Bundeskulturstiftung

Alles außer Nolde

Von Heinrich Wefing

Der Sitz der Bundeskulturstiftung in Halle

Der Sitz der Bundeskulturstiftung in Halle

07. Juli 2004 Die Lieblingsbeschäftigung deutscher Kulturpolitiker ist die Erfindung von Institutionen. Meist, im trüben Alltag, müssen sie bestehende Häuser, Stiftungen oder Akademien gegen die Begehrlichkeiten der Haushälter verteidigen, müssen sparen, umstrukturieren, zusammenlegen, Intendanten feuern, Sponsoren charmieren und brav alle Premieren absitzen.

Kulturpolitik, sagen altgediente Recken, habe viel mit Politik zu tun, aber wenig mit Kultur. In ihren Sternstunden jedoch werden die Kulturpolitiker zu Institutionen-Bauern, zu Gründervätern (oder -müttern), zu lauter nachgeborenen Hilmar Hoffmanns, die immer neue Museen, Literaturhäuser, Festivals und Agenturen ins Leben rufen. Solche Schöpfungsakte gelten als Ausweis von Durchsetzungsfähigkeit und kulturpolitischer Kompetenz, garantieren Aufmerksamkeit, versprechen Prestige und Dauer: Nur wer gründet, bleibt; mögen die längst etablierten Einrichtungen dabei auch gelegentlich das Nachsehen haben.

Einzigartig in Europa

Folgt man dieser Binnenlogik, dann war Julian Nida-Rümelin ein über die Maße erfolgreicher Kulturpolitiker. In seinen beiden Jahren als Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt nämlich hat er mit der "Bundeskulturstiftung" (BKS) eine Institution ersonnen und durchgesetzt, die in Europa ihresgleichen sucht - jedenfalls was ihre Finanzausstattung angeht. Ihre Gründung im Frühjahr 2002 wird gern, wie der Erwerb der Sammlung Berggruen, als Bravourstück sozialdemokratischer Kulturpolitik der Ära Schröder hervorgekehrt, auch weil damit nach Jahrzehnten endlich eine alte Idee von Günter Grass verwirklicht werden konnte.

Daß dem Nobelpreisträger seinerzeit ganz andere Zwecke für die von ihm ersonnene "Nationalstiftung" vorschwebten, tat der Euphorie über die kreative Tat sowenig Abbruch wie der Umstand, daß Nida-Rümelins vergleichsweise tiefer Schluck aus der Pulle nicht mehr sonderlich viel Nektar für seine Nachfolgerin übriggelassen hat. Sei's drum: Jetzt ist das Geld da, und das allein scheint die Existenz der BKS zu rechtfertigen. Nicht einmal mehr die Opposition möchte auf sie verzichten.

Ein fetter Batzen

Was aber macht diese Bundeskulturstiftung? Eine vorbereitende, einfache Antwort lautet: Sie residiert in Halle, betreibt eine recht geräumige Dependance in Berlin, beschäftigt mittlerweile zweiundzwanzig feste Mitarbeiter und besitzt, was fast niemand sonst mehr hat: Geld. Nicht gerade im Überfluß, aber immerhin. Fast neununddreißig Millionen Euro kann die BKS jedes Jahr ausgeben.

Das ist, vergleicht man die Summe mit den vierhundert Millionen, die die Bundesregierung künftig alljährlich allein in die Förderung der Energieforschung stecken will, nicht atemraubend viel. Für die Künste jedoch ist es in Zeiten allseits schrumpfender Kulturetats ein fetter Batzen, von dem jeder gern ein Stückchen abbekäme. Geradezu magnetisch aber wird die Anziehungskraft dieses Geldes, weil nicht recht klar ist, nach welchen Kriterien die noch junge Stiftung es verteilt. Ein jeder also kann sich Hoffnungen machen.

Ohne Scheck kein Punk!

Blättert man in den Tätigkeitsberichten und Pressemitteilungen der BKS, finden sich darin Zuschüsse für so diverse Vorhaben wie den Forschungsschwerpunkt "Islam und Moderne" am Berliner Wissenschaftskolleg, die Donald-Judd-Ausstellung in Düsseldorf (F.A.Z. vom 7. Juli), Theaterfestivals in Hamburg, Hannover, Leipzig, Köln und Berlin, die Kubrick-Retrospektive in Frankfurt, das 16. European Media Art Festival "transmitter" in Osnabrück, das Stipendienprogramm auf Schloß Wiepersdorf, die "Woche des bosnischen Films", den Kongreß "Punk!" in Kassel, den Musiksommer "young.euro.classic" in Berlin und deutsch-russische Jugendbegegnungen.

