Schweizer Sturmgewehre

Ehrbar ist, wer wehrbar ist

Von Jürg Altwegg, Genf

23. April 2008 Die sechzehnjährige Francesca wurde an der Haltestelle Hönggerberg in Zürich erschossen, es geschah an einem Freitagabend Ende vergangenen Jahres kurz nach 22 Uhr. Die angehende Coiffeuse wartete zusammen mit ihrem Freund auf den Bus der Linie 80. Das Paar war auf dem Weg zu Francescas Vater, der seinen Geburtstag feierte. Der Schuss kam aus einem Sturmgewehr, von denen es in der Schweiz Hunderttausende gibt. Die Polizei ging zunächst von einem Eifersuchtsdrama aus und untersuchte das Leben und das Umfeld der Sechzehnjährigen. Zeugen führten sie nach wenigen Tagen auf die richtige Spur. In der Nähe der Haltestelle war ein junger Mann in Tarnjacke und mit einem Gewehr gesehen worden. Er wurde schnell gefasst: Ein Schweizer, einundzwanzig Jahre alt, chilenischer Herkunft, Luis W. mit Namen. Zu seinem Opfer hatte er keinerlei Beziehung.

Wenige Stunden vor dem tödlichen Schuss war der Rekrut von der Armee ins freie Wochenende entlassen worden. Warum er schoss, wird wohl auch der Prozess nicht nachvollziehbar machen, es war ein Verbrechen ohne Motiv. Hätte der angehende Soldat das Gewehr nicht mit nach Hause nehmen dürfen, würde Francesca P. heute noch leben. Dieses Unglück war kein Einzelfall: In Rüti hatte ein Rekrut mit seinem Sturmgewehr das gegenüberliegende Haus unter Beschuss genommen, er drückte 41 Mal ab. Eine Frau, die am Computer saß, wurde lebensgefährlich, eine andere mittelschwer verletzt. Der zwanzigjährige Schweizer gab an, er wolle ins Gefängnis.

Fall Nummer drei: Nicht mit dem Sturmgewehr, sondern mit seiner Offizierspistole schoss Gerold Stadler. Er hatte es in der Armee und im Leben weit gebracht. Stadler war Finanzberater bei der Schweizer Großbank „Credit Suisse“. Und er hatte eine berühmte Frau, die Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet, die Mutter seines Kindes. Sie war erneut schwanger, als Gerold Stadler die Sportlerin und deren Bruder tötete - im Hause der Eltern im Walliser Skiort Les Crosets. Die Schwiegermutter wurde von fünf Kugeln getroffen. Die tagelange Fahndung hielt das Land in Atem, schließlich wurde Stadler tot in einem Wald gefunden.

Zum Thema

Ein Waffenregister gibt es nicht

Jährlich sterben - Suizide eingeschlossen - in der Schweiz dreihundert Menschen durch Armeewaffen. Ein paar tausend Gewehre und Pistolen, die von den Soldaten zu Hause im Keller oder im Kleiderschrank aufbewahrt werden, sind spurlos verschwunden. Jede Kuh und jedes Auto verfügen in diesem Land über ein amtliches Kennzeichen, aber ein Waffenregister gibt es nicht. Gegen drei Millionen Schusswaffen lagern in Schweizer Haushalten, schätzt die Frauenzeitschrift „Annabelle“, die nach dem Tod von Corinne Rey-Bellet eine Petition „Keine Schusswaffen zu Hause“ lancierte. Die Unterschriften wurden der Regierung in Bern geschickt. Politische Kreise legten noch kurz vor dem Verbrechen an der Bushaltestelle mit der Volksinitiative „Schutz vor Waffengewalt“ nach.

„Wer sich nicht an Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsvorschriften hält, kann Tote verursachen“, argumentiert die Parlamentarierin Chantal Galladé: „Bei mir haben sich viele gemeldet, die sagten: Ich wäre zum Mörder geworden, wenn ich eine Waffe im Schrank gehabt hätte.“ Die Abgeordnete Anita Fetz hat in Bern mehrere Motionen eingereicht: „Der Volksmund weiß, dass Gelegenheit Diebe macht. Bei den Waffen macht Gelegenheit Tote.“ Frauen, erzählt Fetz, die von ihren Männern geschlagen wurden, seien oft auch mit der Militärwaffe bedroht worden. „Waffen gehören ins Zeughaus, nicht ins Schlafzimmer“, fordert die eidgenössische Außenministerin Micheline Calmy-Rey.

Jedem Bürger seine Waffe

Der Angriff der Frauen auf die Waffen der Männer wird auch von konservativen Politikerinnen geführt, denen der Patriotismus bislang wichtiger war als jeglicher Pazifismus. Die Genfer Ärztin und Galeristin Barbara Polla hat ihr liberales Weltbild revidiert: „Bisher galt für uns: Wenn du in Frieden leben willst, musst du den Krieg vorbereiten. Wer das Waffentragen reglementiert, bedroht die Freiheit. Doch inzwischen gehört die Sorge um die Umwelt zum liberalen Credo. Der ökologische Frieden setzt die Abschaffung der Waffen voraus.“ Niemand zweifelt am Ausgang dieses Kulturkampfs der Geschlechter. Er wird ein Land verändern, das seine Begründung auf den mutigen Meisterschützen Wilhelm Tell zurückführt.

