtischen und hatte sich mitten in der Arbeit am dritten „Blueberry“-Band 1965 für ein halbes Jahr nach Mexiko abgesetzt, ohne Charlier darüber zu informieren. Jije war damals kurzerhand für ihn eingesprungen.

Aus Mexiko zurück kam ein noch selbstbewußterer Giraud, der bald auch Mitspracherecht am Szenario verlangte. Vom siebten Band an bekam er es. Rene Goscinny hatte als Chefredakteur von „Pilote“ erkannt, daß die wahre Leistung der Westernserie in der Graphik bestand. Sie verlieh „Blueberry“ in ihrer Berufung auf die großen Abenteuerklassiker wie Milton Caniffs „Terry and the Pirates“ oder Alex Raymonds „Flash Gordon“ schon beim Erstabdruck Klassikerstatus. Giraud zeichnete mit dem Pinsel, und er verlieh seinen Bildern eine Stimmung, die bis dahin im französischsprachigen Comic unbekannt war. Entweder pflegte man dort den federleichten sachlichen Stil, der später als „Ligne claire“ berühmt werden sollte, oder man huldigte der witzig-schwungvollen Dynamik eines Andre Franquin. „Blueberry“ nahm keine Mittlerposition ein, er schlug die Brücke über den Atlantik zur anderen großen Comic-Kultur. Das Talent von Giraud, diese Traditionen zusammenzuführen, machte noch den Kern seines späteren Siegeszugs als Moebius aus.

Persönliche Verunsicherung

Doch die Rückkehr des Pseudonyms Moebius, das Giraud 1963 aufgegeben hatte, war das Resultat einer persönlichen Verunsicherung. Die revolutionären Blütenträume von 1968 waren geplatzt, der Zeichner besaß plötzlich Frau und Kind, ihm lief die Zeit davon. Diese erste Wahrnehmung des eigenen Alters war es, die auch Blueberry altern ließ - bis hin zu jenem graumelierten Herrn, der im jüngsten Teil der Serie, dem fünf Bände umfassenden Tombstone-Zyklus, der von 1995 bis 2004 erschien, in einer Aufholjagd begriffen scheint, um seinen Zeichner an Lebensalter einzuholen. Mittlerweile kennen wir Blueberry als Jugendlichen, als Rekruten, als jungen Offizier, als gereiften Marshal und nun auch noch als Ruheständler, der den Lastern seiner Jugend nur noch in homöopathischen Dosen frönt.

Doch schon der Blueberry der frühen siebziger Jahre wurde spätestens in dem Moment, als er ins Zuchthaus kam und kahlgeschoren wurde, zum gealterten Helden. Und dessen Zeichner verjüngte sich unter anderem Namen mit seiner Flucht in die Zukunft, in die Welt der Science-fiction. Vorbereitet wurde diese beispiellose Wandlung eines Künstlers mittels Aufteilung in zwei Persönlichkeiten, die jeweils ästhetisch nichts miteinander zu tun haben sollten, durch jene beiden Zyklen, die „Blueberry“ endgültig zum Meilenstein der Comic-Literatur gemacht haben: die nur zwei Teile umfassende Suche nach der vergessenen Goldmine von 1969/70 und die unmittelbar darauf folgende Jagd nach dem Südstaatenschatz.

Hier trat ein Westernheld auf, der keine Vorbilder mehr hatte. In den späten sechziger Jahren hatte sich Giraud aktiv an den Pariser Demonstrationen und Streiks beteiligt, und Blueberrys renitenter Charakter war ihm geradezu ans Herz gewachsen. Der Absturz eines solchen Helden aber war nur mehr eine Frage der Zeit, denn das Scheitern der eigenen Träume mußte seine Fortsetzung in den Comics von Jean Giraud finden. Charliers zeitweises Desinteresse an „Blueberry“ angesichts seiner neuen Aufgabe als Verlagslektor spielte dem Zeichner dabei in die Hände: Nunmehr gehörte Blueberry mit Haut und Haaren ihm, und er sollte ihn in den nächsten anderthalb Jahrzehnten nicht wieder aus den Fingern geben, obwohl Charlier bis zu seinem Tod für die Vorlagen verantwortlich zeichnete. Juristisch waren beide gleichermaßen Eigentümer der Figur, aber praktisch wurde sie mehr und mehr zu Girauds Geschöpf.