Die BKS hat zudem einen "Fonds zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements für die Kultur in den neuen Ländern" geschaffen, und es gibt eine langfristige "Spitzenförderung" für "Leuchttürme der Gegenwartskunst" wie die documenta, das Frankfurter ensemble modern, das Berliner Theatertreffen oder die Donaueschinger Musiktage. Hinzu kommen "Programme", von der Stiftung selbst entworfene Arbeitsschwerpunkte, die sich beispielsweise des Problems der "schrumpfenden Städte" annehmen, kulturelle Auswirkungen der Migration oder des 11. September untersuchen, Kulturschaffende in Osteuropa unterstützen oder Diskussionsveranstaltungen in Venezuela fördern. Und warum auch nicht? Sogar der "Perlentaucher", die Feuilleton-Rundschau im Internet, bekommt drei Millionen Euro "Anschubfinanzierung" für eine englischsprachige Ausgabe.

Diffuser Gesamteindruck

Über den Sinn jedes einzelnen Förderbescheids läßt sich streiten; insgesamt bleibt ein diffuser Gesamteindruck. Für Verfassungsrechtler und andere Freunde kulturpolitischer Systematik ist das ein Graus. Sie kritisieren die "Beliebigkeit" der Förderung, rufen nach einem "schärferen Profil", sprechen, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Kampeter, von einem "Gemischtwarenladen". Für alle die hingegen, die Geld wollen von der BKS, ist deren Streubreite ein Segen. Denn im Prinzip ist nur weniges nicht möglich. Wenn man bei der Stiftung anfragt, was sie denn vielleicht nicht finanzieren würde, wird nach einigem Zögern beispielhaft gesagt: "eine Nolde-Ausstellung in Saarbrücken".

Ein Blick in die Stiftungssatzung zeigt allerdings, daß es durchaus enge Grenzen der Freigebigkeit gibt. Institutionelle Förderungen von Einrichtungen, also Zuschüsse zu deren Bau oder Betrieb, sind ebenso ausgeschlossen wie Zuwendungen an Einzelpersonen. Ein Schwerpunkt, heißt es, solle die Förderung innovativer Programme und Projekte im internationalen Kontext sein, allerdings nur, soweit sie in die Zuständigkeit des Bundes falle.

Jargon der Eigentlichkeit

Aus diesen Vorgaben hat sich anfangs eine Förderungspraxis entwickelt, die der einstige Kulturstaatsminister Michael Naumann einmal als "kapriziös" bezeichnet hat. Stiftungsratsmitglieder, die lieber ungenannt bleiben wollen, spotteten über eine "Filiale der documenta", die "Welt" sprach gelegentlich von "ABM für Kreativkräfte", Naumann mokierte sich über den "Jargon der Eigentlichkeit zeitgenössischer Kultursoziologie", der die Stiftungsveröffentlichungen präge, in denen es nur so von Begriffen wie "Transformation", "Netzwerken", "situativen Ereignissen" und "kollektivem Austausch" wimmelt.

Antje Vollmer (Grüne), ebenfalls Mitglied im Stiftungsrat, sorgt sich um die öffentliche Akzeptanz der Stiftung, wenn deren Projekte immerzu nur ephemeren Charakter hätten und von der Förderung nichts bleibe als ein Katalog oder eine CD-ROM, und Kulturstaatsministerin Christina Weiss erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung, daß sie für "eine Mischung der Förderung zwischen dem Prozeßhaften und dem Bleibenden" plädiere.

Avantgarde in der Nische

Der Eindruck einer Fixierung auf das Zeitgenössische wurde zunächst noch verstärkt durch die Berufung von Hortensia Völckers. Mit ihrer Biographie - Erfinderin der Münchner Tanzbiennale, Assistentin von Catherine David bei der documenta X, Leiterin der Wiener Festwochen - steht die Gründungsdirektorin der BKS für einen Kulturbegriff, der das vermeintlich Avancierte, Exzentrische, Prozeßhafte, politisch Eingreifende, Diskursive in den Vordergrund rückt. Frau Völckers allerdings fühlt sich durch derlei Zuschreibungen mittlerweile "stigmatisiert" und verweist auf die Vielfalt der Unternehmungen, die ihre Stiftung fördert.

