Blick in osteuropäische Zeitschriften

Vom Bücherhunger in den Dörfern des Ostens

Von Joseph Croitoru

Die schöne Leserin: ein klassisches Motiv, das in Rumänien aus der Mode kommt

Die schöne Leserin: ein klassisches Motiv, das in Rumänien aus der Mode kommt

27. Oktober 2008 Den großen Umbrüchen in Russland fielen stets auch die Bibliotheken zum Opfer. Wie viele es heute noch gibt, weiß selbst die auf die Lesegewohnheiten der Russen spezialisierte Soziologin Valeria D. Stelmach nicht. Man schätze aber, so schreibt sie in „kultura. Russland-Kulturanalysen“, die Zahl der Bibliotheken auf etwa hundertdreißigtausend; zum letzten Mal vollständig gezählt wurden sie 1934. Damals fiel das Bibliothekennetz der Zerstörung durch die Kommunisten anheim, die lediglich die großen Sammlungen in den beiden Hauptstädten Moskau und St. Petersburg (Leningrad) sowie in den zentralen Gouvernementsbibliotheken verschont hatten.

In den Provinzen hingegen wurden die Bestände weitgehend aufgelöst, zudem gingen im Rahmen einer Nationalisierungskampagne auch zahlreiche private Sammlungen verloren. Parallel dazu entstanden die stark politisch ausgerichteten Gewerkschafts-, Betriebs- und Parteibibliotheken. Deren Auflösung wiederum nach dem Untergang des kommunistischen Regimes verschlimmerte die Lage des russischen Bibliothekswesens nur weiter, es drohte nun völlig zusammenzubrechen. Infolge fehlender staatlicher Organisationsstruktur und finanzieller Unterstützung konnte nur ein Teil der Sammlungen und der mit ihnen verbundene Leihbetrieb aufrechterhalten werden, und dies nur dank des Engagements von Mitarbeitern der Lokalbehörden.

Bücherarmut auf dem Land

“Kultura“ untersucht das russische Bibliothekswesen

"Kultura" untersucht das russische Bibliothekswesen

Nach statistischen Angaben kommt zwar im heutigen Russland auf dreitausend Einwohner eine öffentliche Bibliothek. Diese Zahl ist jedoch nach Ansicht der Soziologin Stelmach keineswegs Zeichen einer blühenden Leselandschaft, sondern spiegelt lediglich die Überversorgung im städtischen Bereich. Dieser steht die Verarmung auf dem Land gegenüber, da für kleine Kommunen der Unterhalt von Büchereien kaum noch finanzierbar ist. Ein Netz mobiler Büchereien, wie es zu sowjetischer Zeit bestand, existiert nicht mehr.

Und obgleich drei Viertel der russischen Bibliotheken in ländlichen Gebieten angesiedelt sind, findet aufgrund teurer Vertriebswege überhaupt nur ein Drittel der jährlich in Moskau und St. Petersburg erscheinenden über hunderttausend Bücher den Weg dorthin. Die Autorin konstatiert: „Die Buchläden sind aus den Landkreisen und kleineren Ortschaften ebenfalls verschwunden, weil sie nicht rentabel sein können. Im Ergebnis lebt trotz der verblüffenden Gesamtzahl der Bibliotheken ein großer Teil der Bevölkerung nicht in Reichweite einer Bibliothek und leidet an ,Bücherhunger'.“

Staatliche Interessen am Buchverleih

Nicht weniger bedenklich ist aus Stelmachs Sicht das neuerdings erwachte Interesse des Staates am Bibliothekswesen, zumal die staatliche Intervention für den Bibliotheksbetrieb eher hinderlich ist. Dieser wird durch rigide urheberrechtliche Bestimmungen, Steuerabgaben auf die eigenen Bestände sowie hohe Einfuhrzölle, die die Beschaffung ausländischer Titel so gut wie unmöglich machen, beeinträchtigt. Während indessen immer weniger Menschen die Ausleihe nutzen, steigt die Zahl jener, die Unterhaltungs- und elektronische Informationsangebote in Anspruch nehmen oder an sozialen Aktivitäten mitwirken.

