Grundkurs Demographie: Erste Lektion

Deutschlands Weltrekorde

Von Herwig Birg

22. Februar 2005 Seit Jahrhunderten wird das Thema "Weltbevölkerung" unter dem Schlagwort der Wachstumsbeschleunigung diskutiert. Die erste Milliarde wurde um 1805, die zweite um 1926/27 und die dritte 1960 erreicht. Für die vierte, fünfte und sechste Milliarde stehen die Jahre 1974, 1987 und 1999.

Der größte prozentuale Zuwachs pro Jahr erreichte in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre mit zwei Prozent ein Maximum; seitdem nimmt sie - bei einem absoluten Anstieg der Weltbevölkerung um 76 Millionen pro Jahr - ständig ab. Sie beträgt gegenwärtig noch rund 1,2 Prozent. Nach den Berechnungen der Bevölkerungsabteilung der UN fällt die Wachstumsrate ständig weiter. Das jahrhundertelange Weltbevölkerungswachstum wird wahrscheinlich um 2070 enden und in die neue Phase der Weltbevölkerungsschrumpfung übergehen.

Keine zwei Prozent daneben

Der Prognosefehler der von der Bevölkerungsabteilung der UN in den fünfziger Jahren für 2000 veröffentlichten Zahlen liegt unter zwei Prozent. Viele Hunderte Prozent beträgt er bei den Prophezeiungen von Gelegenheitsdemographen im Gefolge des Untergangspropheten Malthus. Der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Demographie und Gelegenheitsdemographie liegt im Grad der Differenzierung der Vorausberechnungen. Die Vorausberechnungen der UN sind beispielsweise nach den rund zweihundert Ländern der Welt und zusätzlich jeweils nach mehreren Varianten der Geburtenhäufigkeit, der Lebenserwartung und der Migration differenziert, ferner nach Varianten mit und ohne Aids.

Der Hauptgrund für den Übergang vom Wachstum in die Schrumpfung der Weltbevölkerung - trotz der zunehmenden Lebenserwartung - ist der Rückgang der Geburtenrate. Sie nahm seit 1950 von fünf Geburten pro Frau im Weltdurchschnitt auf jetzt 2,7 ab, davon 2,9 in den Entwicklungsländern und 1,6 in den Industrieländern.

Das grobmaschige soziale Netz als Grund

Der seit Jahrzehnten beobachtete Rückgang der Geburtenzahl pro Frau bei gleichzeitig steigenden absoluten Geburtenzahlen - infolge der wachsenden Größe der nachrückenden Frauengenerationen - folgte einer paradoxen Regel: Je höher Stand und Tempo der sozioökonomischen Entwicklung in einem Land waren, desto niedriger die Geburtenrate.

Die zweihundert Länder der Welt näherten sich dem Ziel einer niedrigen Geburtenrate wie die Schiffe eines langen Geleitzuges, angeführt von Deutschland mit der niedrigsten und gefolgt von den Schwellenländern mit mittleren und den ärmsten Ländern mit der höchsten Geburtenrate, darunter beispielsweise Angola oder Niger mit sieben beziehungsweise acht Geburten pro Frau. Eine Ausnahme dieser Regel bilden die Vereinigten Staaten mit ihrer hohen Geburtenrate von zwei Kindern je Frau. Neben dem Nationalstolz dürfte dafür das grobmaschige soziale Netz ursächlich sein: Hilfe in Notfällen leistet letztlich die eigene Familie, nicht der Staat.

Die frühesten, die meisten und die meisten

Gibt es einen niedrigsten Wert für die Geburtenrate oberhalb von Null? Sind es 1,2 Geburten pro Frau wie in Spanien und Italien? In Oberitalien und Nordspanien werden rund 0,8 Kinder pro Frau registriert, der heutige Landesdurchschnitt könnte also noch weiter sinken, zumal er in osteuropäischen Ländern wie Lettland (1,1), Rußland (1,14) oder der Ukraine (1,15) bereits unter dem südeuropäischen liegt.

Deutschland hält drei demographische Weltrekorde. Erstens: Es ist das Land, in dem die Bevölkerungsschrumpfung infolge der niedrigen Geburtenrate am frühesten begann, in den alten Bundesländern ab 1972; in der DDR begann die Bevölkerung ab 1969 zu schrumpfen.

Zweitens: Die Geburtenrate beträgt bei der deutschen Bevölkerung zwar wie in Spanien und Italien etwa 1,2 Geburten pro Frau, bei der zugewanderten rund 1,9 und im Durchschnitt, ähnlich wie in anderen Ländern, 1,3 bis 1,4 Geburten, aber der Grund für das niedrige Niveau ist ein besonderer: Der weltweit einmalig hohe Anteil der Frauen und Männer an einem Jahrgang, die zeitlebens kinderlos bleiben, lieg hierzulande bei etwa einem Drittel.

Drittens: Stärker als in anderen Industrieländern werden fehlende Geburten durch Einwanderungen ersetzt: Schon vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und der anschließenden starken Zuwanderung nahm Deutschland deutlich mehr Zuwanderer auf als vergleichbare Länder: Auf 100.000 Einwohner bezogen, betrug die jährliche Zahl der Zuwanderungen zum Beispiel in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten 245, in Kanada 479, in Australien 694 und in Deutschland (alte Länder) 1022. Desinformation und Desinteresse haben zu einem falschen Selbstbild geführt: Deutschland ist weltoffener als andere Länder.

Vier Größen bestimmen die Bevölkerungszahl. Die Geburten: In Deutschland werden pro Jahr etwa 700.000 registriert. Die Zuwanderungen: Hier liegen wir jährlich bei etwa 800.000. Die Sterbefälle: Das sind rund 850.000. Und die Abwanderungen ins Ausland: Etwa 600.000 sind es hierzulande. Deutschland hat seit langem also mehr Zuwanderungen pro Jahr als Geburten im Inland.

Der "Grundkurs Demographie" umfaßt zehn Lektionen, die wir von heute an in täglicher Folge veröffentlichen. Der Autor war bis 2004 Leiter des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie.



Text: F.A.Z., 22.02.2005, Nr. 44 / Seite 35
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa

 
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