Tatsächlich scheint der Vorwurf einer übergroßen Beliebigkeit der Förderung auf den ersten Blick in einem gewissen Widerspruch zu der Kritik an der Fixierung der Stiftungspolitik auf das Experimentelle zu stehen. Bei näherem Hinsehen jedoch löst sich dieser Widerspruch auf. Beide Bewegungen, das Vorpreschen ins Avantgardistische wie die Flucht in die Breite, sind Suchbewegungen, Ausdruck des Evolutionsprozesses einer Institution, die ihren genuinen Ort in der Kulturförderung erst noch finden muß.

Mit Anträgen bombardiert

Wie eine Karosserie im Windkanal wird die Bundeskulturstiftung von den Kräften geformt, die an ihr zerren. Sie reagiert mehr oder weniger geschmeidig auf Wünsche, Anregungen, Pressionen der Politik, sie muß Konflikten mit den ihr nicht durchweg freundlich gesinnten Ländern ausweichen, sie wird mit Anträgen bombardiert und sondiert selbst, wo sie eingreifen könnte. Welche Gestalt die BKS am Ende in dem Spiel von Druck und Gegendruck gewinnen wird, ist einstweilen schwer zu sagen.

Diese allmähliche Verfertigung einer Stiftung beim Austeilen von Fördermillionen ist die unmittelbare Folge der eigentümlichen Umstände bei der Gründung der BKS. Die Stiftung nämlich ist nicht so sehr als Reaktion auf ein drängendes Bedürfnis hin errichtet worden, als vielmehr aus dem Wunsch heraus, überhaupt eine Bundeskulturstiftung zu schaffen.

Gedanke an eine Nationalstiftung

Der Gedanke an eine Nationalstiftung geisterte seit Günter Grass' Initiative durch den politischen Raum, und jeder verband damit, was ihm lieb und teuer war: Grass selbst schwebte wohl eine Art "heritage fund" zur Bewahrung des kulturellen Erbes nach britischem Vorbild vor; Michael Naumann hoffte auf einen Fonds, mit dessen Mitteln sich die Beutekunstverhandlungen mit Rußland erleichtern ließen, und Nida-Rümelin dachte an ein Äquivalent der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, für die Kultur. Eine grundsätzliche Debatte darüber aber, was die Aufgabe einer Nationalstiftung in Deutschland zu sein hätte, wie sie ihre innere Balance zwischen Bestandspflege und Innovation finden könnte, hat es nicht gegeben.

Verschärft wird diese konzeptionelle Schwäche noch durch das unglückliche Nebeneinander mit der bereits 1987 gegründeten "Kulturstiftung der Länder" (KSL), an der sich der Bund gleichfalls finanziell beteiligt hat. Daß es wegen des hartnäckigen Widerstandes der Länder, zumal Bayerns, nicht gelungen ist, diese beiden, einander im Grunde so ähnlichen Institutionen zu verschmelzen, ist recht eigentlich der "Geburtsfehler" (Norbert Lammert) der Bundeskulturstiftung.

Sie ist in ihrer Ausrichtung auf das Internationale, Hauptstädtische und Innovative so erkennbar auf die Lücke hin zugeschnitten, die das Verfassungsrecht dem Bund für die Kulturförderung läßt, daß sie gleichsam eingeklemmt wirkt, daß ihr jedenfalls vergleichsweise wenig Raum bleibt, ihre finanzielle Potenz auszuspielen. Wo immer sie das eher Archivalische, Archäologische, überhaupt das Bestehende, die Substanz, fördern wollte, würde sie sogleich die Enge ihres juristischen Korsetts spüren.

Andererseits ist der Etat der KSL seit dem Auszug des Bundes, der auf das Scheitern der Fusionsverhandlungen folgte, auf Magerstufe gestellt. So existieren nun also zwei Stiftungen nebeneinander: die eine mit recht viel, die andere mit beklagenswert wenig Geld versehen, die arme mit dem ungeheuer weiten Betätigungsfeld der Substanzerhaltung betraut, die reiche auf den relativ engen Spielraum des Innovativen und Internationalen beschränkt. Viel absurder kann Kulturpolitik nicht sein.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2004, Nr. 156 / Seite 27
Bildmaterial: dpa

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