An Attraktivität haben die russischen Bibliotheken vor allem auch durch die Möglichkeit der Internetnutzung gewonnen, die jedoch, so die Moskauer Soziologin Margarita M. Samochina im gleichen Heft, nur etwa jede Zehnte von ihnen bietet - bei den Dorfbüchereien sind es sogar nur drei Prozent. Dies liegt aber nur zum Teil am lückenhaften Telekommunikationsnetz. Vielmehr ist der vor zehn Jahren beschlossene Plan zur Computerisierung der Bibliotheken und zur Digitalisierung ihrer Bestände nur schleppend realisiert worden. Für die Umsetzung veranschlagen mittlerweile selbst die optimistischsten Fachleute mehrere Jahrzehnte.

Das Lesen garantiert weder Prestige noch Erfolg

Mit dem Leseverhalten der Rumänen befasst sich die Bukarester Zeitschrift „Dilema Veche“. Dass früher mehr gelesen wurde, schreibt die Literaturhistorikerin Ioana Bot, mag allgemein stimmen, auch wenn manch gekauftes Buch nicht selten ungelesen als Vorzeigeobjekt gleich ins Regal wanderte. Aber selbst dies sei heutzutage kaum noch der Fall: Immer weniger gehöre das Lesen von Büchern zum guten Ton. Das hänge aber nicht nur mit dem Wegfall staatlicher Unterstützung für den Buchmarkt und mit den elektronischen Medien zusammen. Es resultiere vor allem auch daher, dass das allgemeine Kulturniveau stetig sinke: „Heute muss man sich nicht mehr schämen, ungebildet zu sein. Kaum eine Gesellschaft schätzt heute einen ,Widerstand durch Kultur'. Die Folge ist das langsame, aber sichere Verschwinden von Kultur als Voraussetzung für den gesellschaftlichen Erfolg. Ich glaube, dass man hier vom Untergang des Kulturwertes Lesen sprechen kann. Früher hieß es bei uns, wer Bücher liest, dem stehen alle Türen offen - heute nicht mehr.“

Das Lesen von Texten werde kaum noch gelehrt, und so können die merkwürdigsten Dinge geschehen: Bei einem ihrer Studenten, der Ioana Bot dadurch auffiel, dass er sich bei der Diskussion der Literatur aus der Seminarbibliographie stets zu Wort meldete, musste sie irgendwann feststellen, dass er immer nur die erste Seite des jeweiligen Aufsatzes gelesen hatte.

Etikette in rumänischen Literaturblogs

Die Lese- und Schreibgewohnheiten innerhalb der literaturbezogenen Blogs im rumänischen Internet analysiert im gleichen Heft der junge Dichter Constantin Vica. Die Blogger berichten zwar darüber, was sie bei der Lektüre empfinden, an einer Analyse sind sie aber nicht interessiert. Vica macht hier eine Neigung zur Obsession aus, die sich auch in anderen Bereichen beobachten lässt und sich in Bezug auf das Leseverhalten nicht zuletzt daran zeigt, dass beinahe ausschließlich Belletristik und fast ausnahmslos Romane gelesen werden.

Die Literatur-Blogs stellen innerhalb des rumänischen Internets insofern eine Ausnahme dar, als hier die Regeln guten Benehmens, einschließlich der Verpflichtung zu einer kultivierten Ausdrucksform, strikt eingehalten werden. Auf Vica wirken sie wie rebellische Angehörige einer Stammesgruppe, die die Passion Literatur vor dem Vernunfturteil der verhassten Stammesführer - damit sind die Literaturkritiker gemeint - zu bewahren versuchen.

Text: F.A.Z.

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