Pop und Politik

Im Auftrag des guten Geschmacks

Von Jörg Thomann

12. Juni 2003 Da war sie, die Chance. Endlich. Steffen Kampeter (40), Diplomvolkswirt aus Minden, für die CDU im Deutschen Bundestag seit 1990, in all den Jahren aber nicht wesentlich aufgefallen, Steffen Kampeter also wußte, daß seine Stunde geschlagen hatte. Er rief nach seiner Sekretärin und diktierte ihr ein paar Zeilen, die sie anschließend als Presseerklärung durch die Lande schickte. Überschrift: „Kampeter: Modern Talking nicht auf dem SPD-Parteitag“.

Wie es dazu kam, daß MdB Kampeter in einer Presseerklärung Stellung zu Modern Talking bezog, ist eine Geschichte, die höchst erfreulich begann, inzwischen aber ziemlich unerfreulich weiterläuft. Die gute Nachricht, mit der alles seinen Anfang nahm, war die Ankündigung, daß sich die Gruppe Modern Talking auflöst. Dieter Bohlen und Thomas Anders, vielleicht auch nur Bohlen, doch wen kümmert das schon, haben beschlossen, sich zum zweiten Mal in ihrer Bandgeschichte zu trennen. Eine traurige Nachricht ist dies einzig für die Konzertveranstalter und für die Modern-Talking-Fans, die so aber immerhin die Chance erhalten, noch einen halbwegs anständigen Musikgeschmack zu entwickeln. Die meisten von ihnen freilich werden diese Chance vertun, indem sie Bohlens und Anders' Soloalben kaufen.

Überfällig

Hier hätte die Geschichte enden können, und alles wäre gut gewesen. Statt dessen aber meldete sich Sigmar Gabriel zu Wort, ein Politiker, dem spätestens seit seiner Wahlniederlage als SPD-Ministerpräsident Niedersachsens im Februar dieses Jahres das Etikett anhaftet, nicht immer geschickt und glücklich zu agieren. Gabriel also sagte zum Ende von Modern Talking: „Das war überfällig.“ Die Musik des Duos, so Gabriel weiter, entspreche nicht seinem privaten Geschmack.

Damit geht es Sigmar Gabriel so wie unzähligen Menschen auf dieser Erde. Gabriel aber ist nicht nur ein prominenter Politiker, sondern soeben von der SPD ohne eigenes Zutun zu ihrem „Pop-Beauftragten“ ernannt worden, was wie ein besonders perfides Nachtreten der Parteispitze gegen den bereits am Boden liegenden Kanzlerkritiker wirkt: Vom Landesvater zur Musikbetriebsnudel, eine solche Degradierung muß erstmal verkraftet werden. Um eine „offizielle Stellungnahme“ als Pop-Beauftragter, versicherte Gabriel, handele es sich bei seiner Modern-Talking-Kritik übrigens nicht.

Merkwürdig

Die „Bild“-Zeitung schert sich um diese Einschränkung gar nicht. Sie ist das Zentralorgan Dieter Bohlens, ihr ist der Musiker so sakrosankt wie sonst nur Franz Beckenbauer. Gegen den „Pop-Titan“ („Bild“) und sein Gefolge steht der kleine Pop-Beauftragte „SPD-Gabriel“ („Bild“) auf verlorenem Posten. In ungewohnt seriösem Duktus kanzelt Bohlen in „Bild“ den Musikexperten Gabriel ab: „Ich finde es sehr merkwürdig, wenn jemand wie Sigmar Gabriel Erfolg ablehnt und offenbar stolz auf seinen eigenen politischen Mißerfolg ist. In seiner Amtszeit als Ministerpräsident stieg die Arbeitslosigkeit und die Verschuldung.“

Der neue Dreh, den „Bild“ der Geschichte verleiht, ist der „Streit um das Bundesverdienstkreuz“. Gabriels Staatskanzlei nämlich hatte es im März 2002 abgelehnt, Dieter Bohlen diese Auszeichnung zukommen zu lassen. In Bild“ muß Gabriel sich nun noch einmal dazu erklären: „Alle derartigen Anträge unterliegen einem bundesweit einheitlichen Prüfungsverfahren, das von den zuständigen staatlichen Stellen durchgeführt wird. Und als ich das Ergebnis dieser Prüfung vorgelegt bekam, enthielt es eine negative Empfehlung.“ Was „Bild“ verschweigt: Eingereicht hatte den Antrag, Bohlen das Kreuz anzuheften, Stefan Raab. Es handelte sich schlicht um eine der vielen Jux-Aktionen des Fernsehkomikers.

Penetrant

Man kann sich ausmalen, wie die Sache weitergeht: „Bild“ wird uns noch tagelang mit der Sache behelligen, wird Bohlen-Gegner und -Getreue aufeinanderhetzen und durch die Penetranz der steten Wiederholung daraus dann doch das Politikum machen, das es bislang noch nicht ist. Und dann wird man Bohlen womöglich doch noch das Verdienstkreuz geben, damit endlich Ruhe ist. Und das war's dann hoffentlich auch.

Ach so, einen hätten wir jetzt fast vergessen: Steffen Kampeter. Den CDU-Politiker, der beschlossen hatte, sich einzumischen in die Debatte, auf daß von Bohlens Boulevardruhm etwas auf ihn abstrahle. Er also diktierte seiner Sekretärin: „Modern Talking darf nicht die Arbeiterlieder auf dem nächsten SPD-Parteitag singen. Diese Schlußfolgerung könnte man aus der unglücklichen Entgleisung des Pop-Beauftragten der SPD Deutschlands zur Trennung einer der beliebtesten deutschen Musikgruppen ziehen. Küßchen für Lindenberg, Bundesverdienstkreuz für Westernhagen und Spott für alle, die nicht die Rote Fahne grüßen: So sieht die Popmusikförderung der SPD à la Gabriel aus. Wie sozialdemokratisch muß Popmusik eigentlich sein, um beim Parteivorstand akzeptiert zu werden?“

Dieses Erklärung landete am Mittwoch in allen deutschen Redaktionsstuben. Am Donnerstag jedoch tauchte Kampeter nur in einer einzigen Zeitung auf, der „Berliner Morgenpost“. Die Chance war, mal wieder, vertan.

Text: @jöt

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