Jean Giraud: geboren am 8. Mai 1938 in Fontenay-sous-Bois. Mit siebzehn Jahren freundete sich Giraud mit der belgischen Comic-Legende Joseph Gillain alias Jije an. 1961 begann er als Assistent von Jije seine kommerzielle Comic-Karriere. Für satirische Arbeiten im Magazin „Hara-kiri“ wählte er 1963 das Pseudonym Moebius. Im gleichen Jahr begann er die Arbeit an „Blueberry“ und wählte dafür wieder seinen wirklichen Namen. Erst 1973, als „Blueberry“ längst eine der erfolgreichsten Serien im französischen Sprachraum geworden war, trat Giraud wieder als Moebius auf und zeichnete unter diesem Namen vor allem Science-fiction-Comics, die ihn auf der ganzen Welt bekannt machten. Er arbeitete auch fürs Kino und lernte dabei den chilenischen Regisseur Alexandro Jodorowsky kennen, der zu seinem bevorzugten Szenaristen wurde. 1999 erschien Girauds Autobiographie „Histoire de mon double“. Heute ist er der einflußreichste Comic-Künstler der Welt.

Jean-Michel Charlier: geboren am 30. Oktober 1924 in Lüttich, gestorben am 10. Juli 1989 in Paris. Charlier zählt zu den vielen Belgiern, die den französischsprachigen Comic geprägt haben. Nach einigen Versuchen als Zeichner verlegte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg ganz auf das Abfassen von Comic-Szenarien. 1947 half er bei der Fliegerserie „Buck Danny“ aus und begeisterte mit seinem Erzählstil Verlag und Leser. In den Folgejahren wurde er noch vor Rene Goscinny der erste Szenarist, der von seiner Tätigkeit leben konnte. 1959 gründete er gemeinsam mit Goscinny und Albert Uderzo das Comic-Magazin „Pilote“, für das er 1963 „Blueberry“ erfand, der zu seiner wichtigsten Arbeit werden sollte. 1972 wechselte er als Lektor zum „Blueberry“-Verleger Dargaud und unterbrach dafür seine Serie. Später leitete er diverse Comic-Magazine, doch nur mit „Blueberry“ konnte er an die alten Erfolge wieder anknüpfen.

Blueberry: Sein richtiger Name ist Michael Steve Donovan, doch als Südstaatenrenegat legte er sich im Bürgerkrieg das Pseudonym Blueberry zu. Nach dem Ende der Kampfhandlungen wird er zum Leutnant ernannt und an die mexikanische Grenze versetzt. Die Serie mit seinen Abenteuern füllte eine Lücke im auf Jugendliche ausgerichteten redaktionellen Angebot von „Pilote“, denn einen Western gab es noch nicht im Heft. Während die Erzählungen sich zu Beginn stark an Hollywood-Produktionen orientierten, brachte die spätere Arbeitsteilung von Charlier und Giraud einen neuen Typ von Abenteuercomic hervor. Nach dem Tod von Charlier führte Giraud die Serie alleine weiter, allerdings in immer größeren Abständen. Eine Nebenreihe, die sich mit den Erlebnissen des jungen Blueberry im Bürgerkrieg beschäftigt, gab Giraud früh in andere Hände. Bisher sind insgesamt einundvierzig Alben erschienen.



Text: F.A.Z., 29.10.2005, Nr. 252 / Seite 40
Bildmaterial: Dargaud

 
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