Seit der Schlacht von Morgarten bewahren die Schweizer ihre Waffen zu Hause auf. Jeder Bürger muss in der Milizarmee seinen Beitrag zur Landesverteidigung leisten - ein Heer von Berufssoldaten wollte man sich vor allem aus finanziellen Gründen nicht leisten. Machiavelli hielt die Schweiz für das am besten bewaffnete und deshalb freieste Volk der Welt. Lenin sah es ähnlich: „Die Schweiz ist das revolutionärste Land, weil der Staat den Soldaten die Gewehre und sogar die Munition nach Hause mitgibt. Das tut kein anderer Staat.“ Die Schweizer haben ihr Sturmgewehr nicht nur im Schrank, sondern auch im Kopf. Die Vorstellung der permanenten Bedrohung wurde zur Identität des Landes, das praktisch seit Menschengedenken von Kriegen verschont blieb. „Dank unserer Wehrbereitschaft!“

Das Wohnhaus als Keimzelle der Landesverteidigung

Die Volksarmee wurde zur Klammer, die das Land zusammenhält, auch kulturell und sozial: Im Militärdienst trafen die Männer der verschiedensprachigen Landesteile wie der unterschiedlichen sozialen Schichten aufeinander. Wer in Banken, in der Wirtschaft und in der Politik Karriere machen wollte, tat dies über seine militärischen Seilschaften und baute auf die Führungsqualitäten, die er im Militärdienst erworben hatte. Auch in der Schule marschierte man in Viererkolonnen - noch lange nach dem Krieg - und sang das „Sempacherlied“. Das „Schweizerische Soldatenbuch“ wie das „Schweizerische Zivilverteidigungsbuch“ waren in den Haushalten zumindest ebenso stark verbreitet wie die Bibel. „Ehrbar ist, wer wehrbar ist“, steht darin geschrieben. Für die Armeewaffe zu Hause braucht man keinen Waffenschein, aber noch immer gilt: Wer seine Militärdienstpflicht ohne Waffe absolvieren will, muss zum Nachweis seiner Ehrenhaftigkeit einen aktuellen Auszug aus dem Strafregister vorweisen.

Das von der Kulturrevolution der Frauen gegen die Gewalt der Männer vorbereitete Zeitalter begann mit dem neuen Jahr 2008. Seit dem 2. Januar dürfen Soldaten in Genf ihr Gewehr im Zeughaus abgeben - ohne dass Bern eine Truppe zum Niederschlagen der antimilitärischen Revolte gegen die Tradition und das Tabu in die Friedensstadt geschickt hätte. Noch hält die offizielle Doktrin des Landes eisern an der Überzeugung fest, dass die Waffe zu Hause ein Beitrag zur Landesverteidigung sei.

Abschied vom Sonderfall

Etwas trotzig veröffentlichte die „Weltwoche“ eine Titelgeschichte über die viel gefährlichere „Tatwaffe Messer“: „Dass in einem freiheitlichen, geordneten Land individueller Schusswaffenbesitz kein erhöhtes Sicherheitsrisiko bedeutet, ist nicht Schwärmerei und rückwärtsgewandte Verklärung, sondern eine mit Zahlen jederzeit belegbare Realität.“ Es geht in der Tat um etwas anderes: „Die eigentlichen Intentionen der Anti-Sturmgewehr-Initiative sind leicht identifizierbar: Abschaffung der Armee, Zerschlagung der Miliz, schlanke Einpassung der Schweiz in das EU-System, Nato-Kompatibilität einer auf Auslandseinsätze getrimmten Armee.“ Nein, die Absicht der Frauen ist das nicht, aber es werden die Folgen sein. Das Ende des Sturmgewehrs wird die Verteidigung des Bankgeheimnisses schwächen. Der Sonderfall Schweiz steht vor dem Aus.

Längst nimmt die Armee im Widerspruch zur früheren Neutralität an Friedenseinsätzen der Vereinten Nationen teil und muss, weil sie in der Enge des eigenen Landes stört, zum Teil auch schon im Ausland üben. Englisch wird Offizierssprache. Parallel zum Verlust an gesellschaftlichem Einfluss ging die Ehrbarkeit zurück. Zwanzig Prozent der Armeeangehörigen, räumte kürzlich sogar der Verteidigungsminister ein, sind im Strafregister eingetragen, nicht nur wegen Verkehrsdelikten. Unter Berufssoldaten ist der Drogenkonsum besonders ausgeprägt. Auch Luis W., der Mörder von Francesca, konnte gefunden werden, weil er vorbestraft ist. Er gehörte der linksradikalen Szene an und hat bei Demonstrationen einst einen Brandsatz gelegt.

Seit seinem Verbrechen ist die Initiative „Schutz vor Waffengewalt“ ein Selbstläufer. Ihre Gegner wissen längst, dass sie nur noch heroische Rückzugsgefechte führen. Gegenwärtig drehen sich die Diskussionen um die Erfassung der Vorstrafen durch die Armee, man wird sie in Zukunft selber melden müssen. Im Parlament wurde der Vorschlag gemacht, die Sturmgewehre den Soldaten ohne Versatzstück zu überlassen, dann wären sie schießuntauglich. Die einen wollen so das Symbol retten, andere halten das für lächerliche Folklore. Der aktuellste Streit betrifft auch die Wachdienste der Soldaten. Das pazifistische Genf, die politische Heimat der Liberalen Barbara Polla und der Sozialistin Calmy-Rey, verlangt, dass die Waffen dabei gesichert bleiben. Das wäre während der kommenden Fußball-Europameisterschaft, bei der die Armee zum Großeinsatz kommt, wohl auch besser so.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Picture-Alliance/KEYSTONE

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche