12. Juli 2007 So gelassen, um nicht zu sagen apathisch die Engländer manche Zustände hinnehmen, die dem Besucher als unannehmbar erscheinen - von der mittelalterlichen Rohrleitung in den Häusern bis zur bröckelnden viktorianischen Infrastruktur -, so erfindungsreich entfalten sie, wenn es hart auf hart geht, nicht nur bemerkenswertes Durchhaltevermögen, sondern auch die Fähigkeit, allen Widrigkeiten zu trotzen. Das zeigt sich am Beispiel des Weinbaus. Alles spricht oder sprach zumindest bis vor kurzem gegen die kommerzielle Auswertung von Reben in England, insbesondere das Klima: Im Frühling später Frost, der die Weinblüte zerstört, feuchte, kurze Sommer und verregnete Herbsttage, die den Pilzkrankheiten Vorschub leisten.
Tacitus bemerkte schon im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt in der Biographie seines Schwiegervaters Gnaeus Iulius Agricola, des römischen Statthalters Britanniens, wie unangenehm das Wetter mit dem vielen Regen und Nebel sei und wie der Boden jedes Naturprodukt trage, nur nicht Oliven, Trauben und andere im wärmeren Gebieten heimische Gewächse.
Wie macht man eine kleines Vermögen
Und in neueren Zeiten frotzelte Peter Ustinov, er stelle sich die Hölle so vor: Italienische Pünktlichkeit, deutscher Humor und englischer Wein. Von ihm stammt allerdings auch der Spruch, dass der Engländer das Gefühl liebe, über sich selbst lachen zu können, wenn auch nur, um anderen die Freude zu nehmen, über ihn zu lachen. Die Winzer, die jetzt vor allem im Süden der Insel ernsthaft und nicht ohne Erfolg versuchen, das Vorurteil gegen den englischen Wein zu beseitigen, sind sich bei aller Entschlossenheit der Komik ihres Unterfangens durchaus bewusst. Obwohl sie sich auch gern darauf berufen, dass die Weinherstellung in England eine Tradition habe, die spätestens mit den Römern begann, sind sie die Ersten, die über ihren Wagemut Galgenwitze machen. Wie macht man eine kleines Vermögen?, lautet ein geläufiger Scherz: Man beginnt mit einem großen Vermögen und legt einen Weinberg an.
Mit dem Pioniergeist der Vorväter, die das Empire gebaut haben, und der Passion des Kenners mausern sich die englischen Hobbywinzer von einst zu professionellen Unternehmern, deren Produkte, vor allem die Schaumweine, mitunter auch bei Blindverkostungen internationale Anerkennung finden. Beim International Wine Challenge, einem seit 1983 alljährlich in London abgehaltenen Wettbewerb, der diesmal vierhundert Degustatoren zur Bewertung von mehr als neuntausend Weinen aus fünfunddreißig Ländern anzog, haben englische Hersteller vor wenigen Wochen einundzwanzig Medaillen errungen, darunter Gold für den Greenfields Sparkling Cuvée, Jahrgang 2003, einen nach der Champagnermethode gegärten Wein des Gutes Denbies, vierzig Kilometer südwestlich der Hauptstadt.
Reben statt Ponys
Damit hinkten die Engländer freilich weit hinter den Franzosen her, die 635 Medaillen gewannen, den Australiern und den Italienern, die den zweiten und dritten Platz erreichten. Aber der Vergleich zu den beiden Vorjahren ist ein Indiz für den Fortschritt: 16 englische Medaillen 2006 und nur zehn im Jahr 2005.
Diese Anstrengungen machen sich im Hügelland von Sussex, Surrey und Kent, aber auch in Devon, East Anglia, Mittelengland und neuerdings sogar auch Yorkshire landschaftlich bemerkbar. Fallende Getreidepreise, eine Reihe von heißen Sommern und warmen Herbsten, verbunden mit neuen Forschungen, der Züchtung von hybriden Traubenarten, die der Witterung standhalten, sowie das Bewusstsein für den Öko-Fußabdruck, welcher als Sonderkennzeichnung lokale Produkte fördert, verlanlassen Weinliebhaber in immer größeren Zahlen, vorhandenes Ackerland mit Reben zu bepflanzen. Pferdevernarrte Grundbesitzer setzen den Ambitionen mancher Anbauer allerdings Grenzen, wie Michael Roberts, Gründer des RidgeView Weingutes in East Sussex, klagt. Die zahlungskräftigen Nachbarn wollen ihre Ponys auf der Weide grasen lassen und trennen sich ungern von den Grünflächen, was die Preise von 3500 Pfund pro Acre Agrarland (0,40 Hektar) auf 11.000 Pfund für Boden von Reiterinteresse hochtreibt. Gemessen an einer Millionen Pfund pro Hektar in der Champagne, ist das aber noch günstig.
Nur hundert Kilometer Luftlinie zur Champagne
Darauf setzen Hersteller wie Roberts, der eine erfolgreiche Computerfirma verkauft hat, um zusammen mit seiner Frau, seinem Sohn, der australischen Schwiegertochter und seiner Tochter einen Lebenstraum zu erfüllen: Schaumwein nach der méthode traditionelle herzustellen, der sich an Champagner messen lässt.
