Von Tilman Spreckelsen
02. Mai 2008 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Vier Romane, null Festnahmen, so die Bilanz nach einem Monat Maigret: Kann ich als Krimileser nicht verlangen, wenigstens ein einziges Mal den Satz zu hören: Sie sind verhaftet!? Was macht dieser Kommissar eigentlich mit denjenigen, die er eigenhändig überführt? Dem ersten schaut er dabei zu, wie er sich selbst richtet, beim zweiten Fall gibt es überhaupt kein ernsthaftes Verbrechen (aber Maigret hilft noch beim Versicherungsbetrug mit), im dritten schenkt er der kollektiven Mörderbande ihre Strafe, weil die Sache ja schon fast verjährt ist, und hier - na, lesen Sie selbst.
Die Handlung in einem Satz: Im Stall einer Binnenschifferkneipe wird eine Tote gefunden, deren Witwer bei ihrem Anblick geradezu exzentrisch ruhig bleibt und trotzdem nicht der Mörder ist.
Spielt in: Frankreichs Nordosten in der Nähe von Épernay, vornehmlich auf Kähnen oder am Ufer des Marne-Kanals.
Neues über Maigret: Seine Bereitschaft, sich in andere einzufühlen, hat ihre Grenzen, wenn es unappetitlich oder würdelos wird.
Konsum geistiger Getränke: Das übernehmen hier andere, vor allem der Witwer und die Mitreisenden auf seinem Schiff, und das mit einer solchen Hingabe, dass Maigret angesichts dieser Könnerschaft bescheiden zurücktritt. Und höchstens mal sein ewiges Bier mit einem Grog vertauscht.
Das große Grau
Alles sehr rätselhaft hier, und auch ziemlich unerfreulich: Mit dem stinkreichen (aus der Nähe betrachtet dann überraschend klammen) Engländer, der da mit seinem geschmeidigen Faktotum auf einer Yacht durch Frankreichs Kanäle zieht, wird man nicht so rasch warm, die übrigen Gestalten sind manchmal etwas arg forciert - ein Produkt ihres harten Lebens als Schiffer oder Treidler; die Tiere, immerhin, tragen das alles mit Würde. Das spricht nicht gegen das Buch, vor allem, weil in diesem großen Grau aus Regen und Schmutz, das über dem Roman liegt, der Urheber des Verbrechens so lange verborgen bleibt.
Lieblingssatz: Es war vielleicht nur Einbildung, aber Maigret kam es vor, als wäre der Regen doppelt so heftig geworden und der Himmel schwärzer und niedriger, als er ihn jemals erlebt hatte.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET
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