Schließlich, so erinnert Roberts, hätten die Engländer die Methode erfunden - mehr als dreißig Jahre bevor der blinde Kellermeister Dom Perignon seine Benediktinerbrüder rief und schwärmte, er trinke Sterne. Im Jahre 1672 nämlich berichtete der Mediziner Christopher Merret der königlichen Akademie der Naturwissenschaften in London bereits, wie Weinerzeuger in jüngster Zeit allen Arten von Weinen Zucker und Melasse zusetzen, um sie frisch zu halten und perlend zu machen. Da der Begriff Champagner marktgeschützt ist, nennt Roberts sein Produkt Cuvée Merret. Der gewiefte Geschäftsmann hat Merret als Warenzeichen eingetragen und hofft sogar, dass der Name sich als allgemeine Bezeichnung für den englischen Qualitätsschaumwein durchsetzt.
Roberts ist die Liebe zum Wein und zur guten Küche anzusehen. Stolz führt der beleibte Gourmet durch seine Kellerei, die in enger Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Champagne mit den neuesten technologischen Gerätschaften ausgestattet ist, darunter eine von allen großen Marken begehrte Presse der Firma Coquard, die den Traubensaft sanft entnimmt, damit Klarheit und Qualität gewährleistet sind. Die Rechnung von Roberts und anderen Herstellern im Südenglischen geht folgendermaßen: Ihre Güter liegen nur hundert Kilometer Luftlinie von der Champagne entfernt, sie haben das gleiche Mikroklima und den gleichen säurehaltigen Kalkboden mit niedrigem ph-Wert, der die beste Voraussetzung für Schaumwein liefert.
Nachfrage größer als Vorrat
Angesichts der Erderwärmung häufen sich denn auch die Berichte, denen zufolge Champagner-Hersteller sich neuerdings in Südengland nach Grundboden umsehen, um sich abzusichern. Die englischen Winzer scheinen die Einzigen zu sein, denen die apokalyptischen Visionen Hoffnung bereiten, solange es nur nicht zu der neuen Eiszeit kommt, die manche Meteorologen prophezeien. Bis 2010 will Roberts die Produktion von rund 50.000 auf 120.000 Flaschen im Jahr steigern. Zurzeit sei die Nachfrage größer als der Vorrat. Sein Merret Grosvenor, ein Blanc de Blanc, wurde bei dem Festessen der Londoner City anlässlich des achtzigsten Geburtstages der Königin gereicht. Zahlreiche Auszeichnungen säumen den Aufgang zu seinem Verkostungsraum.
Die RidgeView-Schaumweine, die allesamt nach Londoner Stadtteilen benannt sind, richten sich an den gehobenen Markt. Die Zeiten, da die Briten mit ihren leichten, fruchtigen Weinen auf der Liebfrauenmilch-Welle ritten, sind vorbei. Zwar sind deutsche Rebsorten immer noch vorherrschend, auch wenn germanisch klingende Namen wie Müller-Thurgau, Reichensteiner und Huxelrebe gemieden werden, um den Verbraucher nicht zu irritieren, wie Stephen Skelton in seinem englischen Weinführer vermerkt.
Der Geschmack ist, nicht zuletzt durch die Einflüsse aus der Neuen Welt, anspruchsvoller geworden. Umso mehr streben die Spitzenhersteller hohe Qualität an. Das spiegelt sich auch in den Preisen, die bisweilen unverhältnismäßig hoch erscheinen, zumal, wenn man wie der populäre Weinkritiker Malcom Gluck lästert, die englischen Weinberge seien wie kornische Teeplantagen und Olivenhaine auf der Isle of Dogs im ehemaligen Hafengebiet für das Vereinte Königreich, geschweige denn für den Rest der Welt, genauso bedeutungslos wie die Falklandinseln für die Autoindustrie.
Dieselöfen bei Frostgefahr
Die Produktion ist zu klein, um die Kosten niedrig halten zu können, zumal die Verbrauchsteuer bei Schaumwein 1,71 Pfund pro Flasche liegt und der Staat im Gegensatz zu Frankreich seine eigenen Hersteller nicht durch niedrigere Abgaben fördert.
Selbst Denbies in Dorking, ein ehemaliger Schweinemastbetrieb und Brombeeranbau, der inzwischen mit rund hundert Hektar das umfangreichste Weingut Englands darstellt, setzt den Großteil seiner Produktion im Direktverkauf ab, um Zwischenhändler zu umgehen. Zu diesem Zweck vermarktet sich Denbies als Erlebnispark mit einer Panorama-Filmvorführung in einem Raum, wo der Vorhang aufgeht wie im Krematorium, einer Schienenbahn, die Besucher wie auf der Kirmes durch die Kellerei führt, und Weinbergsbesichtigungen. Die Dieselöfen, die wie Wachen zwischen den Reben postiert sind, machen deutlich, wogegen der englische Weinbau anzukämpfen hat. Bei Frostalarm muss Personal herbeieilen, um die Öfen anzuzünden, damit die Blüte nicht erfriert. Ob Weinberge, wie manche voraussagen, demnächst auch das schottischen Tiefland zieren werden, steht in den Sternen geschrieben. Zurzeit beschert der Wettergott den Winzern kübelweise Regen, so dass sie um ihre Ernte bangen. Aber fest steht, dass der Klimawandel Tacitus ins Unrecht gesetzt hat. In England gedeihen nicht nur Reben: In London ersetzen sogar schon Olivenbäume den Lorbeer als Gartenpflanze.
Text: F.A.Z., 12.07.2007, Nr. 159 / Seite 40
Bildmaterial: CINETEXT
Schluss mit den ![]()
Opernpremiere in Amsterdam: Salome
Gedenkfeier in Paris: Von Vichy bis an den Belt?
Rezension: Olivier Guez und Jean-Marc Gonin über Die Mauer fällt